Deutschlands Tomahawk-Beschaffung: Kosten, Stückzahlen und Lieferzeiten

Fabian Hoffmann

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In der ersten Nationalen Sicherheitsstrategie vom Juni 2023 forderte die Bundesrepublik Deutschland erstmals den Aufbau einer Deep-Strike-Fähigkeit. Konkrete Gestalt nahmen die Pläne im Sommer 2025 an, als Berlin offiziell Interesse am Kauf amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper und landgestützter Typhon-Startgeräte bekundete. Im Oktober 2025 sah eine durchgesickerte Beschaffungsliste der Bundeswehr 1,15 Milliarden Euro für 400 Tomahawk-Flugkörper der Version Block Vb und 220 Millionen Euro für drei Typhon-Batterien vor.

Anschließend geriet die Beschaffung Berichten zufolge fast ein Jahr lang ins Stocken, weil sich die Beziehungen zwischen Berlin und der Trump-Administration verschlechterten und Washington die Exportgenehmigung zurückhielt. Mitte September 2026 wurde dann berichtet, dass Berlin in seiner Haushaltsplanung für 2027 fast 3,4 Milliarden Euro für Tomahawk-Flugkörper und Typhon-Batterien vorgesehen hat. Zudem hatte es sich auf dem NATO-Gipfel in Ankara die politische Unterstützung von Präsident Trump für den Verkauf gesichert und eine Absichtserklärung unterzeichnet.

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Zwar haben Deutschland und die Vereinigten Staaten die Tomahawk-Beschaffung noch nicht formalisiert, sie dürfte nun aber zustande kommen. Dieser Beitrag schätzt ab, wie viele Flugkörper und wie viel zugehöriges Gerät Deutschland mit diesen Mitteln beschaffen könnte, wie lange die Auslieferung dauern dürfte und ob der Kauf noch sinnvoll ist.

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Wie viele Tomahawk-Flugkörper kann Deutschland für 3,4 Milliarden Euro kaufen?

Bislang wurde keine Mitteilung der Defense Security Cooperation Agency (DSCA) zum Verkauf veröffentlicht, und das durchgesickerte Planungsdokument nennt keine Stückzahl. Eine grobe Schätzung ist dennoch möglich, indem man die Kosten der Typhon-Batterien, die Kosten für Logistik und Unterstützung sowie Stückpreise der Flugkörper berücksichtigt, die sich aus veröffentlichten DSCA-Mitteilungen und bestätigten Vertragswerten ableiten lassen.

Die Typhon-Startgeräte sind der einfachere Teil. Berichten zufolge kosten sie etwa doppelt so viel wie die ursprünglich von Deutschland veranschlagten 220 Millionen Euro. Hält Deutschland an drei Batterien fest, würden sich die Kosten vermutlich auf rund 440 Millionen Euro für zwölf Startgeräte, drei Batterieführungsfahrzeuge und zugehöriges Gerät summieren.

Die Unterstützungskosten sind schwerer zu beziffern. Über die Wirkmittel selbst hinaus umfassen Foreign-Military-Sales-Pakete (FMS) Waffenleit- und Einsatzplanungssysteme, Ersatzteile, Ausbildung, Testflugkörper, technische Unterstützung, Transport und Verwaltungsgebühren.

Bei Japans Tomahawk-Beschaffung 2024 entfiel rund ein Drittel des Vertragswerts von 1,7 Milliarden US-Dollar auf Startkontrollsysteme und zugehöriges Gerät. Im niederländischen Fall macht das wesentliche Wehrmaterial (Major Defense Equipment, d. h. die Flugkörper und ihre Waffenleitsysteme) nur 0,95 Milliarden der genannten 2,59 Milliarden US-Dollar aus. Diese Zahl ist jedoch eine Obergrenze und kein Vertragswert und sie verteilt Fixkosten auf lediglich 175 Flugkörper. Für die größere deutsche Bestellung ist davon auszugehen, dass die Unterstützungskosten einen geringeren Anteil ausmachen, näher am japanischen Fall und rund 1,2 Milliarden Euro betragen.

Zieht man diese Summe sowie die 440 Millionen Euro für die Typhon-Batterien ab, bleiben rund 1,76 Milliarden Euro für die Flugkörper selbst. Japan zahlte 2024 rund 2,8 Millionen US-Dollar pro Flugkörper, allerdings bestand die Hälfte der japanischen Bestellung aus älteren Tomahawk Block IV. Der Haushaltsantrag der U.S. Navy für das Haushaltsjahr 2027 über 785 Tomahawks zu Gesamtkosten von 3 Milliarden US-Dollar impliziert einen Stückpreis von etwa 3,8 Millionen US-Dollar, vermutlich ausschließlich für den Block-V-Standard. Die von Deutschland Berichten zufolge angestrebte Version Block Vb ist mit ihrem Multi-Effekt-Gefechtskopf aufwendiger, was den Preis wohl erhöht. Daher ist von einem Stückpreis um etwa 4,5 Millionen US-Dollar oder 4 Millionen Euro auszugehen.

Zu diesem Preis reichen die verbleibenden 1,76 Milliarden Euro für rund 440 Tomahawks. Die 3,4 Milliarden Euro finanzieren damit höchstwahrscheinlich die 2025 gelisteten 400 Flugkörper, allerdings zu realistischeren Preisen (die Zahlen vom Herbst 2025 waren nie ganz plausibel). Der Spielraum für 40 zusätzliche Flugkörper könnte eine im Haushalt eingeplante Reserve sein oder darauf hindeuten, dass Block Vb teurer ist als hier geschätzt, womöglich eher in Richtung 5 Millionen US-Dollar pro Stück.

Wie lange wird die Auslieferung der deutschen Tomahawks dauern?

Eine weitere zentrale Frage ist, wie lange Deutschland auf erste Lieferungen und auf die vollständige Bestellung warten muss. Raytheon gab kürzlich an, im ersten Halbjahr 2026 dreimal so viele Flugkörper ausgeliefert zu haben wie ein Jahr zuvor. Der neue Vertrag der U.S. Navy über 22,9 Milliarden US-Dollar finanziert zudem eine Steigerung der Tomahawk-Produktion auf mehr als 1.000 Flugkörper pro Jahr. Weder das US-Militär noch Raytheon haben jedoch einen jahresgenauen Plan zur Steigerung der Produktion veröffentlicht.

Den Großteil der anfänglichen Produktionssteigerung wird der US-Bedarf aufzehren. Die Vereinigten Staaten gingen mit Tomahawk-Beständen in den Iran-Krieg, die Analysten weithin für zu gering hielten (etwa 3.000 bis 4.000 Flugkörper) und haben seitdem mehr als 1.000 Tomahawks verschossen. Wie bereits erwähnt, umfasst der Haushaltsantrag der Navy für 2027 rund 800 Flugkörper, gegenüber 55 im Vorjahr. Zudem plant die U.S. Army, bis 2028 drei weitere Typhon-Batterien aufzustellen, die ebenfalls Wirkmittel benötigen.

Australien, Japan und die Niederlande stehen in der Warteschlange für Exportproduktionskontingente vor Deutschland. Japans Bestellung über 400 Flugkörper verzögert sich Berichten zufolge bereits um bis zu zwei Jahre (die Auslieferung dauert somit fünf statt drei Jahre). Zudem wird die Block-Vb-Variante, für die sich Deutschland im Herbst 2025 offenbar interessierte, voraussichtlich nicht vor 2028 bis 2029 für die U.S. Navy freigegeben und birgt daher ein gewisses Entwicklungsrisiko. Zusammengenommen deuten diese Faktoren darauf hin, dass Raytheon die deutsche Bestellung nicht schnell bedienen kann.

In einem optimistischen Szenario unterzeichnet Deutschland Anfang 2027 einen Letter of Offer and Acceptance (LOA), die Block-Vb-Variante liegt im Zeitplan, und Deutschland erhält bevorzugten Zugang zu Produktionskontingenten. Die Lieferungen könnten dann dem ursprünglichen japanischen Tempo von 400 Flugkörpern über rund drei Haushaltsjahre entsprechen; die ersten Flugkörper träfen bis 2030 ein und die Bestellung wäre Ende 2033 abgeschlossen. Ein realistischeres Basisszenario folgt den derzeit berichteten Zeitplänen, die den Lieferbeginn frühestens 2031 bei schätzungsweise weniger als 100 Flugkörpern pro Jahr ansetzen. Deutschland erhielte seine vollständige Bestellung dann um 2035. In einem pessimistischen Szenario verzögert sich die Block-Vb-Variante, die Vereinigten Staaten führen eine weitere große Kampagne, die ihre Tomahawk-Bestände aufzehrt, oder beides tritt ein. Die Lieferungen begännen dann später, und die Bestellung wäre womöglich erst Ende der 2030er Jahre abgeschlossen.

Wo die deutsche Industrie in der Tomahawk-Lieferkette ansetzen kann

Berlin strebt zudem eine Rolle für die deutsche Industrie an. Nach Angaben von Regierungsvertretern umfassen die Gespräche eine mögliche Koproduktion sowie die Einbindung deutscher Unternehmen in die Tomahawk-Lieferkette, was die Produktion beschleunigen könnte.

Einer der gravierendsten Engpässe ist die Boostersektion Mk 135 der Tomahawk, die L3Harris herstellt. Für zusätzliche Feststoffraketenmotoren hat sich Raytheon bereits an Northrop Grumman, Anduril, Avio USA und Nammo gewandt. Für die Raketenmotoren der PAC-2-GEM-T-Abfangraketen greift Raytheon zudem auf den deutschen Antriebsspezialisten Bayern-Chemie zurück. Bayern-Chemie sollte grundsätzlich zur Lieferkette des Mk 135 beitragen können, sofern das Unternehmen seine Kapazitäten ausbauen kann. Alternativ könnte Rheinmetalls Raketenmotorenwerk in Unterlüß über passende Kapazitäten verfügen, wird sich anfangs jedoch auf die Lizenzproduktion von ATACMS konzentrieren.

Gefechtsköpfe bieten einen zweiten Ansatzpunkt. TDW, die Gefechtskopf-Tochter der MBDA Deutschland, fertigt den Multi-Effekt-Gefechtskopf MEPHISTO für den Marschflugkörper Taurus KEPD 350. MEPHISTO folgt demselben Konstruktionsprinzip wie der JMEWS-Gefechtskopf des Tomahawk Block Vb und kombiniert eine Vorhohlladung mit einem nachfolgenden Penetrator. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass die TDW Gefechtskopfkomponenten oder das gesamte Gefechtskopfsystem liefern könnte.

Drittens könnten mehrere europäische Unternehmen und Flugkörperhersteller die Lizenzfertigung von Rumpfkomponenten der Tomahawk übernehmen. Eine deutsche Endmontagelinie für Tomahawks, ähnlich der für PAC-2-GEM-T-Abfangraketen, könnte ebenfalls zusätzliche Kapazität schaffen. Ihr Beitrag bliebe jedoch begrenzt, solange die Komponentenfertigung nicht entsprechend skaliert werden kann.

In anderen Teilen der Lieferkette kann die deutsche Industrie nicht einspringen, zumindest nicht kurzfristig. Am wichtigsten ist das Turbofan-Triebwerk F107 von Williams International. Kein deutsches Unternehmen baut derzeit ein vergleichbares Triebwerk oder scheint in der Lage, rasch eines zu entwickeln. Der zweite Bereich ist die Lenk- und Steuerungshardware. Hier könnte die deutsche Industrie womöglich beitragen, die Vereinigten Staaten dürften dies jedoch kaum zulassen.

Was auch immer deutsche Hersteller beitragen, wird vor allem mittel- bis langfristig ins Gewicht fallen. Wie der Fall PAC-2 GEM-T gezeigt hat, dauern Aufbau und Qualifizierung von Lizenzfertigungslinien Jahre. Selbst bei einer raschen Entscheidung würde eine deutsche Lizenzproduktion von Tomahawk-Komponenten oder kompletten Flugkörpern die jährlichen Liefermengen daher erst nach 2030 erhöhen.

Was für einen deutschen Tomahawk-Kauf spricht

Gibt es angesichts der wahrscheinlichen Beschaffungsmengen, plausibler Lieferzeitpläne und möglicher deutscher Beiträge zur Lieferkette noch eine Begründung für eine deutsche Tomahawk-Bestellung?

Deutschlands anhaltende Fähigkeitslücken im Bereich Deep Precision Strike, insbesondere bei bodengestützten Flugkörpern, sprechen weiterhin für einen Tomahawk-Kauf. Dieses Argument hat jedoch mit jedem Jahr, um das sich die formelle Bestellung verzögert hat, an Gewicht verloren. Hätte Deutschland 2023, als es die Lücke erstmals offiziell benannte, Tomahawks bestellt, hätten die Lieferungen 2026 oder 2027 beginnen und bis 2030 abgeschlossen sein können (ein Verzug durch den Irankrieg wäre aber auch hier wahrscheinlich gewesen). Die Tomahawk hätte dann als echte Überbrückungslösung dienen und gegenüber Russland abschreckend wirken können, während Deutschland auf eine europäische Alternative wartet.

Nun aber wäre die Bestellung selbst unter optimistischen Annahmen nicht vor 2033 abgeschlossen und würde damit das Verwundbarkeitsfenster verfehlen, das mehrere europäische Nachrichtendienste für die späten 2020er Jahre identifiziert haben. Mitte der 2030er Jahre, dem derzeit plausibelsten Zeitpunkt für den Abschluss der Bestellung, mögen die Flugkörper noch militärischen Nutzen bieten, sie träfen dann jedoch auf ein Sicherheitsumfeld, das sich aus heutiger Sicht schwerer abschätzen lässt. Das Narrativ der Überbrückungslösung trägt jedenfalls nicht mehr und jüngere offizielle Äußerungen zur deutschen Tomahawk-Beschaffung scheinen sich auch nicht mehr darauf zu berufen.

Zudem vertieft Deutschland mit einem weiteren großen FMS-Fall seine Abhängigkeit von der industriellen Basis der USA, zumindest bis es eine belastbare Vereinbarung zur Lizenzproduktion erzielt, sofern dies überhaupt gelingt. Selbst dann könnten Veränderungen im politischen oder sicherheitspolitischen Umfeld der USA deutsche Beschaffungsbemühungen schnell zurückwerfen.

Autor: Dr. Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag ist ein Auszugs eines Artikels der erstmalig am 4. Oktober 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack erschien.