Auch Verteidigungswirtschaft steht vor Herausforderungen

Die globale Verbreitung des Corona-Virus führt in vielen Ländern zu umfassenden Ausgangssperren und einem Herunterfahren der Wirtschaft. Während hierzulande der Einzelhandel,  Dienstleister aber auch große Industriekonzerne wie VW und Daimler betroffen sind, bleibt  die Auftragslage in der wehrtechnischen Industrie kurzfristig offenbar unbeeinträchtigt.

Das dürfte  sich jedoch mittelfristig ändern –  insbesondere, wenn der  globale Corona-Shutdown zu einer Rezession in für Deutschland wichtigen Staaten führen sollte. So gehen die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute aktuell von einem Minus von 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in der Bundesrepublik im laufenden Jahr  aus. Nach Schätzung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) wird die  weltweite Wirtschaftsleistung 2020 um bis zu drei Prozent sinken. In den vergangenen 50 Jahren sei diese   überhaupt nur ein einziges Mal – und zwar 2009 um 1,7 Prozent – zurückgegangen, heißt es beim  BDI. Eine kräftige Rezession in den Vereinigten Staaten, in Europa und in Japan sei in diesem Jahr nicht mehr zu vermeiden. Nach wie vor sind die USA und Frankreich die wichtigsten Exportmärkte der deutschen Industrie.

Weniger Geld für Verteidigung

Der wohl nicht mehr abzuwendende globale Einbruch der Wirtschaft verschiebt automatisch die Prioritäten von Regierungen, die jetzt vermehrt Geld in ihre Gesundheitssysteme und die Konjunkturstabilisierung pumpen müssen. Beobachter rechnen deshalb damit, dass zukünftig insbesondere kleinere und mittlere Staaten weniger Geld für die Verteidigung ausgeben werden. So gibt es erste Berichte, wonach Tschechien womöglich nicht den Zeitplan bei der Beschaffung von Schützenpanzern einhalten wird. Am Dienstag wurde bekannt, dass Ecuador während des gegenwärtig ausgerufenen Ausnahmezustandes aufgrund der Corona-Epidemie alle militärischen Beschaffungsprogramme aussetzt. Das könnte auch deutsche Unternehmen betreffen. So war erst im Dezember ein Entwurf der Fassmer-Werft als neues Mehrzweckschiff der ecuadorianischen Marine ausgewählt worden. Branchen-Insider gehen davon aus, dass sich die deutsche wehrtechnische Industrie in Zukunft mit verschlechternden Rahmenbedingungen auf dem internationalen Markt auseinandersetzen muss.

Wobei die Staaten vermutlich sehr unterschiedlich von der Corona-Krise werden dürften. Treffen die bisherigen Aussagen der Virologen zu, sind besonders ältere Menschen von der Epidemie gefährdet. Gerade Schwellen- und Entwicklungsländer weisen eine jüngere Bevölkerung und auf als die klassischen Industrieländer. So liegt der Anteil der Bevölkerung im Alter von 65 und darüber (Stand 2018) laut Weltbank in  Japan bei 28 Prozent, Italien (23 Prozent), Deutschland (21 Prozent), USA (16 Prozent) und den OECD-Staaten bei 17 Prozent. Für die arabische Welt kommt die Weltbank dagegen nur auf einen Wert von 5 Prozent, wobei Länder wie Saudi-Arabien mit 3 Prozent, die VAE und Katar mit lediglich einem Prozent deutlich darunter liegen.  Lateinamerika und die Karibik weisen einen Wert von 8 Prozent und die Welt insgesamt 9 Prozent auf.

Betrachtet man lediglich die Altersstruktur – wobei in Schwellen- und Entwicklungsländern Vorerkrankungen wie Diabetes mitunter eine größere Verbreitung als in Industrieländern aufweisen können –  werden diese Staaten vermutlich stärker von den wirtschaftlichen Folgen des globalen Lockdowns getroffen als von den medizinischen und demographischen der Pandemie.

Massive Abwertungen seit Februar

Ernste Warnsignale kommen bereits vom Finanzmarkt: So haben Investoren im Angesicht der Krise ihr Kapital insbesondere aus Schwellen- und Entwicklungsländern abgezogen. In der Folge sind fast alle wichtigen Währungen gegenüber dem Dollar und weniger stark gegenüber dem Euro eingebrochen. Seit Ende Februar hat der Dollar sprunghaft an Wert gewonnen, wie aus aktuellen Daten der Europäischen Zentralbank hervorgeht. Besonders betroffen sind Währungen wie der südafrikanische Rand oder der brasilianische Real. Auch  der Euro hat gegenüber dem Dollar an Wert verloren.

Damit werden für die betroffenen Länder generell Importe – auch von Rüstungsgütern – aus dem Dollar- und Euroraum teurer, soweit diese nicht finanziell abgesichert sind. Auch europäische Regierungen müssen nun aufgrund der Dollar-Aufwertung für  Kampfflugzeuge, Flugkörper oder Radare aus den USA  tiefer in die Tasche greifen. Damit dürfte für die Beschaffung von Material aus Lieferländern wie Deutschland weniger Geld zur Verfügung stehen.

Nicht klar ist gegenwärtig, wie lange die Dollarstärke anhalten wird und ob dies zu wirtschaftlichen (und politischen) Verwerfungen in den Schwachwährungsstaaten führt, wie es in der Vergangenheit mitunter der Fall war. Die Economist Intelligence Unit rechnet damit, dass in diesem Jahr die Staatshaushalte fast aller wichtigen Industriestaaten aufgrund der Krise in die roten Zahlen rutschen. Zum Teil werden sogar zweistellige Defizite prognostiziert, wie etwa für die USA, Brasilien, Ägypten oder Saudi-Arabien. Selbst für die bislang solide wirtschaftende Bundesrepublik wird von einem Minus von 5,2 Prozent ausgegangen. Es baut sich also ein mächtiger Schuldenberg auf, der den Spielraum für Ausgaben einschränkt.

Während Deutschland kurzfristig über neue Kredite seine Finanzmittel aufstocken will, kann nicht ausgeschlossen werden, dass mittelfristig auch der Bundeshausalt über „globale Minderausgaben“ oder andere Einsparungen zur Finanzierung  der Corona-Hilfen beitragen muss. Ob und wieweit der Einzelplan 14 betroffen sein könnte, ist im Augenblick reine Spekulation. Laut Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) will der Bundestag alle augenblicklich geplanten 25-Mio-Vorlagen abarbeiten.

Mittelfristig  käme der Verteidigungshaushalt jedoch allein aufgrund seiner Größe für Streichungen in Frage. Andererseits könnte die Politik nach bewältigter Corona-Pandemie der Sicherheitsvorsorge – und darin enthaltenen die Verteidigungsfähigkeit –  eine größere Bedeutung als bisher zumessen. Von zentraler Bedeutung wird dabei sein, wie die bislang als Bedrohung wahrgenommenen Staaten nach Abflauen der Pandemie agieren werden.

Krise bei Flugzeugbauern und Werften

Von der Corona-Krise ist aufgrund geschlossener Grenzen und rigoroser Abstandsregeln der internationale Tourismus besonders stark betroffen. Das hat Auswirkungen auf zwei wichtige Wirtschaftsbranchen in Deutschland: Den Flugzeugbau und die Werftindustrie.

Beide Sektoren haben in den vergangenen Jahren stark vom Boom des Luftverkehrs und bei den  Kreuzfahrten profitiert. Massive Einschnitte stehen jetzt jedoch bei den Airlines an. So hat die Lufthansa bereits angekündigt, ihre Flotte zur reduzieren und das Tochterunternehmen Germanwings abzuwickeln. Der  globale Einbruch der Passagierzahlen wird voraussichtlich  auf die Hersteller von Passagierflugzeugen wie Boeing oder Airbus durchschlagen, weil neue Flugzeuge nicht geordert oder bestehende Verträge annuliert werden. Aus diesem Grund könnte der Beschaffung und Modernisierung von Militärfliegern, die beide Hersteller im Portfolio haben, für die Konzerne überlebenswichtig werden. Damit würde der Staat im Sinne in klassischer Stabilisierungspolitik Nachfrage für die Konzerne und ihre zahlreichen Zulieferer  schaffen, um den Einbruch im Zivilgeschäft teilweise auszugleichen.

Mit voller Wucht trifft die Pandemie auch die Schiffbaubranche: Um rund 30 Prozent sei der globale Schiffbaumarkt schon 2019 eingebrochen, schreibt der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) in seinen aktuellen Verbandsnachrichten.  Im ersten Quartal sind die Bestellungen nochmal um über 50 Prozent zurückgegangen, wie es in der Publikation heißt. Dabei sei die bisher boomende Kreuzfahrtbranche heute der am schlimmsten betroffene Sektor der maritimen Wirtschaft. „100 Millionen EUR Umsatz verliert diese Branche zurzeit weltweit – pro Tag!“, so der VSM. Neue Aufträge dürften genauso bei Fähren, Yachten und Offshore-Fahrzeugen in den nächsten ein bis zwei Jahren Mangelware bleiben.

Werften benötigen öffentliche Auftraggeber

Europas maritime Industrie werde darum mehr denn je auf öffentliche Auftraggeber, auf Marine, Küstenwache, Polizei, Feuerwehr, Forschungsschiffe, Behördenfahrzeuge, ÖPNV etc. angewiesen sein, prognostiziert der Verband. „Und man wird auch über Hospital-Schiffe sprechen müssen. Wie sonst wollen wir zukünftig den ärmsten Ländern helfen, die wir jetzt mangels verfügbarer Mittel so bitterlich in Stich lassen. Bei all den riesigen Staatsprogrammen, die jetzt aufgelegt werden, darf das auf keinen Fall unter den Tisch fallen“, schreibt der VSM.

Branchen-Insider vermuten, dass Hersteller von Kreuzfahrtschiffen aufgrund der angespannten Lage in ihrem Segment auch auf den Marinemarkt schielen werden. Das dürfte den Wettbewerb weiter verschärfen. Sollten Firmen der hiesigen Werftenbranche in große Schieflage geraten und vor der Übernahme stehen, könnte die Bundesregierung prinzipiell eine Staatsbeteiligung in Betracht ziehen. Zumindest haben der Finanz- und der Wirtschaftsminister angekündigt, dass ein direktes Investment des Staates in Unternehmen als Ultima Ratio aufgrund der Krisenlage in Frage kommt.

Gerade vor dem Hintergrund, dass wichtige Marinewerften in südeuropäischen Ländern, die jetzt vehement von Deutschland den Einstieg in Eurobonds verlangen, in staatlicher Hand sind, ist es eine interessante Frage, wie die Bundesregierung reagieren wird.
lah/12/9.4.2020