Mit der Fregatte der Klasse 127 soll die Deutsche Marine ab Mitte der 2030er-Jahre erstmals ein Kriegsschiff bekommen, das neben der Verbandsflugabwehr auch zur seegestützten Ballistic Missile Defence (Seabased Lower-Layer BMD) und der Abwehr hypersonischer Bedrohungen durch Cruise-Missiles sowie Glide-Vehicles befähigt ist. Zudem soll die F127 auch noch die Fähigkeit zum sogenannten Naval Maritime Precision Strike – Long Range, also dem Bekämpfen von See- und Landzielen über große Reichweitenbänder hinweg verfügen.
Soweit die Pläne der Bundeswehr, ob dieses Schiff jedoch jemals gebaut wird, scheint angesichts der erwarteten Kosten – die auf rund fünf bis sechs Milliarden Euro pro Einheit geschätzt werden – fraglicher denn je. Insbesondere im Bundestag treffen die hohen Kosten auf Kritik der zuständigen Haushalts- und Verteidigungspolitiker, die diese in den letzten Wochen immer wieder medial ventiliert haben. Fachkreise gehen davon aus, dass diese Bedenken nach der parlamentarischen Sommerpause dem Verteidigungsministerium in noch schärferer Form direkt kommuniziert werden.
Ob diese Kritik der hohen Kosten berechtigt ist, kann anhand der öffentlich verfügbaren Informationslage – die im politischen Berlin auch nicht wesentlich besser sein dürfte – nur schwer bis überhaupt nicht beurteilt werden. Ja, mit sechs Milliarden Euro wäre eine F127 rund 3,5-mal so teuer wie die F128 oder doppelt so teuer wie die noch vor kurzem geplante F126. Im Gegensatz zu diesen beiden Schiffen handelt es sich jedoch um deutlich mehr Schiff (fast die dreifache Verdrängung der F128) sowie um ein Vielfaches mehr an Fähigkeiten. Wenn man es genau nehmen möchte, handelt es sich bei der F127 um das Gegenteil einer Mogelpackung. Die F127 ist keine Fregatte, sie würde mit den kolportierten Fähigkeiten und der Größe (rund 12.000 t) locker mit den US-Lenkwaffenzerstörern der Arleigh-Burke-Klasse mithalten können und selbst die US-Kreuzer der Ticonderoga-Klasse, was die Größe angeht, überflügeln.
Besonderer Preistreiber solcher Schiffe ist jedoch nicht die Schiffsgröße, es ist die Fähigkeit zur territorialen Flugkörperabwehr (BMD), die besonders teure Sensorik und Effektorik erfordert, samt dem dafür notwendigen Platzbedarf. Systeme, die es in einer kriegserprobten und nachweislich leistungsfähigen Ausführung nur in den USA über ein Regierungsgeschäft zu kaufen gibt. Bei den Aegis-Zerstörern der U.S. Navy sollen beispielsweise nur ein Drittel der Kosten auf schiffbauliche Maßnahmen entfallen, während die Ausstattung – besonders das Kampfsystem – zwei Drittel der Kosten ausmachen sollen. Die neuste Version der Arleigh-Burke-Klasse, die sogenannte Flight III, soll 2,5 Milliarden US-Dollar pro Schiff kosten. Gleichwohl handelt es sich um eine modernisierte Variante eines Schiffes, welches 1991 erstmals in Dienst gestellt wurde und von denen die US-Marine fast 100 Einheiten beschafft hat. Die Kosten für die Nachfolgeklasse dieser Schiffe, die sogenannten DDG(X), die ab den 2030er Jahren gebaut werden sollen, werden dem US-Kongress zufolge auf bis zu 4,4 Milliarden US-Dollar pro Schiff geschätzt, wohlgemerkt bei einer Beschaffung von 28 Einheiten. Zum Vergleich, die Entwicklungskosten der F127 müssten auf lediglich acht Schiffe umgelegt werden.
Und genau hier kommt die eigentliche Frage ins Spiel, die politisch beantwortet werden müsste, bevor jegliche Kostenkritik angebracht wird. Braucht die Bundesrepublik Deutschland eine seegestützte Fähigkeit zur Abwehr von ballistischen Raketen? Angesichts der in den letzten Jahren zu beobachtenden Proliferation der Raketentechnologie – selbst die Huthi-Miliz ist mittlerweile nachweislich in der Lage, Ziele auf eine Distanz von 1.000 km zu bedrohen – kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass so eine Fähigkeit nicht nutzlos dahinrosten würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass ballistische Raketen sowie Hyperschallwaffen in 10, 20 oder 30 Jahren eine Bedrohung für die Bundesrepublik Deutschland sowie unsere Verbündeten spielen werden, ist höher als jene Wahrscheinlichkeit, dass es diese Bedrohung in den kommenden Jahren nicht mehr geben wird.
Ein weiterer Vorteil läge darin, dass die schiffsgestützte BMD-Fähigkeit (F127) die landgestützte BMD-Fähigkeit (Arrow 3) qualitativ und quantitativ ergänzen und zum gemeinsamen Schutz des deutschen Territoriums und der Bevölkerung beitragen würde. Ein Plus von schiffsgestützten BMD-Systemen ist zudem, dass sich diese vergleichsweise schnell und unkompliziert auf der ganzen Welt zum Einsatz bringen lassen. Aktuell tragen beispielsweise mehrere US-Zerstörer im Mittelmeer dazu bei, dass der europäische Kontinent – damit auch Deutschland – vor möglichen Raketenangriffen geschützt wird. Nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, siehe iranische Raketenangriffe auf Israel oder die Türkei.
Ob bzw. wie lange dies noch der Fall sein wird, steht aktuell in den Sternen, da die US-Regierung die Reduzierung der Anzahl an BMD-fähigen Zerstörern in Europa angedeutet hat. Aktuell sind sechs solcher Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse permanent im spanischen Rota stationiert. Zurzeit ist auch nicht absehbar, dass irgendeine andere europäische Nation den mit einem Abzug der Schiffe eingehenden Fähigkeitsverlust ausgleichen wird oder kann.
Zudem muss bei solchen Rüstungsvorhaben immer bedacht werden, dass allein die Planungs- und Bauphase schon 10 Jahre und mehr in Anspruch nimmt. Nach Einführung sollen solche Kriegsschiffe dann um die 40 Jahre im Dienst verbleiben. Ein heute in Auftrag gegebenes BMD-Schiff muss also auch 2070 noch dazu fähig sein, die eigene Bevölkerung vor Raketen zu schützen. Wer also heute nicht weit genug blickt und entsprechende Leistungsreserven mitdenkt, der geht das Risiko ein, dass die Fähigkeiten des Schiffes früher obsolet werden, als einem lieb ist.
Der Preis für ein solches Schiff mag hoch sein. Wenn man jedoch die Auffassung vertritt, dass die ballistische Bedrohung in den nächsten Jahrzehnten zu- und nicht abnehmen wird, dann wird man an der Beschaffung einer F127 – so wie sie von der Bundeswehr geplant wurde – nicht umhinkommen, wenn die eigene Bevölkerung sowie Verbündeten zukünftig vor der beschriebenen Bedrohung geschützt werden sollen. Eine sonderlich „abgespeckte“ Variante der F127 wird diesen Schutz mit großer Sicherheit nicht bieten. Wer A sagt, muss in dem Fall dann auch B sagen!
Waldemar Geiger

















