Das Unbekannte oder die unklare Lage ist seit jeher ein wesentlicher Aspekt der Kriegsführung. Daher setzen militärische Führer Aufklärungskräfte und -mittel ein, um den Nebel des Krieges zumindest kurzfristig lichten zu können. Mit der zunehmenden Verbreitung von Drohnen sowie weiteren Sensoren wird das Gefechtsfeld zwar immer transparenter, gleichzeitig gewinnt damit aber die Problematik an Bedeutung, dass gewonnene Aufklärungsdaten aufgrund des rasch ansteigenden Umfanges nicht rechtzeitig verarbeitet werden können, um sich positiv auf die eigene Gefechtsführung auswirken zu können.
Genau an dieser Stelle soll zukünftig Künstliche Intelligenz (KI) ins Spiel kommen, die bei der Analyse der großen Datenmengen unterstützten soll. Mit dem jüngst durch die zuständigen Ausschüsse des Bundestages gebilligten Beschaffungsvorhaben „Uranos KI“ soll diese Fähigkeit erstmalig auf der Bataillonsebene des Deutschen Heeres Einzug halten, wie es aus Kreisen des Verteidigungsministeriums heißt.
Das Vorhaben Uranos KI stellt dabei ein Novum für die Bundeswehr dar. Damit soll ein neuartiges System zur Überwachung großer Räume mit Künstlicher Intelligenz (KI) an der NATO-Ostflanke entwickelt und beschafft werden. Ziel dabei ist die Aufstellung eines KI-gestützten Aufklärungsverbunds unbemannter Systeme für die taktische Ebene (Kampftruppenbataillone) zur Gefechtsfeldaufklärung.
Beschaffung Uranos KI
Gut informierten Kreisen zufolge sollen Airbus Defence and Space zusammen mit Quantum System sowie das auf KI spezialisierte Tech-Unternehmen Helsing mit der Entwicklung und der Systemlieferung beauftragt werden. Dem Vernehmen nach beläuft sich der vom Bundestag gebilligte Finanzbedarf für den Abschluss beider Rahmenvereinbarungen auf insgesamt rund 136 Millionen Euro, wobei jedoch Optionen für jeweils zehn weitere Systeme pro Anbieter enthalten sind. Fest beauftragt wird erstmal nur die Entwicklung und Lieferung von jeweils vier Systemen pro Anbieter. Während Helsing in einem ersten Schritt etwa 34 Millionen Euro erhalten soll, beläuft sich der erste Anteil für Airbus und Quantum Systems auf ca. 23 Millionen Euro. Medienberichten zufolge haben die beiden Anbieter sich im Wettbewerb gegen zwei weitere Angebote – Rheinmetall und Hensoldt – durchgesetzt.
Was sich auf den ersten Blick unspektakulär anhört, könnte ein echter Gamechanger für die Bundeswehrbeschaffung werden, da die bezugschlagten Unternehmen aufgrund des gewählten Beschaffungsverfahrens bis zur fertigen Auslieferung funktionstüchtiger Systeme im Wettbewerb stehen. Der Wettbewerb endet hier nicht mit dem Ende der Ausschreibung, sondern setzt sich auch in der Entwicklungsphase weiter fort. Wenn sich die Entwicklung verzögert, weil ein Unternehmen mehr versprochen hat, als es liefern kann, drohen bei diesem Verfahren nicht nur prozentual geringe Vertragsstrafen, sondern der Verlust von lukrativen Folgebeauftragungen.
Dem Vernehmen nach plant man auch weitere Beschaffungsvorhaben – bspw. das Vorhaben Aufklärungs- und Wirkungsverbund für die Brigadeebene – auf ähnlichem Wege zu realisieren.
System Uranos KI
Wie angesprochen, soll mittels Uranos KI ein KI-gestützter Aufklärungsverbund geschaffen werden, der in der Lage ist, große Mengen von Daten zu sammeln und aufzuarbeiten und diese den zuständigen Zellen im Baillonsgefechtsstand für die weitere Gefechtsführung zur Verfügung zu stellen.
Mit Details über den genauen Aufbau eines solchen Aufklärungsverbundes – der sich zudem von Anbieter zu Anbieter unterscheiden kann – hält sich das Ministerium zurück. Dem Vernehmen nach wird Uranos KI sowohl Hardware- als auch Softwareelemente enthalten, mit denen aus unterschiedlichen Sensorquellen gewonnene Daten zentral fusioniert werden sollen, um so eine Informationsüberlegenheit auf dem Gefechtsfeld zu erzeugen.
Konkret kann man sich darunter eine Bedienstation vorstellen, mit der Einsätze von zahlreichen land- bzw. luftgestützten unbemannten Plattformen auf dem Gefechtsstreifen eines Kampftruppenbataillons (maximale Ausdehnung 20 x 20 km) gleichzeitig geplant und gesteuert werden können. Die unbemannten Systeme sollen die Aufträge dabei aufgrund eines hohen Automatisierungsgrades weitgehend selbstständig durchführen können. Die Aufklärungsdaten sollen mittels unterschiedlicher Sensoren gewonnen und an den Gefechtsstand übermittelt werden. Neben optischen Sensoren sollen dabei dem Vernehmen auch Radare sowie akustische und seismische Sensorik zum Einsatz kommen.
Für die Entwicklung von Uranos KI sollen dem Verteidigungsministerium zufolge marktverfügbare Einzelkomponenten in ein Gesamtsystem integriert werden. Zunächst werden parallel von den zwei Herstellern acht Gesamtsysteme für die in Litauen stationierte Panzerbrigade 45 beschafft. Die Anfangsbefähigung soll demnach zwischen 2026 und 2028 erreicht werden. Damit werde die Grundlage für den weiteren Ausbau des Systems geschaffen, um danach weitere Heeresbrigaden auszustatten.
Um zu verstehen, wie Uranos KI in der Realität aussehen könnte, kann man sich folgende Beispielmission vorstellen, die zwar ein wenig wie Science Fiction anmutet, aber dem Vernehmen nach innerhalb der Leistungsparameter von Uranos KI liegen soll.
Im Vorfeld durch unbemannte Bodenfahrzeuge (UGV) ausgebrachte seismische Sensoren registrieren Bodenerschütterungen, die auf ein Anrücken schwerer Technik aus einer grob bestimmbaren Richtung hindeuten. Uranos KI schlägt daraufhin den Einsatz weiterer Aufklärungsmittel vor, um das Lagebild weiter zu verdichten. Eine in der Luft befindliche Aufklärungsdrohne erhält daraufhin den Auftrag, den anrückenden Feind aufzuklären, so dass Art, Stärke und Verhalten genauer bestimmt werden können. Nachdem die Drohne die mittels der Seismik vermutete grobe Position der feindlichen Kräfte erreicht hat, kann diese keine Fahrzeuge aufklären. Die an die Bodenstation übertragenen Videobilder werden dabei parallel durch eine KI ausgewertet, die Änderungen in den Fahrspuren feststellt. Die neu aufgeklärten Fahrspuren deuten darauf hin, dass die vermuteten Feindfahrzeuge in einem in der Nähe befindlichen Waldstück untergezogen sind. Daraufhin schlägt das System dem Bediener vor, das Waldstück dauerhaft durch eine Aufklärungsdrohne überwachen zu lassen und parallel Aufklärungs-UGV in das Waldstück zu schicken, um die genaue Zusammensetzung der Feindkräfte aufzuklären. Mehrere Stunden später erreicht ein kleines UGV das Waldstück und kann aus der Bodenperspektive feststellen, dass Kampfpanzer in Kompaniestärke im Waldstück untergezogen sind. Zudem konnte die Position der feindlichen Fahrzeuge hinreichend genau bestimmt werden. Der Bataillonskommandeur trifft daraufhin den Entschluss den Feind bekämpfen zu lassen und lässt mögliche Optionen für die Bekämpfung prüfen. Die am vor Ort befindlichen UGV integrierten Akustiksensoren stellen in der Zwischenzeit fest, dass die feindliche Panzerkompanie die Triebwerke anwirft. Da die Zeit drängt, entscheidet sich der Bataillonskommandeur für den unmittelbaren Einsatz der Artillerie. Zwei Minuten später erreichen die SMArt-Geschosse der Artillerie das Waldstück. Die Radarsensorik der Suchzündermunition ist in der Lage, die Feindpanzer auch durch das dichte Blätterwerk hindurch zu erkennen und punktgenau zu bekämpfen.
Waldemar Geiger


















