Rohrartillerie – Rheinmetall zeigt neue 155mm-Waffenanlage L60 mit bis zu 30 Prozent mehr Reichweite

Waldemar Geiger

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Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall hat gestern auf der Eurosatory in Paris erstmals seine neuentwickelte 155mm-Waffenanlage L60 vorgestellt, die eine Reichweitensteigerung von rund 30 Prozent gegenüber L52-Waffenalagen verspricht. Wie da Unternehmen angibt, sollen noch in diesem Jahr erste Schießvorführungen durchgeführt worden. Die Waffenanlage L60 wurde laut Rheinmetall entwickelt, um die effektive Reichweite von Rad- und Panzerhaubitzen deutlich zu erhöhen.

Rheinmetall gibt an, bereits mehrere Jahre an dem Vorhaben zu arbeiten, mit in dessen Rahmen die Kaliberlänge und das Volumen des Ladungsraums der Waffenanlage vergrößert werden soll. Das Konzept für eine solche Waffenanlage hat das Unternehmen bereits 2019 im Rahmen eines Symposiums des Förderkreis Deutsches Heer e.V. in Köln vorgestellt. Damals hatten die Ingenieure des Konzerns errechnet, dass eine L60-Waffenanlage mit einem Ladungsraumvolumen von 29 Litern für die Treibladung die Reichweite mit allen Munitionssorten signifikant steigern würde. Für die M2005 V-LAP in Verbindung mit der Topcharge-Treibladung von der Nitrochemie wurde aus dem L60-Rohr eine Schussreichweite von bis zu 83 km errechnet. Bei einem L52-Rohr sind es 63 km. Bei der klassischen Boattail-Munition wurde eine Reichweitendifferenz von 48 zu 35 bzw. 30 km (ohne Topcharge) errechnet. Nach Angaben des Unternehmens in Paris konnten die 2019 errechneten Werte mittlerweile bestätigt werden.

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Wie Rheinmetall im Rahmen des Messeauftritts in Paris erklärt, wurden die ersten Meilensteine bereits erfolgreich erreicht, sodass mit der Validierung des Konstruktionskonzepts begonnen und erste Rohre beschafft wurden. Die Waffenanlage misst 9.300 Millimeter Länge und wiegt etwas über 2,5 Tonnen.

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Dem Unternehmen zufolge wurden im Januar 2025 erfolgreiche Tests mit einem maximalen Schussdruck von >600 MPa abgeschlossen. Diese erfolgten Rheinmetall zufolge mit der neuen Waffenanlage, jedoch mit einem L52 Rohr. „Die Entwicklung und Erprobung des Waffensystems wurde im Jahr 2025 kontinuierlich fortgesetzt, wobei Mündungsgeschwindigkeiten von über 1.100 m/s erreicht wurden. Die erste Schießvorführung soll noch 2026 erfolgen“, so Rheinmetall. Die Mündungsgeschwindigkeit von 1.100 m/s würde einer Steigerung von rund 9 Prozent gegenüber der V0 21° Topcharge aus einer L52-Waffenanlage entsprechen. Gegenüber der V0 21° 6te Ladung aus dem L52-Rohr wären es über 16 Prozent Steigerung.

Reichweitenkombinationen der unterschiedlichen Munitionssorten und Rohrlängen.
2019 errechnete Reichweitenkombinationen der unterschiedlichen Munitionssorten und Rohrlängen. (Bild: Rheinmetall)

Wie ein zuständiger Rheinmetall-Vertreter in Paris gegenüber hartpunkt erklärte, geht das Unternehmen davon aus, dass die Waffenanlage ab 2027 qualifizierbar wäre. In der Zwischenzeit wird es eine Testkampagne im scharfen Schuss mit der neuen Waffenanlage in Kombination mit dem L60-Rohr geben. Neben der Waffenanlage müssen Rheinmetall zufolge auch noch Entwicklungsarbeiten an den Zündern erfolgen, da mit der L60 deutlich höhere Flughöhen erzielt werden, als dies mit der L52 der Fall ist.

Mit der neuen Waffenanlage L60 mit 29 Liter Ladungsraumvolumen wären Schussweiten von 75 Km (83 Km) mit konventioneller Munition möglich. (Graphik: Rheinmetall)
Dimensionen des 2019 vorgestellten Konzeptes für eine L60-Waffenanlage. Gegenüber den 2019 vorgestellten Konzept weist die in Paris 2026 gezeigte L60-Waffenanalge eine erkennbar andere Mündungsbremse (siehe Titelbild) auf. (Bild: Rheinmetall)

Das Rohr selbst wird nach Aussage des Unternehmens auf den selben Anlagen gefertigt, auf denen auch die aktuellen L52-Rohre entstehen. Weiterhin wird seitens des Unternehmens davon ausgegangen, dass die Nutzungsdauer der L60 sich auf dem Niveau der L52-Waffenanalge befinden wird. Einmal qualifiziert, soll die Waffenanlage sowohl in neuen als auch bestehenden Rad- sowie Panzerhaubitzen integrierbar sein.

Mehr Reichweite, mehr Schutz

Interessant im Zusammenhang mit der L60-Waffenanlage ist die Begründung für die Notwendigkeit einer größeren Reichweite für die Rohrartillerie. Hieß es 2019 noch, dass die größere Reichweite notwendig sei, um mit den reichweitenstärkeren Rohrartilleriesystemen der russischen Streitkräfte gleichziehen zu können, ist die Bedarfsbegründung heute eine andere.

Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, dass die westlichen Rohrartilleriesysteme, insbesondere mit L52-Waffenanalgen Reichweiten- und Präzisionsvorteile gegenüber russischen Rohrartilleriesystemen verfügen. Gleichwohl hat sich mit der zunehmenden Verbreitung der Drohnenkriegsführung die Gefahr für die Artillerie maßgeblich gewandelt. Selbst FPV-Drohnen sind heute in der Lage, Strecken von 20, 30 oder 40 km zurückzulegen und aufgeklärte Artilleriesysteme zu bedrohen. Um die Überlebensfähigkeit zu gewährleisten, müssen die Feuerstellungsräume weiter nach hinten verlegt werden, um sich der Reichweite der Drohnen so gut wie möglich entziehen zu können. Damit die benötigte Feuerunterstützung, auch in der Tiefe des Gefechtsraumes, trotzdem sichergestellt werden kann, muss auch die Reichweite der Rohrartilleriesysteme entsprechend zunehmen.

Waldemar Geiger