Der europäische Lenkflugkörper-Spezialist MBDA verfügt derzeit mit der „Missile de Croisiere Naval“ (MdCN), die auch als „Naval Cruise Missile“ (NCM) bezeichnet wird, über die einzige in Europa gefertigte Alternative zum US-Marschflugkörper Tomahawk, wenn die Kombination von Reichweite, Nutzlast, Durchsetzungsfähigkeit und Präzision berücksichtigt wird. Dies macht die MdCN, die seit kurzem wieder gefertigt wird, grundsätzlich für Deutschland als mögliche Brückenlösung interessant, bis im Rahmen unterschiedlicher europäischer ELSA-Vorhaben weitreichendere Deep-Precision-Strike-Waffensysteme zur Verfügung stehen.
Derzeit verfügt die Bundesrepublik Deutschland über kein landgestütztes Waffensystem, mit dem Ziele jenseits von 1.000 km zielgenau bekämpft werden können. Bereits 2023 wurde daher unter der damaligen Ampel-Regierung der Plan gefasst, diese Fähigkeitslücke im Rahmen des European Long Range Strike Approach (ELSA) zusammen mit anderen europäischen Partnern zu schließen. Zur Überbrückung der Zeit bis zum Zulauf der neuen Systeme in den 2030er Jahren wurde 2024 mit der damaligen Biden-Administration für 2026 die Stationierung eines mit Tomahawk-Marschflugkörpern bewaffneten US-Verbandes in Deutschland vereinbart. Darüber hinaus wurde 2025 die Beschaffung von Tomahawk-Marschflugkörpern – Medienberichte sprechen von 400 Flugkörpern – für die Bundeswehr in Angriff genommen. Jüngste Rauchzeichen aus Washington deuten jedoch darauf hin, dass weder die Stationierung der US-Truppen in Deutschland erfolgen noch der Kauf der Tomahawks genehmigt wird. Deutschland wartet bereits seit fast einem Jahr auf die Freigabe, hartpunkt berichtete. Selbst wenn die Freigabe doch noch erfolgen sollte, gehen Fachkreise nicht davon aus, dass ein schneller Zulauf der Marschflugkörper erfolgen wird, da die USA erst eigene, im Iran-Krieg aufgebrauchte Flugkörperbestände auffüllen muss.
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse drängt sich die Frage auf, ob nun eine Alternative zur oben skizierten „Brückenlösung“ mit US-Systemen erfolgen muss, wenn man noch vor den 2030er Jahren über eigene bodengebundene Deep-Strike-Fähigkeiten verfügen möchte. Genau an dieser Stelle kommt die „Land Cruise Missile“ (LCM) von MBDA ins Spiel, die das Unternehmen bereits 2024 als mögliche Alternative zur Tomahawk-Beschaffung ins Spiel gebracht hatte. Seit 2024 ist nicht nur viel Wasser den Rhein hinunter geflossen, auch der links des Rheins in Entwicklung befindliche Marschflugkörper hat Fortschritte erzielt.
Auf Nachfrage von hartpunkt erklärt das Unternehmen, dass der Flugkörper 2029 einsatzbereit und lieferfähig ist. „MBDA arbeitet weiterhin an der Entwicklung des Launchers für die Land Cruise Missile. Der Flugkörper ist identisch mit dem der Naval Cruise Missile. Derzeit finden konkrete Arbeiten an der Hardware und Software des Abschussgeräts statt, damit dieses im Jahr 2029 einsatzbereit ist“, erklärte ein MBDA-Sprecher gegenüber hartpunkt. „Die NCM/LCM ist der einzige europäische Flugkörper, der mit amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörper vergleichbar ist. Die LCM könnte bis 2029 den Streitkräften bereitgestellt werden, da bei ihr bestehende Komponenten der Naval Cruise Missile wiederverwendet werden, beispielsweise Lenkflugkörper, Missionsplanungssystem und Elektronik der Launcher“, so der Sprecher weiter.
Nach Angaben von MBDA wird der Land Cruise Missile über folgende Leistungsmerkmale verfügen:
- Hohe Reichweite mit hoher Präzision (einschließlich automatischer Zielerkennung).
- Hochpräzise synchronisierte Time-On-Target (ToT)-Fähigkeit von mehreren Plattformen aus.
- Reduzierter Radarquerschnitt und Geländereferenznavigation für hohe Überlebensfähigkeit und Wirkung.
- Wirkung gegen hochwertige militärische Ziele tief im feindlichen Gebiet.
- Die Synchronized Time-On-Target (STOT)-Fähigkeit wurde im April 2024 von der französischen Marine von verschiedenen Plattformen (einer Fregatte und einem U-Boot) demonstriert. LCM soll in der Lage sein, Angriffe von verschiedenen bodengestützten Einheiten durchzuführen.
Über genaue Angaben zu Reichweiten oder Produktionskapazitäten möchte MBDA auch auf Nachfrage grundsätzlich keine Angaben machen. Frei verfügbaren Quellen zufolge fliegt die Marine-Variante des Marschflugkörpers beim Start vom Schiff rund 1.400 km. Somit dürfte auch die Reichweite der LCM nicht geringer ausfallen, schließlich sollen die Flugkörper identisch sein. Die angegebene Lieferfähigkeit dürfte sich zudem auf eine Produktion der Waffen in Frankreich beziehen, wo die Flugkörper auch entwickelt wurden. Dies dürfte jedoch kein Ausschlusskriterium für eine Brückenlösung darstellen. Schließlich wäre auch die Produktion der Tomahawk-Flugkörper in den USA erfolgt. Darüber hinaus deuten Medienberichte darauf hin, dass der Einsatz der Tomahawks nicht ohne US-Beteiligung erfolgen kann.
Inwiefern mögliche Verfügbarkeits-, Leistungs- oder Kostenunterschiede verhindert haben, dass die Bundeswehr die Land Cruise Missile in Vergangenheit als Brückenlösung ausgewählt hat, ist öffentlich nicht bekannt. Zumindest aber die Bedenken gegenüber der Verfügbarkeit, wenn MBDA den kommunizierten Zeitplan einhalten kann, dürften sich mittlerweile ins Gegenteil verändert haben. Auch beim Thema Leistung dürfte es in Kürze Neuigkeiten geben. Laut einem MBDA-Sprecher, arbeitet das Unternehmen an Weiterentwicklungen der LCM. Welche dies genau sind, will man aber erst in einem Monat auf der Messe Eurosatory in Paris bekanntgeben.
Alles in allem dürfte die LCM eine echte und zudem schneller verfügbare und souveräne europäische Alternative zum Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern darstellen.
Waldemar Geiger















