Das Vereinigte Königreich entwickelt im Rahmen eines vergebenen Auftrags an RBSL im Wert von 800 Millionen Pfund (ca. 930,64 Millionen Euro) einen neuen Kampfpanzer, den Challenger 3, der das Herzstück der Kampffähigkeit des britischen Heeres werden soll. Er wird die direkte Feuerkraft und den Schutz bieten, die die schweren Kampfbrigaden der British Army benötigen, um sich dem Feind zu nähern und gut verteidigte Stellungen zu durchbrechen. Außerdem soll die Plattform dazu beitragen, die britische Verteidigungsindustrie und die Exportaussichten im Landbereich wiederzubeleben.
Da vieles von diesem wichtigen Programm abhängt und die ersten Auslieferungen für 2027 erwartet werden, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wie das Programm entstanden ist und wie es weitergehen soll.
Der Kontext ist entscheidend
Wie viele Programme der British Army geht auch die Forderung nach dem Kampfpanzer Challenger 2 auf die späten 1980er Jahre zurück, seine Beschaffung auf die frühen 1990er Jahre, als sich die Bedrohungslage dramatisch verändert hatte. Der Challenger 2 wurde 1986 von Vickers Defence Systems als privates Projekt entwickelt. Zu dieser Zeit verfügte Großbritannien über zwei Kampfpanzertypen, den Challenger 1 und den Chieftain.
Der Challenger 1 war erst 1982 in Dienst gestellt worden, schnitt jedoch 1987 beim Canadian Army Trophy – einem NATO-Panzer-Schießwettbewerb – schlecht ab, was die Forderung nach einer Ersatzplattform verstärkte. Daher wurde 1987 offiziell eine Ausschreibung veröffentlicht, und der Challenger 2 trat gegen den M1 Abrams aus den USA und den Leopard 2 aus Deutschland an.
Der Entwicklungsauftrag wurde 1988 an Vickers vergeben, und der Challenger wurde schließlich 1991 ausgewählt und unter Vertrag genommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Challenger 1 während des Golfkriegs als relativ zuverlässig und effektiv erwiesen und einen der weitesten Panzerabwehrschüsse in der Geschichte erzielt.
Da jedoch der Warschauer Pakt und die Sowjetunion rasch zusammenbrachen und als Bedrohung verschwanden, sah man keine Notwendigkeit mehr, den Challenger 1 im Dienst zu behalten, und alle Anstrengungen konzentrierten sich fortan auf den Challenger 2. Der reduzierte Kampfpanzerbedarf in Friedenszeiten sollte die verbleibende Lebensdauer des Challenger 2 prägen.
So wurde beispielsweise Anfang der 2000er Jahre das Challenger Lethality Improvement Programme (CLIP) ins Leben gerufen, um die gezogenen L30A1-Kanone durch eine Glattrohrkanone zu ersetzen, die einteilige Munition verschießen kann. Dies erforderte jedoch mehr Platz im Turm, was als zu kostspielig angesehen wurde.
Das CLIP-Vorhaben wurde jedoch später in das Challenger Capability Sustainment Programme (Programm zur Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit des Challenger) integriert, das auch ein neues Antriebsaggregat umfasste, das Platz für einteilige Munition bot, sowie ein neues Klimatisierungssystem für die Besatzung, das den Einsatz der Plattform überall auf der Welt ermöglichte. Im Jahr 2011 gab das Verteidigungsministerium dann bekannt, dass das Programm zur Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit verschoben werde, um es schließlich 2012 ganz zu streichen.
Dies führte zum Challenger Life Extension Programme (LEP), wobei das Verteidigungsministerium mehr um die Obsoleszenzbeseitigung als um die Verbesserung der Letalität besorgt war. Es gingen mehrere Angebote ein, und 2016 wurden zwei Aufträge vergeben: einer an Rheinmetall, der andere an Team Challenger 2, zu dem BAE Systems und General Dynamics gehörten.
Beide Bietergruppen reichten zwischen 2018 und 2019 ihre Angebote für das LEP ein. BAE präsentierte den Black Night, ein bescheidenes Upgrade mit verbesserter Optronik und modernesierter Führungsarchitektur, während Rheinmetall einen komplett neuen Turm und die Nutzung einer 120mm-Glattrohrkanone L55A1 vorschlug, sowie die Kompatibilität mit den britischen Ajax-Aufklärungsfahrzeugen durch die Orion-Kommandantenoptik.
Im Jahr 2019 gründeten Rheinmetall und BAE dann Rheinmetall BAE Systems Land (RBSL) und vereinbarten, die Arbeiten am LEP im Werk in Telford durchzuführen. Die British Army passte daraufhin ihre Anforderungen im Jahr 2021 an das ursprüngliche Angebot von Rheinmetall an, und die Arbeiten an dem nun als Challenger 3 bekannten Projekt begannen.
Wo steht Challenger 3 derzeit?
Wie zu erwarten war, gab es im Zusammenhang mit dem Challenger 3 zahlreiche Vertragsabschlüsse, und erste Anzeichen deuten darauf hin, dass er tatsächlich zur Erholung der britischen Verteidigungsindustrie beigetragen hat. Beispielsweise Pearson Engineering erweitert seine Fertigungskapazitäten für die Herstellung der Türme, und MilDef erhielt einen Auftrag im Wert von 2,5 Millionen Pfund (2,9 Millionen Euro) zur Lieferung der generischen Fahrzeugarchitektur für die Plattform, während Rheinmetall eine neue Rohrfertigungsanlage in Telford eröffnen wird. Die wichtigsten Verträge und Ankündigungen sind in der folgenden Zeitleiste aufgeführt.
- Mai 2021: Unterzeichnung eines Vertrags mit RBSL über 800 Millionen Pfund für 148 Challenger 3.
- März 2022: Erste Entwurfsprüfung
- Februar 2023: Abschluss der kritischen Entwurfsprüfung für den Challenger 3, sodass mit der Produktion von Prototypen begonnen werden konnte. Lieferung der ersten Turmstruktur von Pearson Engineering an RBSL.
- Juli 2023: Unterzeichnung eines Vertrags über 20 Millionen Pfund für Trophy HV APS, um die Demonstrationsphase zu ermöglichen.
- September 2023: Abschluss der Testschusskampagne mit der 120mm-Kanone L55A1CR3 – der L55A1 in Challenger-3-Konfiguration. Sie fand im April desselben Jahres statt.
- Januar 2024: Vorproduktionsmodelle des Challenger 3 gehen in die Erprobung. DE&S erteilt RBSL den Auftrag zur Herstellung und Montage eines verbesserten Panzerungspakets.
- September 2024: RBSL meldet die Fertigstellung von zwei Prototypen und die erfolgreiche Durchführung von Testläufen, sechs weitere Prototypen sollen folgen.
- Oktober 2024: Großbritannien und Deutschland unterzeichnen eine Vereinbarung mit Rheinmetall zur Qualifizierung der Enhanced Kinetic Effect-Munition für die Challenger 3- und Leopard 2-Flotten.
- Mai 2025: Rheinmetall kündigt den Bau einer neuen Fabrik zur Herstellung von Geschützrohren in Telford an.
Die Tests dienen dazu, das im Februar 2023 im Rahmen der Critical Design Review genehmigte Design zu prüfen. Auf der Grundlage der Leistung der Prototypen werden weitere Überarbeitungen und Anpassungen vorgenommen, die wiederum in die System Qualification Review (SQR) einfließen. Damit wird der Fertigungsstandard für die Produktion der verbleibenden 140 Panzer endgültig festgelegt. Laut der Website des britischen Heeres soll die SQR im Laufe des Jahres 2026 erreicht werden, und alle Challenger 3 sollen bis 2030 ausgeliefert werden.
Anmerkung des Autors: Was ist mit Drohnen?
Kampfpanzer haben im aktuellen Ukraine-Krieg eine schwere Zeit, da Hunderte von ihnen in schweren Kämpfen beschädigt oder zerstört wurden. Zwar sind Minen, Panzerabwehrflugkörper und Artillerie für viele dieser Verluste verantwortlich, doch richtet sich das Augenmerk vor allem auf FPV-Drohnen und deren Fähigkeit, fast jede gepanzerte Plattform zu zerstören – so scheint es zumindest. In diesem Zusammenhang lohnt es sich zu analysieren, warum FPV-Drohnen in der Ukraine eine solche Herausforderung darstellen, denn es ist keineswegs sicher, dass sie eine Bedrohung darstellen, die Panzer dominieren und überflüssig machen wird.
FPV-Drohnen sind oft mit einer explosiven Ladung aus einem anderen Waffensystem bestückt und nicht mit einem speziell für diesen Zweck entwickelten Gefechtskopf. Dazu gehört beispielsweise die PG-7V, eine hochexplosive Panzerabwehrgranate, die mit der RPG-7 abgefeuert wird und etwa 250 mm homogene Walzstahlpanzerung durchschlagen kann. Neuere Versionen dieser Granate können noch tiefer eindringen, aber oft sind noch die früheren Versionen im Einsatz. Diese Art von Granate wäre nicht in der Lage, einen Challenger 3 von vorne zu durchschlagen, und hätte wahrscheinlich auch von den Seiten Schwierigkeiten. Man kann mit Sicherheit sagen, dass es nicht die Wirkleistung einer FPV ist, die die Drohne zu einem Problem für Panzer macht, sondern die Mobilität und Steuerbarkeit. Eine FPV-Drohne kann mit sehr geringer Geschwindigkeit geflogen oder sogar auf dem Boden zum Stillstand gebracht werden, um auf ein vorbeifahrendes Fahrzeug zu warten, bevor sie aktiviert wird. Das bedeutet, dass Benutzer die Drohne auf einen verwundbareren Bereich des Fahrzeugs lenken können, z. B. den Motor im Heck, die Ketten und Laufräder oder durch offene Turmluken. In anderen Fällen, wie bei der Lancet-Loitering-Munition beobachtet, lenkt der Pilot die Munition gezielt auf schwächer gepanzerte Stellen am Turm.
Allerdings sind nur wenige, wenn überhaupt, der in der Ukraine eingesetzten Panzer so gut geschützt wie der Challenger 3 oder sogar der Challenger 2, wenn er mit einer Dorchester-Panzerung ausgestattet ist. In diesen Fällen würden die Fahrzeuge der Besatzung und den kritischen Systemen wahrscheinlich einen hohen Schutz vor dieser Art von Waffen bieten. Darüber hinaus könnte die geplante Integration des aktiven Schutzsystems Trophy die Überlebensfähigkeit schwer gepanzerter Fahrzeuge in einer von Drohnen gesättigten Umgebung weiter erhöhen. Der Hersteller Rafael Advanced Defence Systems hat eine Modifikation für das System eingeführt, mit der Drohnen zuverlässig abgewehrt werden sollen, bevor sie das Fahrzeug treffen, auch wenn sie sich von oben annähern. Zusammen mit dem verbesserten Panzerungspaket von DSTL sollte dies sicherstellen, dass der Challenger 3 ausreichend geschützt ist, um die meisten Missionen zu erfüllen. Es bleibt wahrscheinlich, dass große Schwarmangriffe in Kombination mit Minen und Panzerabwehrlenkflugkörpern die Panzer besiegen können. Diese Gefahr exestiert jedoch bereits seit mehreren Jahrzehnten.
Wird die Drohne also den Challenger 3 schon vor seiner Indienststellung überflüssig machen? Die kurze Antwort lautet: Nein, nicht auf Basis einer einzelnen Plattform. Die lange Antwort lautet jedoch, dass es davon abhängt, wie der Rest der British Army ausgerüstet und befähigt ist.
Autor: Sam Cranny-Evans. Der Beitrag erschien erstmalig am 4.11.2025 in englischer Sprache auf der hartpunkt-Partnerseite Calibre Defence.















