Stillstand trotzt Laufschritt: Die westliche Raketenabwehrstrategie versagt weiterhin

Fabian Hoffmann

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Gemessen an der Fülle jüngster Kommentare hat sich der weltweite Mangel an Abfangraketen für die Abwehr ballistische Raketen zu einem regelrechten Aufruhr entwickelt.

Die Besorgnis ist verständlich. Da die Vereinigten Staaten schätzungsweise zwei Drittel ihres PAC-3-Flugkörper-Arsenals im Nahen Osten verbraucht haben und die europäischen Staaten offenbar keine Abfangraketen mehr übrig haben, fragen sich Beobachter, wie sich die Ukraine gegen immer heftiger werdende Angriffe mit russischen ballistischen Raketen verteidigen soll. Doch das hätte keine Überraschung sein dürfen. Die Unfähigkeit des Westens, sich in verschiedenen Einsatzgebieten wirksam und nachhaltig gegen ballistische Raketen zu verteidigen, ist die Rechnung, die nun für den jahrzehntelangen Wunschtraum westlicher Strategie fällig wird.

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Die bekannte Mathematik hinter der ballistischen Raketenabwehr erklärt, warum.

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Es wird Jahre dauern, die in der Ukraine und im Nahen Osten verbrauchten Abfangraketen zu ersetzen. Die Produktionslinien sind zwar weitaus größer als vor 2022, produzieren aber immer noch nur eine niedrige bis mittlere zweistellige Anzahl von Abfangraketen pro Monat. Unterdessen bauen die Gegner und Konkurrenten des Westens – China, Iran, Nordkorea und Russland – ballistische Raketenarsenale in zunehmend industriellem Maßstab auf und überholen damit die westlichen Hersteller, obwohl diese erhebliche Anstrengungen unternehmen.

„Es hat keinen Sinn, es zu versuchen“, sagte sie: „Man kann unmögliche Dinge nicht glauben.“

„Ich vermute, du hast noch nicht viel Übung darin“, sagte die Königin. „Als ich in deinem Alter war, habe ich das immer eine halbe Stunde am Tag geübt. Manchmal habe ich sogar schon vor dem Frühstück an bis zu sechs unmögliche Dinge geglaubt.“ Lewis Carroll, Hinter dem Spiegel (1871)

Was produziert wird, hat zudem einen hohen Preisaufschlag. Ein leistungsfähiger Abfangflugkörper kostet ein Vielfaches der ballistischen Rakete, die sie abwehren soll, und oft sind zwei oder mehr erforderlich, um eine akzeptable Abfangwahrscheinlichkeit zu erreichen, was den Kostennachteil der heutigen ballistischen Raketenabwehr auf ein Verhältnis von zehn zu eins oder noch schlechter treibt. In dieser Zahl sind zudem die Beschaffungskosten für die Radarsysteme, Abschussvorrichtungen und Kommandosysteme nicht enthalten, die überhaupt erst einen Einsatz ermöglichen.

Kurz gesagt: Die heutige ballistische Raketenabwehr erzwingt eine strukturelle Realität, die den Angreifer gegenüber dem Verteidiger begünstigt. Der Iran-Krieg und der Verbrauch der US-Abfangraketenbestände haben das Problem beschleunigt, doch die eigentliche Ursache reicht weit darüber hinaus. Die aktuelle Situation war daher vollkommen vorhersehbar. Sie überrascht westliche Politiker, weil sie offenbar fälschlicherweise geglaubt haben, dass die ballistische Raketenabwehr eine tragfähige langfristige Lösung sei – was sie jedoch nie war.

Die westlichen Staaten bemühen sich nun verzweifelt, ihre Bestände an ballistischen Raketenabwehrsystemen und dazugehörigen Arsenalen wieder aufzufüllen, während sie gleichzeitig versuchen, die Ukraine mit allem zu versorgen, was sie können, um deren Städte, kritische Infrastruktur und Industrie zu schützen. Europäische Hauptstädte haben zusammen mit Washington Milliarden in die ballistische Raketenabwehr gesteckt und tun dies weiterhin. Doch aus heutiger Sicht hat dies wohl kaum etwas gebracht. Während der Westen darum wetteifert, die Kapazitäten bestehender Produktionslinien für Abfangraketen zu erweitern, läuft die Produktion der Gegner noch schneller voran. In vielerlei Hinsicht rennt der Westen doppelt so schnell, um doch auf der Stelle zu treten.

Der Ausstieg aus dem „Wunderland der ballistischen Raketenabwehr“, in dem sich die westlichen Staaten so wohlfühlen, beginnt damit, zu akzeptieren, dass der Status quo unhaltbar ist. Von da an haben die Entscheidungsträger zwei Optionen.

Die erste besteht darin, mit dem Ungleichgewicht zwischen Angriff und Verteidigung zu leben und die logische Konsequenz daraus zu ziehen. In einer Welt, in der der Angreifer ballistische Raketen schneller und kostengünstiger produzieren kann, als der Verteidiger Abfangraketen herstellen kann, ist eine glaubwürdige Fähigkeit zur Durchführung von Vergeltiungsschlägen möglicherweise das beste verfügbare Mittel zur Aufrechterhaltung der Abschreckung. Die ballistische Raketenabwehr spielt bei diesem Ansatz zwar weiterhin eine Rolle, allerdings eine eingeschränktere: den Schutz kritischer Anlagen für begrenzte Zeiträume, anstatt als langfristige Lösung für die Gebietsverteidigung zu dienen.

Die zweite besteht darin, dreimal so hart daran zu arbeiten, das Ungleichgewicht umzukehren, indem Fähigkeiten finanziert werden, die eine realistische Chance bieten, die Kostenkurve zugunsten der Verteidiger zu beeinflussen: Abfangraketenprogramme, die für die Massenproduktion zu einem Bruchteil der Stückkosten älterer Systeme ausgelegt sind. Solche Programme gibt es in der Ukraine und anderen europäischen Staaten, sie sind jedoch noch nicht erprobt. Dennoch ist das Setzen auf diese Programme der einzige plausible Weg, wenn die Abwehr weiterhin im Mittelpunkt der westlichen Doktrin zur ballistischen Raketenabwehr stehen soll.

Entscheidungsträger können sich für eine Option entscheiden oder – im Idealfall – beide kombinieren. Das Wichtigste ist, endlich in Gang zu kommen.

Lewis Carrolls Weiße Königin behauptete, sie könne vor dem Frühstück an sechs unmögliche Dinge gleichzeitig glauben. Die westliche Politik zur Abwehr ballistischer Raketen brauchte bisher nur eines: dass die Produktion von Abfangraketen älterer Bauart mit den feindlichen Arsenalen an ballistischen Raketen, einschließlich derer, die im industriellen Maßstab hergestellt werden, Schritt halten und diese herausfordern könnte. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hat sie von diesem Glauben gelebt. Das Frühstück, so scheint es, ist nun vorbei.

Autor: Dr. Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 8. August 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.