NATO: Nachfolgelösung für AWACS-Flugzeuge in der Diskussion

Lars Hoffmann

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Die Mitglieder der NATO hatten sich bereits im November 2023 darauf geeinigt, als Nachfolgelösung für die Flugzeuge des Typs E-3A AWACS – die Abkürzung steht für Airborne Warning and Control Systems – sechs neue Maschinen des Typs Boeing E-7A Wedgetail für eine Anfangsbefähigung zu beschaffen. Die erste Maschine des moderneren Typs sollte bereits 2031 in den Einsatz gehen, wie die NATO seinerzeit mitteilte. Nach bisheriger Planung werden die E-3A, die auf dem veralteten Flugzeugmuster 707 basieren, noch bis 2035 im Dienst bleiben.

Mittlerweile scheint diese Planung jedoch auf dem Prüfstand zu stehen. Das Bundesministerium der Verteidigung evaluiere derzeit die nächsten Schritte im NATO-Programm „Initial Alliance Future Surveillance and Control“ (iAFSC) zur Beschaffung einer Nachfolgelösung für das NATO-System E-3A, teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums auf Nachfrage mit.

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Die Beschaffungsstrategie werde eng mit dem Programmbüro der zuständigen Beschaffungsagentur, der NATO Support and Procurement Agency (NSPA) sowie mit den anderen iAFSC-Nationen abgestimmt, hieß es weiter. Gut informierten Kreisen zufolge, werden die Teilnehmernationen in diesem Monat bei einem Treffen über das weitere Vorgehen entscheiden. Dabei wird es offenbar auch darum gehen, ob das Verfahren geöffnet und Alternativen zur E-7A betrachtet werden sollen.

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„Eine abschließende Bewertung der Auswirkungen der Änderungen hinsichtlich Typenauswahl, Stückzahl und Gesamtumfang des Beschaffungsprogramms steht derzeit noch aus“, so der Sprecher des Ministeriums. Hinsichtlich der geforderten Zeitlinien bestehe unter den iAFSC-Nationen Einvernehmen, dass der bruchfreie Erhalt der AEW-Fähigkeit der NATO sicherzustellen sei, fügte er an.

„Deutschland wird weiterhin einen wesentlichen finanziellen Beitrag zu einer luftgestützten Frühwarn- und Führungsfähigkeit leisten, um einen Nachfolger für das bewährte NATO-System E-3A AWACS in Europa sicherzustellen“, so der Sprecher abschließend. Im Haushaltsentwurf für das Jahr 2025 hatte das BMVg denn auch Verpflichtungsermächtigungen von rund 3 Milliarden Euro für die Nachfolge der E-3A eingestellt. 

Hintergrund der veränderten Lage bei der AWACS-Nachfolge ist dem Vernehmen nach einerseits, dass sich die USA in Zukunft nicht mehr an der Finanzierung der in Geilenkirchen stationierten AWACS-Flotte beteiligen wollen – bislang tragen die Vereinigten Staaten einen erheblichen Teil der Kosten.

Zum anderen hat sich das Pentagon entgegen der ursprünglichen Erwartung noch nicht dazu verpflichtet, im großen Umfang E-7A Wedgetail von Boeing für die U.S. Air Force zu beschaffen. US-Kriegsminister Pete Hegseth hatte Mitte des Jahres bei einer Anhörung angedeutet, dass mindestens ein Teil der Aufgaben der E-7A auf Weltraum-Systeme übertragen werden könnte. Was dies konkret bedeutet, ist bisher noch unklar.

E-7A von Boeing
Die Mitglieder der NATO hatten sich eigentlich bereits im November 2023 darauf geeinigt, als Nachfolgelösung für die Flugzeuge des Typs E-3A AWACS sechs neue Maschinen des Typs Boeing E-7A Wedgetail für eine Anfangsbefähigung zu beschaffen. (Bild: NATO)

Beobachter rechnen jedoch damit, dass bis Jahresende eine Einigung auf das Flugzeug, dass auf der Boeing 737 basiert, erfolgen könnte. Wie es heißt, soll es Unterstützung für das Programm aus beiden Parteien im US-Kongress geben. Zu weiteren Verzögerungen könnte jedoch der nun schon mehrere Wochen andauernde Regierungs-Shutdown in den Vereinigten Staaten führen.

Sollte es jedoch nicht zu einer Umsetzung des Programms durch die US-Streitkräfte kommen, würde ein wichtiger Partner der bei AWACS engagierten NATO-Staaten, allen voran Deutschland, für die Weiterentwicklung und den Lebenszyklus der Flugzeuge wegfallen. Denn im Rahmen des ursprünglich geplanten Government-to-Government-Geschäftes würden die NATO-Partner von Hard- und Softwareweiterentwicklungen der E-7A durch die U.S. Air Force profitieren.

Dessen ungeachtet nutzen andere Nationen bereits das Aufklärungs-Flugzeug. Bei der Royal Australian Air Force sind sechs E-7A Wedgetails im Einsatz, die Republic of Korea Air Force verwendet vier E-737 Peace Eye und die Turkish Air Force vier E-7 Peace Eagle. „Down Under“ wurde eine E-7A bereits als Führungsflugzeug von zwei unbemannten Kampfflugzeugen des Typs MQ-28A Ghost Bat von Boeing eingesetzt.

Die britische Royal Air Force wird drei E-7 Wedgetail erhalten, die in Birmingham umgebaut werden. Mindestens eine dieser Maschinen, die im schottischen Lossiemouth stationiert werden sollen, ist bereits fertiggestellt, wie die RAF Ende 2024 mitteilte. Zwei „Rapid Prototype E-7A“ für die US-Luftwaffe sollen von Boeing ebenfalls im britischen Birmingham umgerüstet werden.

Die E-7 Wedgetail, die auch im Flug betankt werden kann, ist nach Angaben der NATO ein hochmodernes Frühwarn- und Kontrollflugzeug, das Situationsbewusstsein sowie Führungs- und Kontrollfunktionen bietet. Ausgestattet mit einem leistungsstarken Radar könne das Flugzeug feindliche Flugzeuge, Raketen und Schiffe aus großer Entfernung erkennen und NATO-Kampfflugzeuge zu ihren Zielen leiten. Sie basiert auf einer militarisierten Version des Passagierflugzeugs Boeing 737.

Die NATO betreibt seit den 1980er Jahren eine Flotte von 14 E-3A-AWACS-Maschine. Diese sind auf dem Luftwaffenstützpunkt Geilenkirchen in Deutschland stationiert und wurden laut NATO bei allen größeren NATO-Einsätzen eingesetzt, darunter im Kampf gegen den IS sowie an der Ostflanke der NATO nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine. Beobachter gehen davon aus, dass die Flotte aufgrund des Ukraine-Kriegs stark genutzt wird. Die Besatzungen sind multinational zusammengesetzt, wobei auch Deutschland mit Personal vertreten ist. Auch die zukünftigen E-7A sollten den bisherigen Planungen zufolge ihren Hauptstützpunkt in Geilenkirchen haben, könnte allerdings genauso von mehreren Vorwärtsstandorten in ganz Europa aus operieren.

Wenn nun tatsächlich Alternativen zur E-7 Wedgetail geprüft werden sollten, kommt eigentlich nur das System GlobalEye des schwedischen Herstellers Saab in Betracht.

Die Besonderheit beim Aufklärungssystem GlobalEye lieg darin, dass die Sensorik – insbesondere das oberhalb des Flugzeugdachs positionierte Radar – und das Missionssystem vom schwedischen Hersteller Saab kommen und in ein Flugzeug des kanadischen Herstellers Bombardier der Serie Global 6000/6500 integriert werden. Die Stehzeit der Maschine in der Luft wird von Saab mit mehr als 11 Stunden angegeben.

GlobalEye von Saab
Die GlobalEye von Saab gilt als eine mögliche Alternative für die AWACS-Nachfolge. (Bild: Saab)

Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte beim Besuch seines schwedischen Amtskollegen Pål Jonson Ende September in Berlin ausgeführt, dass GlobalEye für Deutschland eine Option als AWACS-Nachfolger darstelle und ganz oben auf der Liste stehe. Es sei aber noch keine Entscheidung gefallen, betonte er damals.

Bei seinem jüngsten Besuch in Kanada hatte Pistorius dann gesagt, dass Deutschland in den kommenden Jahren mindestens 18 Global-Flugzeuge in Kanada beschaffen werde. Womöglich könne sogar noch eine größere Anzahl solcher Maschinen in Kanada erworben werden, wenn es um GlobalEye gehe, so der Minister.

Beobachter sind sich vor dem Hintergrund dieser Aussagen nicht klar, ob Deutschland nur an eine NATO-Nutzung der Maschinen denkt oder zusätzlich eigene AWACS-Frühwarnkapazitäten aufbauen will. Die Beschaffung von GlobalEye dürfte für das BMVg neben dem Aspekt, dass es sich um eine europäische Lösung handelt, noch aus einem anderen Grund interessant sein: Deutschland möchte U-Boote des Typs 212 CD nach Kanada verkaufen und könnte dann womöglich seine Offset-Verpflichtungen durch den Kauf von Bombardier-Jets zum Teil erfüllen.

Dem Vernehmen nach ist der Umbau der Bombardier-Maschinen für GlobalEye bislang am Saab-Standort im schwedischen Linköping erfolgt. Wie es heißt, wurde die Technik so in die Maschinen integriert, dass sie danach keinen ITAR-Restriktionen unterliegen. Womöglich kommen beim Umbau von Bombardier-Jets für die NATO oder Deutschland neben Saab auch Unternehmen wie Airbus Defence and Space und Lufthansa-Technik als Partner in Betracht.

Mittlerweile haben die Vereinigten Arabischen Emirate fünf Maschinen im Einsatz, während Schweden drei bestellt hat. Auf der Paris Air Show im Sommer hatte auch Frankreich eine Absichtserklärung für die Beschaffung von zwei Maschinen plus die Option auf zwei weitere geschlossen, aber noch keine formelle Bestellung ausgelöst. Ob bald weitere Kunden dazukommen, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, welchen Pfad die NATO und Deutschland einschlagen.

Lars Hoffmann