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Deutsche Unternehmen wollen sich positionieren

Die Entwicklung eines so genannten Future Combat Air Systems (FCAS) und eines neuen Kampffliegers als Nachfolger von Eurofighter und Rafale gilt als eines der größten europäischen Rüstungsvorhaben in den kommenden Jahrzehnten. Dirk Hoke, CEO von Airbus Defence and Space, sprach kürzlich in einem Interview von einem Investitionsbetrag in dreistelliger Milliardenhöhe.

Vor diesem Hintergrund diskutieren deutsche Unternehmen aus der militärischen Luftfahrtbranche seit geraumer Zeit darüber, wie sie sich in das FCAS-Vorhaben einbringen können. Der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) bietet für die Gesprächsrunden offenbar die Plattform.

Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, haben mehr als ein Dutzend Firmen – darunter Hensoldt, OHB, Diehl, ESG und Airbus als größter Player – mehrere Fähigkeitscluster definiert und pro Cluster die Sprecherfunktion auf ein Unternehmen übertragen. So wurden beispielsweise Cluster für das Missionssystem, die Avionik und die Bewaffnung gebildet. Allerdings soll die Festlegung des Sprechers nicht in jedem Cluster harmonisch verlaufen sein. Diskussionsbedarf hat  es dem Vernehmen nach insbesondere im Cluster für  Antriebe geben.

Die Gesprächsrunden innerhalb der deutschen Industrie erfolgen vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen beim französisch-deutschen FCAS-Vorhaben. Während nach deutscher Lesart der französische Dassault-Konzern bei der  Entwicklung des zukünftigen Kampfflugzeugs und der Drohnen (Next Generation Weapon System oder NGWS) die Führung übernehmen soll, ist die Lead-Rolle für das so genannte System of Systems  – das unter anderem Kommunikation, die Steuerung von Drohnen und die Integration von Sensoren beinhaltet –  noch nicht festgelegt. Da Dassault bereits den Flieger auf der Habenseite hat, will Airbus Defence and Space das Thema System of Systems bearbeiten, wie Spartenchef Hoke jüngst in der Presse sagte. Nicht zuletzt, damit auch Deutschland angemessen am Gesamtvorhaben partizipieren kann.

Dieses Ansinnen stößt jedoch in Frankreich auf Widerstand: Wie das Handelsblatt in einem  Artikel schreibt, drängt insbesondere der französische Technologie- und Verteidigungs-Konzern Thales darauf, die Steuerung für das Gesamtsystem zu  bekommen. Rund ein Viertel der Anteile an Thales und 38 Prozent der Stimmrechte hält der französische Staat. Ein weiteres Viertel der Aktien und 28 Prozent der Stimmrechte sind im Besitz von Dassault.

Gut informierten Kreisen zufolge haben deutsche und französische Spitzenbeamte aus dem Rüstungsbereich in den vergangenen Wochen versucht, eine Lösung für das Problem zu finden. Bisher jedoch offenbar ohne Erfolg.

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Fritz Felgentreu, wird im Handelsblatt mit den Worten zitiert, dass Deutschland auf einer echten Partnerschaft besteht, bei der nicht alles an französische Firmen geht. In Fachkreisen wird nun mit Spannung erwartet, wie die Entwicklungsstudie zu FCAS, die voraussichtlich im kommenden Jahr vergeben werden soll, strukturiert wird und wer den Auftrag erhält.

Sollten Paris und Berlin zu keiner Einigung gelangen, steht womöglich das gesamte FCAS-Programm auf dem Spiel. Denn ob Spanien, das möglichst bald in das Vorhaben einsteigen will, die nötigen Mittel aufbringen kann, wird allgemein bezweifelt.

Scheitert FCAS, wird Insidern zufolge auch das deutsch-französische Vorhaben eines Main Ground Combat Systems (MGCS), bei dem Deutschland die Führung hat, höchstwahrscheinlich abgebrochen. Allerdings dürfte sich im Gegensatz zur Luftfahrtbranche die deutsche Heeresindustrie hier in einer deutlich besseren Position befinden. So gilt KMW im Vergleich zu seinem französischen Joint-Venture-Partner Nexter als technologisch führend und mit Rheinmetall verfügt Deutschland über ein weiteres Systemhaus mit hoher Reputation bei Waffen und Munition. Käme das Verteidigungsministerium noch bei der Digitalisierung von Landoperationen einen Schritt vorwärts, wären die Voraussetzungen gegeben, um das MGCS national zu entwickeln – zumal die Kosen für ein solches Vorhaben deutlich unter denen für FCAS liegen dürften.
lah/8.11.2018