Der schwächelnde Export und die Zoll-Kalamitäten der aktuellen US-Administration in Verbindung mit hohen Energiekosten und Abgaben werfen einen deutlichen Schatten auf den Zustand der deutschen Wirtschaft. Besonders betroffen ist die Automobilindustrie, die den Einbruch einer Nachfrage aus dem Ausland nicht ohne weiteres kompensieren kann. Parallel zu der aktuellen Wirtschaftsflaute sorgt jedoch die geopolitische Weltlage für eine deutlich größere Nachfrage nach Munition, Panzern, Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen, mit denen die deutschen Streitkräfte kriegstüchtig gemacht werden sollen.
In dieser Situation ist es nicht verwunderlich, dass insbesondere viele Akteure aus Maschinenbau und der Zulieferseite der Automobilindustrie ihr Heil im Rüstungssektor suchen. „Arbeit“ gibt es scheinbar genug, nicht nur muss in vergleichsweise kurzer Zeit ein mehrfaches Mehr an Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Co. gebaut werden, es gibt auch einiges an Modernisierungsbedarf in den Produktionsprozessen, der nun realisiert werden konnte.
Ob diese Strategie des Einstiegs in den Rüstungssektor – mit allen seinen Spezialitäten und Fallstricken – gelingen wird, wird die Zeit zeigen, das Interesse am „Anschluss“ ist zumindest sehr groß. Sichtbar ist das Interesse unter anderem an den Mitgliedschaften im Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV). Nach Aussagen von BDSV-Hauptgeschäftsführer Hans Christoph Atzpodien hat der Verband Stand Juli 340 Mitglieder und somit 100 mehr als 2024. Im Jahr 2017 waren es gerade mal 70. Viele der Neumitglieder kämen Atzpodien zufolge aus der Automobilindustrie.
Auch auf der zu Beginn der Woche in Düsseldorf stattgefundenen Handelsblatt-Konferenz „Wirtschaftsfaktor Rüstung 2025“ konnte das rege Interesse beobachtet werden. Die absolute Mehrheit der Unternehmensbesucher stammte dem Ausrichter zufolge aus Unternehmen, die bisher keine Berührungspunkte mit dem Verteidigungssektor hatten und nun einen Anschluss suchen oder zumindest prüfen.
Gleiches war auch auf der am 3. und 4. September in Koblenz vom CPM-Verlag ausgerichteten Rüstungsmesse RüNet zu beobachten. Viele der in der Rüstungsindustrie etablierten Aussteller berichteten gegenüber hartpunkt, dass dieses Jahr ungewöhnlich viele Unternehmensbesucher an den Ständen waren, die eine Geschäftsanbahnung mit den Ausstellern gesucht hätten.
Das große Interesse ist für den Sektor ein Novum, der noch vor kurzem in der Schmuddelecke fristen musste. Viele der Unternehmen hatten damit zu kämpfen Kredite bzw. Geschäftskonten von den Banken zu erhalten, weil die Branche gemäß der seit Januar 2022 geltenden EU-Taxonomie absurderweise als nicht nachhaltig galt. Auch die Personalgewinnung gestaltete sich in der Vergangenheit als herausfordernd, obwohl viele Rüstungsbetriebe immer wieder mit Bestbewertungen aus Arbeitgeberwettbewerben rausgehen. Die Preise gehen dabei nicht nur an große Rüstungskonzerne, auch mittelständische und kleine Betriebe, erreichen immer wieder Bestpreise oder Bestnoten, wie das jüngste Abschneiden des Bayreuther Optikspezialisten Steiner-Optik GmbH zeigt. Das Unternehmen, welches unter anderem Zielfernrohre für die Scharfschützen der Bundeswehr und Ferngläser an den Rest der Truppe liefert, hat einer Ende August veröffentlichten Analyse des Creditreform Unternehmensgruppe zufolge den dritten Rang auf der Liste der „Krisensichersten Unternehmen 2025“ belegt.
Diese beiden beschrieben Umstände haben auch viele anderen Unternehmen abgeschreckt Geschäfte mit dem Rüstungssektor zu tätigen oder in diesen zu investieren. Zumindest für das Jahr 2025 scheint sich das Image und die Lage im Verteidigungsbereich geändert zu haben. Neben der zu erwarteten Auftragswelle dürfte auch die Erkenntnis in breiten Teilen der Gesellschaft gereift sein, dass Streitkräfte und der damit verbundene Wirtschaftssektor eine wichtige Stütze für Sicherheit eines freien und demokratischen Europas darstellen.
Waldemar Geiger













