Die präzise Wirkung auf große Distanzen gilt als Paradedisziplin der Raketenartillerie. Kein anderes Waffensystem kann so viel Feuerkraft in der gleichen Zeit über große Distanzen ins Ziel bringen. Die Kampferfolge des US-Raketenartilleriesystems HIMARS in Verbindung mit den GMLRS-Raketen im Ukraine-Krieg bestätigen dies eindrücklich. Rund 90 kg schwere Gefechtsköpfe können in wenigen Minuten auf Entfernungen von fast 100 km metergenau ins Ziel gebracht werden und dort ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Wenn es ein Manko von Raketenartilleriesystemen gibt, dann ist es der Preis. Selbst die vor mehr als 20 Jahren entwickelte GMLRS-Rakete hat einen Stückpreis weit jenseits der 100.000 Euro, die Preise für reichweitengesteigerte Varianten liegen um ein Vielfaches höher. Ein deutsches Unternehmen will dies nun ändern und ein System anbieten, das kostengünstiger ist als alle aktuellen Artillerieraketen westlicher Streitkräfte auf dem Markt und gleichzeitig Ziele auf weite Distanzen präzise bekämpfen kann.
Das von dem deutschen Defence-Tech-Unternehmen Falk Defence in Entwicklung befindliche Raketenartilleriesystem „Guided Rocket Artillery Launcher“ (G.R.A.L.), inklusive einem neuartigen Lenkflugkörper SIEGFRIED-SF1 mit bis zu 100km Reichweite, soll in Kürze in die Testphase gehen. Mit der Lösung will das erst 2025 von Rüstungsmanagern und erfahrenen Flugkörperentwicklern gegründete Unternehmen nach Aussage von Dirk Mahler, Vertriebsdirektor von Falk Defence, das erste rein in Europa entwickelte und hergestellte Raketenartilleriesystem anbieten, das noch vor Ende 2027 in einer ersten Vorserie produziert werden soll. Zudem verfügt der zum System gehörige Lenkflugkörper, über eine INS/GNSS-Navigation sowie ein Anti-Jamming-System und ist über den gesamten Flugverlauf manövrierfähig und aktiv steuerbar. Im Vergleich zu klassischen, primär endphasengelenkten Artillerieraketen soll die neue Rakete nach Angaben des Herstellers dadurch ein erweitertes Flugprofil sowie variablere Zielanflüge im taktischen Tiefenraum bieten.
G.R.A.L. – als modulares, containerisiertes Werfersystem und mit dem Lenkflugkörper SIEGFRIED-SF1 – wird Mahler zufolge mit dem Ziel entwickelt, europäischen Streitkräften eine skalierbare, kosteneffiziente und souveräne Fähigkeit im Bereich der weitreichenden bodengestützten Feuerunterstützung zu bieten. „Die Lieferkette ist 100 Prozent europäisch und das System komplett ITAR-frei“, erklärt Mahler im Gespräch mit hartpunkt. Wie er weiter ausführt, ist das Design des Lenkflugkörpers zudem so ausgelegt, dass dieser günstig in Massen produziert werden kann.
Dem Vertriebsdirektor zufolge ist die Entwicklung des Systems bereits weit fortgeschritten. Der erste Prototyp sei fertiggestellt und die anschließende Testphase känne noch gegen Ende des Jahres 2026 durchgeführt werden.
Punkten will das Unternehmen mit zwei Besonderheiten des G.R.A.L.-Raketenartilleriesystems: Zum einen soll der containerisierte Launcher Mahlers Aussagen zufolge den Verschuss des Lenkflugkörpers „in großer Stückzahl und mit hoher Kadenz von gängigen Lkw-Plattformen, seegehenden Plattformen sowie als abgesetztes Stand-alone-System“ ermöglichen. „Dadurch kann Wirkung flexibel, skalierbar und kosteneffizient in unterschiedliche Einsatzszenarien eingebracht werden“, führt der Vertriebsdirektor weiter aus. Die zweite Besonderheit liegt im Lenkflugkörper selbst. Der Rohrstart der SIEGFRIED-SF1 erfolgt mittels eines Feststoffboosters (Solid Rocket Motor). Direkt nach dem Ausstoß klappen zudem die Heckleitwerke aus. Mit dem Ausbrand des Boosters fahren Tragflächen aus, sodass der Lenkflugkörper in einen unangetriebenen Gleitflug übergeht. Genau dieser Gleitflug erlaubt es dem Lenkflugkörper laut Hersteller, besondere Flugprofile auszuführen, sodass bei taktischer Notwendigkeit, Ziele auch abseits der klassischen ballistischen Kurve angeflogen werden können. Die vollständige Flugbahnsteuerung bis ins Ziel erfolgt mittels INS/GNSS-Navigation.
Gleichwohl weist Mahler darauf hin, dass der Flugkörper nach der initialen Beschleunigung nicht mehr angetrieben wird, weshalb sich jedes Manöver auf die Reichweite auswirkt. Wie er weiter ausführt, ist der Lenkflugkörper SIEGFRIED-SF1 mit einem integrierten Datenlink konzipiert, der künftig die Vernetzung und Koordination mehrerer Flugkörper im Rahmen kooperativer Missionen ermöglichen soll. „Unser Ansatz verbindet moderne Effektortechnologie mit maximaler Integrationsfähigkeit in bestehende Systeme und schafft damit einen realistisch kurzfristig verfügbaren Fähigkeitszuwachs für europäische Streitkräfte“, so der Falk-Defence-Vertriebsdirektor.
Waldemar Geiger












