Anfang des Monats teilte TKMS-CEO Oliver Burkhard bei einer Telefonkonferenz mit, dass sein Unternehmen gegenwärtig eine mögliche Übernahme der Werft German Naval Yards Kiel (GNYK) im Rahmen einer Konsolidierung prüft. Seitdem verdichten sich die Informationen, wonach es sich nicht um den einzigen Interessenten für die Kieler Werft zu handeln scheint.
So berichtet die Nachrichtenagentur Reuters in dieser Woche, dass sich das britische Verteidigungs-, Marine- und Industrieunternehmen Inocea Group in Verhandlungen über den Kauf von GNYK befinden soll. Die Agentur beruft sich in dem Bericht auf eine mit dem Sachverhalt vertraute Person als Quelle.
Wie es auf der Homepage der Inocea Group heißt, besteht das Kerngeschäft des privat geführten Unternehmens aus dem Erwerb, der Gründung sowie dem Betrieb von Unternehmen, die innovative, missionskritische Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen Schifffahrt, Verteidigung und Energie anbieten. Zu Inocea gehört unter anderem das kanadische Unternehmen Davie Shipbuilding, das nach eigenen Angaben die kanadische Flotte von Polareisbrechern betreibt und baut. Davie Shipbuilding wiederum hat 2023 die auf den Bau von Eisbrechern spezialisisierte finnische Werft Helsinki Shipyard übernommen und in diesem Jahr auch die auf das Marinegeschäft fokussierte US-Werft Gulf Copper.
Offenbar erwartet Davie nach der im Oktober von den Präsidenten der USA und Finnlands unterzeichneten Absichtserklärung zum Bau von Eisbrechern, an dem Projekt beteiligt zu werden. Wie das Unternehmen in einer Mitteilung schreibt, folgte nach diesem Memorandum of Understanding am 18. November eine gemeinsame Absichtserklärung zwischen den USA, Kanada und Finnland zur Förderung der Zusammenarbeit im Schiffbau und in der Arktisverteidigung im Rahmen des Icebreaker Collaboration Effort (ICE Pact).
Davie Shipbuilding befindet sich nach eigenen Angaben in Verhandlungen über die Lieferung von fünf Arctic Security Cutter (ASC) für die US-Küstenwache. Der ASC basiere auf einem bewährten Design für Polar-Eisbrecher der vierten Generation von Helsinki Shipyard, dem weltweit führenden Hersteller von Eisbrechern, der in den letzten 25 Jahren etwa 50 Prozent der weltweiten Flotte aller Polar-Eisbrecher geliefert habe, schreibt das Unternehmen.
Dem Reuters-Bericht zufolge wollten weder Inocea noch GNYK die Gespräche bestätigen, haben sie jedoch auch nicht dementiert. Da es insbesondere in den USA nach Einschätzung von Insidern kaum Kapazitäten für den Bau von Eisbrechern gibt und die US-Werftbranche insgesamt als nicht wettbewersfähig gilt, dürfte die umfassende Nutzung solcher Spezialschiffe, wie von Präsident Trump angestrebt, ohne die Einbindung leistungsfähiger ausländischer Werften kaum zu realisieren sein. Aufgrund der eigenen Expertise beim Bau komplexer Marineschiffe könnte GNYK hier als Partner also durchaus interessant sein.
Womöglich gibt es neben TKMS und Inocea jedoch noch einen weiteren Interessenten für eine Zusammenarbeit mit oder Übernahme von GNYK. So kursiert in deutschen Fachkreisen das Gerücht, wonach auch der Rüstungskonzern Rheinmetall Gespräche mit der Kieler Werft führen soll.
Rheinmetall will groß ins Marinegeschäft einsteigen und befindet sich gerade im Prozess der Übernahme des zweitgrößten deutschen Marineschiffbauers NVL. Dieser Prozess soll möglichst Anfang kommenden Jahres abgeschlossen werden. Rheinmetall-CEO Armin Papperger sieht erhebliches Wachstumspotzenial im Marinesektor und will den Umsatz in diesem Segment deutlich steigern, wie er mehrfach ankündigte.
Auf die Thematik angesprochen, sagte ein Rheinmetall-Pressesprecher, dass sich der Düsseldorfer Konzern grundsätzlich nicht zu M&A-Gerüchten äußere. Auch GNYK lehnte eine Stellungnahme ab.
GNYK-CEO Rino Brugge teilte auf Nachfrage lediglich mit, dass sein Unternehmen grundsätzlich an einer nationalen oder internationalen Zusammenarbeit interessiert sei und sich mit möglichen Partnern in Gesprächen befinde. Weitere Details nannte er nicht.
Das Interesse an der Kieler Werft, die zur Schiffbau-Gruppe CMN Naval gehört, dürfte neben der Verfügbarkeit von umfangreicher Werftinfrasruktur an der Kieler Förde auch am erfahrenen Personal liegen, das in Vergangenheit mitunter für den Bau von U-Booten eingesetzt worden ist. Das Unternehmen war und ist an großen deutschen Marineprogrammen beteiligt und hat unter anderem Korvetten nach Israel geliefert.
Vor dem Hintergrund der angespannten internationalen Sicherheitslage, dem anstehenden Bauprogramm für die Deutsche Marine und der beschränkten Eignung von zivilen Werften für den Marineschiffbau dürften Spezialwerften in diesem Segment – entweder als Partner oder Übernahmeziel – an Attraktivität gewonnen haben.
Lars Hoffmann













