Der deutsche Panzerbauer KNDS Deutschland hat heute im Zuge der Fachmesse AUSA Annual Meeting & Exposition in Washington mit der „RCH 155 TRACKED“ eine Kettenvariante seines hochautomatisierten Artilleriesystems vorgestellt. Die Präsentation der gepanzerten Haubitze auf der AUSA, die als Hausmesse der U.S. Army bezeichnet werden kann, deutet darauf hin, dass KNDS Deutschland die Ketten-RCH als potenzielle Lösung für die in die Jahre gekommene Panzerhaubitze M109A7 der U.S. Army ansieht, die in puncto Mobilität und Wirkung nicht mehr dem Stand der Zeit entspricht und dringend modernisiert oder ersetzt werden soll.
Die gepanzerte Haubitze RCH 155 TRACKED kombiniert die Feuerkraft und effektive Reichweite des automatisierten und ferngesteuerten Artillerie-Geschützmoduls (Artillery Gun Module – AGM) mit dem Schutz und der Mobilität der neuen gepanzerten Kettenplattform „Boxer TRACKED“, de facto einem Boxer-Fahrmodul mit Kettenfahrgestell, das das Unternehmen im Rahmen der Rüstungsmesse Eurosatory 2022 erstmals öffentlich vorgestellt hat.
Die Kombination aus dem unbemannten AGM mit seiner NATO-JBMoU-kompatiblen 155-mm-/L52-Waffenalage bietet nach Angaben von KNDS einen 360-Grad-Schwenkbereich über alle Elevationen mit bis zu sechs modularen Ladungen, ohne dass Stützbeine erforderlich sind.
„Als systematischer modularer Ansatz ist das RCH 155 TRACKED ein leichtes, flexibles und weitreichendes Artilleriesystem für alle relevanten Einsatzszenarien, die Kettenmobilität erfordern, und bietet der Besatzung einen sehr hohen Schutz“, schreibt das Unternehmen in seiner Werbebroschüre.
Fahrmodul
Das Ketten-Fahrmodul der Plattform bietet gegenüber dem Radmodul mehrere Vorteile. So ist die Kette in puncto taktische Mobilität im schwierigen Gelände gegenüber dem Rad überlegen. Zudem bietet die Plattform mit rund 45 to Maximalgewicht Vorteile in der Konstruktion der Missionsmodule, welche nun bis zu 17 t schwer sein können. Bei der Radplattform ist das Modulgewicht auf 12 t begrenzt. Die Ausmaße der Plattform betragen 10,6 m (Länge), 3,45 m (Breite) und 3,5 m (Höhe).
Angetrieben wird die Plattform durch ein Powerpack mit MTU-Dieselmotor und HSWL-256-Getriebe von Renk, das bis zu 900 kW Leistung liefert und das Fahrzeug auf bis 70 km/h (Straße) beschleunigen kann. Das Leistungsgewicht wird mit rund 20 bis 25 kW/t und die Reichweite mit bis zu 500 km angegeben. Als Gleiskette des Kettenlaufwerk mit sechs Laufrollen kann wahlweise eine aus dem Schützenpanzer Puma bekannte Stahlkette oder eine leichtere Gummibandverbundkette genutzt werden, die weniger wiegt und Geräusche und Vibrationen im Fahrzeug reduziert.
Missionsmodul
Kernbestandteil des Missionsmoduls ist das sogenannte Artillery Gun Module, welches ein in Serienproduktion befindlicher, vollautomatischer Geschützturm mit einer aus der Panzerhaubitze 2000 bekannten 155 mm/L52-Waffenanlage von Rheinmetall ist und so auch bei der zukünftigen Radhaubitze der Bundeswehr zum Einsatz kommen wird.
Das Geschützmodul wurde von KNDS plattformunabhängig konzipiert. Vorausgesetzt, dass die geforderten Ansprüche des Geschützes in puncto Traglast und Stabilität erfüllt werden, kann das AGM theoretisch auf jede denkbare Plattform integriert werden. Gemäß den Aussagen des Herstellers treten beim AGM Rückstoßkräfte von bis zu 60 Tonnen (höchste Ladung) auf. Diese müssen durch die Plattform aufgenommen werden, ohne dass das Fahrgestell über Gebühr beansprucht wird oder die Präzision darunter leidet.
Vorgängerversionen des Systems wurden bereits vor über zehn Jahren, sowohl auf Basis eines aus dem Raketenartilleriesystem MARS bekannten Kettenfahrgestells, als auch auf einem 8×8-LKW-Fahrgestell von Iveco gezeigt. Das Grundkonzept des modernen Artilleriesystems hat KNDS bereits vor mehreren Jahren entwickelt. Bei der 2021 vorgestellten Haubitze auf Basis des Boxers handelt es sich aber um eine neue Version des Systems. Der maßgebliche optische Unterschied der neuen Version ist ein deutlich niedrigerer Waffenturm. Die niedrigere Silhouette ermöglicht einen einfacheren Bahntransport. Darüber hinaus ist auch eine Lufttransportfähigkeit im A400M – zumindest bei der Boxervariante – gegeben, dazu muss das Geschütz- / Missionsmodul, wie bei den anderen Boxerversionen auch, separat von Fahrzeugmodul transportiert werden.
In der RCH-155-TRACKED-Variante (genauso wie bei der Radhaubitzenvariante) ist das AGM so ausgelegt, dass die Haubitze im kompletten Wirk- und Richtbereich mit der höchsten Ladung uneingeschränkt schießen kann. Die Fähigkeit zum Feuern aus der Bewegung ist einzigartig auf der Welt und wurde seitens der KNDS-Ingenieure aus der Funktionsweise von Stabilisierungsanlagen, wie sie in Kampf- und Schützenpanzern verwendet werden, abgeleitet. Dabei kalkuliert ein Rechner ständig die aktuelle Lage des Fahrzeuges und des Rohres. Weicht die Rohrrichtung vom errechneten Zielpunkt ab, wird nachgesteuert. Nur wenn die Waffe exakt auf das Ziel gerichtet ist, löst der Rechner den Schuss aus.
Die Besatzung ist dafür verantwortlich, dem System nur dann einen Feuerauftrag zu erteilen, wenn in unmittelbarer Nähe keine Hindernisse sind, die die Flugbahn der Granate behindern könnten.
Die Feuergeschwindigkeit des AGM beträgt mehr als acht Schuss pro Minute. In das AGM wurde ein vollautomatisches Ladesystem für Geschosse und modulare Treibladungen integriert. Die Zünder werden im Ladevorgang induktiv programmiert, die Waffenanlage elektrisch gerichtet. Die Kampfbeladung besteht aus maximal 30 bezünderten Geschossen und 144 modularen Treibladungen und damit rund 50 Prozent mehr, als es typische, auf LKW basierte und im Einsatz befindliche Artilleriesysteme haben. Der Feuerkampf wird durch einen Feuerleitrechner mit integriertem Ballistikrechner und Datenfunk-Anbindung zu einem Artillerieführungssystem unterstützt, der auf eine hochgenaue Navigationsanlage, mit oder ohne GPS-Unterstützung, zurückgreift. Der Turm kann ohne Fahrzeugabstützung um 360 Grad gedreht werden. Die Elevation des Rohres von -2,5 bis 65 Grad erlaubt den Feuerkampf sowohl auf große Entfernung als auch im direkten Richten auf nahe Ziele.
Mit einer Waffenstation ausgerüstete AGM verfügen zudem über eine sogenannte Hunter-Killer-Fähigkeit. Diese dient der Selbstverteidigung. Sie ermöglicht es der Besatzung, in Duellsituationen parallel erkannte Ziele zu bekämpfen und weitere, das Fahrzeug bedrohende Ziele aufzuklären. Während das Fahrzeug automatisiert eine vorher aufgeklärte Bedrohung bekämpft, kann der Kommandant bereits weitere Gegner aufklären und die Bekämpfung einleiten. Es sei hier jedoch angemerkt, dass die auf dem Flyer abgebildete Piranha-Radhaubitze mit einer Waffenstation versehen ist, auf den jüngst veröffentlichten Bildern ist das Artilleriesystem hingegen ohne eine Waffenstation zu sehen.
Ein Artilleriesystem auf Basis des AGM kommt aufgrund des hohen Automatisierungsgrades mit einer zweiköpfigen Besatzung, dem Kommandanten und dem Kraftfahrer/ Systembediener, aus. Der Kommandant kann dabei über die Optronik der integrierten fernbedienbaren Waffenstation und potenzielle Ziele und Gefahren im gesamten Sichtbereich aufklären und im Bedarfsfall eine Zielauffassung vornehmen. Ist ein potenzielles Ziel aufgeklärt, betätigt der Kommandant auf Knopfdruck den Einsatz der Artilleriekanone, der Rest erfolgt automatisiert. Das System richtet, lädt und feuert selbstständig. Wenn notwendig, kann der Kommandant in der Zwischenzeit mit der Waffenanlage der Waffenstation den Feuerkampf aufnehmen und das Ziel niederhalten, blenden oder weitere Ziele für Folgeschüsse aufklären.
Waldemar Geiger



















