Plan B – Schweden als Partner für die Zeit nach FCAS interessant

Lars Hoffmann

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In den vergangenen Wochen haben sich die Zeichen gemehrt, dass das französisch-deutsch-spanische Vorhaben Future Combat Air System (FCAS) vor dem Ende stehen könnte. So halten die Regierungen Deutschlands und Spaniens an den bisher getroffenen Vereinbarungen zu Arbeitsteilung in dem Multi-Milliarden-Projekt fest, während Dassault-Chef Eric Trappier weiterhin öffentlich die Führerschaft bei der Entwicklung des zukünftigen Kampfflugzeuganteiles (New Generation Fighter – NGF) für sich reklamiert und damit bisher getroffene Absprachen nicht mehr akzeptiert. Nach Jahren des Hickhacks mit dem französischen Counterpart ist der deutsche Prime Airbus Defence and Space offensichtlich nicht mehr bereit, weitere Zugeständnisse an Dassault zu machen.

Eigentlich sollte bis Jahresende eine politische Lösung für das Problem gefunden werden. Das steht jedoch in den Sternen. Denn bereits das für Oktober verabredete Treffen zwischen den Verteidigungsministerien der drei Partnerländer in Berlin muss aufgrund fehlender französischer Ansprechpartner entfallen, wie es aus dem Verteidigungsministerium heißt. Frankreich hat im Augenblick keine Regierung.

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Zwar ist nicht völlig ausgeschlossen, dass FCAS fortgeführt wird und die Phase 2 zum Bau von Demonstratoren im kommenden Jahr starten kann. Beobachter rechnen jedoch spätestens nach Abschluss dieser Stufe mit dem nächsten Forderungskatalog aus Frankreich. Umso wichtiger ist es deshalb, sich rechtzeitig einen Plan B zurechtzulegen. Und hier kommt Schweden ins Spiel. Das skandinavische Land mit weniger als zehn Millionen Einwohnern hat seit der Gründung der Firma Saab im Jahr 1937 kontinuierlich Militärflugzeuge entwickelt. Zuletzt die JAS 39 Gripen, die in der ersten Liga der Kampfflugzeuge mitfliegt. Ähnlich wie Deutschland beim Eurofighter hat Schweden jedoch noch kein Nachfolgemodell für die Gripen entwickelt und will die Maschine noch einige Jahrzehnte im Dienst halten. Während die Bundeswehr bis jetzt auf den New Generation Fighter des FCAS setzt und F-35 in den USA beschafft hat, haben die Schweden noch nicht entschieden, wie es weitergehen soll, nachdem das Land aus dem GCAP-Programm von Großbritannien, Italien und Japan ausgestiegen ist. Eine Eigenentwicklung ist denkbar, könnte jedoch womöglich die finanziellen Möglichkeiten des Landes übersteigen. Eine Kauflösung würde wenig für den Rüstungsstandort hilfreich sein und einen schweren Schlag für Saab bedeuten. Das Unternehmen dürfte Know-how und Wertschöpfung verlieren. Ähnlich könnte es Airbus Defence and Space ergehen, sollte entweder die F-35 zum Standard-Flugzeug der Luftwaffe werden oder sich das Unternehmen beim New Generation Fighter den französischen Forderungen unterwerfen. Beobachter gehen davon aus, dass in den letzteren beiden Fällen gar die Existenz von Airbus Defence and Space auf dem Spiel stehen könnte.

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Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Gerüchte in Berlin kursieren, wonach im Fall eines FCAS-Abbruchs – „nach angemessener Trauerzeit“ – Saab und Airbus Defence and Space eine Joint Venture zum Bau eines neuen Kampfflugzeugs als Nachfolger von Eurofighter und Gripen gründen könnten.

Frankreich würde dann voraussichtlich einen eigenen Fighter der nächsten Generation entwickeln, wozu das Land technisch zweifelsohne in der Lage ist und was aufgrund der Politik der strategischen Autonomie vermutlich die sinnvollste Lösung darstellen dürfte. Ein Problem dabei ist jedoch die desolate Situation des Staatshaushalts. Die üppigen Exportaufträge für den Dassault-Kampfjet Rafale und mögliche Partnerschaften mit wichtigen Abnehmerländern könnten hier für die notwendigen Finanzmittel sorgen. Offen wäre, wie sich Spanien positioniert.

Dass es die Gerüchte zur vertieften Zusammenarbeit im Kampfflugzeug-Bereich zwischen Deutschland und Schweden gibt, dürfte nicht zuletzt auf die bereits guten Erfahrungen in bilateralen Rüstungsfragen zurückzuführen sein. So modernisiert Saab beispielsweise die Fregatten der Klasse 123 und erst Mitte der Woche hat der Bundestag die 25-Millionen-Euro-Vorlage für die Einrüstung des Selbstschutz- und Emitter-Locator-Systems Arexis in den Eurofighter gebilligt. Auch zukünftige Eurofighter sollen hartpunkt vorliegenden Informationen zufolge Arexis erhalten. Erst jüngst erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius beim Besuch seines schwedischen Amtskollegen, dass das Aufklärungsflugzeug Global Eye von Saab sehr gut für eine mögliche AWACS-Nachfolge positioniert sei.

Anderes als Dassault hat Saab auch bereits bewiesen, dass das Unternehmen gemeinsam mit Partnern High-End-Produkte entwickeln kann. So hat der schwedische Konzern zusammen mit dem US-Riesen Boeing das einstrahlige Flugzeug eT-7A Red Hawk designt, das von der U.S. Air Force als Trainer ausgewählt wurde.

Für Deutschland würde die Zusammenarbeit mit Schweden bei Kampfflugzeugen die große Chance bieten, die eigenen technologischen Fähigkeiten im Flugzeugbau, von der Avionik, über die Flugzeugzelle bis hin zum Triebwerk weiterzuentwickeln und die umfassend Wertschöpfung zu erweitern. So hat CDU-Verteidigungspolitiker Volker Mayer-Lay kürzlich das Vorgehen Frankreichs bei FCAS kritisiert und den Abbruch ins Spiel gebracht. Er sieht die deutsche Industrie hervorragend aufgestellt für die Entwicklung eines Kampfflugzeugs.  Zu den wichtigen Playern zählt er Airbus, MTU, Diehl, Indra Avitech, Hensoldt oder die starke Forschungslandschaft in Künstlicher Intelligenz, Sensorik und Cybersicherheit. „Deutschland kann technologisch mithalten – und es hat Alternativen“, so der Unionspolitiker in einem Statement. Im Gegensatz zu allen anderen europäischen Ländern kann und will die Bundesregierung für Verteidigung riesige Summen ausgeben und die Bundeswehr zur schlagkräftigsten konventionellen Armee in Europa machen, was aufgrund der frugalen Haushaltsführung der vergangenen Jahre auch möglich ist. Die Finanzierung – wenn auch über Schulden – wäre also gegeben.

Kooperationsgespräche bei CCA

Zwar ist der Fighter das wichtigste Element des Next Generation Weapon System des FCAS, aber nicht das Einzige. So soll er von unbemannten Kampfflugzeugen begleitet werden, den sogenannten Collaborative Combat Aircraft (CCA), die Aufgaben des bemannten Fighters übernehmen. Damit reduzieren sie das Risiko für bemannte Flugzeuge und können gleichzeitig die Kampfkraft des Flugzeug-Verbundes erweitern. Airbus hat bei diesen CCA, die bei FCAS Remote Carrier heißen, den industriellen Lead.

Das Konzept findet offenbar auch in Schweden Anklang. Wie aus gut informierten Kreisen zu vernehmen ist, gibt es bereits seit Längerem Gespräche zwischen Saab und Airbus Defence and Space, wie ein solches CCA gemeinsam entwickelt werden kann. Bereits im Juni hatte hartpunkt darüber berichtet. Sowohl Airbus als auch Saab lehnten seinerzeit eine Stellungnahme dazu ab.

Dem Vernehmen nach könnte im Rahmen der Zusammenarbeit der beiden Unternehmen in Kürze die Entwicklung eines CCA der 6-Tonnen-Klasse angestoßen werden, das bereits im Jahr 2032 seine Final Operational Capability (FOC) erreichen soll. Fokussiert auf die speziellen europäischen Anforderungen an ein solches unbemanntes Kampfflugzeug soll es ein plattformunabhängiges Missionssystem erhalten, das in Kürze auf einem Test-CCA erprobt und weiterentwickelt werden soll, wie zu vernehmen ist.

Bei dem Test-CCA dürfte es sich um die XQ-58A Valkyrie des US-Unternehmens Kratos handeln. Airbus hatte vor wenigen Tagen auf Nachfrage von hartpunkt mitgeteilt, dass zwei Maschinen dieses Flugzeugs der 3-Tonnen-Klasse in den kommenden Wochen erwartet werden, mit denen im kommenden Jahr eine Flugtestkampagne starten soll. „Gleichzeitig entwickeln wir unser Airbus-Missionssystem, das in die Kratos-Plattformen integriert wird und dafür sorgt, dass wir dem deutschen Kunden bis 2029 ein souveränes, einsatzbereites unbemanntes Collaborative Combat Aircraft zur Verfügung stellen können“, so der Airbus-Sprecher. Mit der XQ-58A Valkyrie will Airbus also auch in den Wettbewerb um eine „Jagdbomberdrohne“ eintreten, die spätestens in vier Jahren der Truppe zur Verfügung stehen soll. Damit müsste für die XQ-58A und vor allem für das Missionssystem 2029 die Initial Operating Capability (IOC) erreicht werden. Das FFF-Phasenpapier für das Vorhaben wird gegenwärtig erstellt.

Airbus will mit diesem Ansatz dem Vernehmen nach die Entwicklung des deutsch-schwedischen CCA beschleunigen. Denn die Erkenntnisse und die operative Expertise aus den Tests mit der Valkyrie und dem Missionssystem würden dann direkt in die Entwicklung des deutsch-schwedischen Flugzeugs einfließen. Damit würde sowohl die Interoperabilität aller CCA als auch eine nationale Datenhoheit gewährleistet.

Die offene Architektur des Missionssystems soll die Integration unterschiedlicher Plattformen und Waffensysteme ermöglichen. Erst wenn es auf der Kratos-Plattform hinreichend maturiert wurde, soll es auf künftige europäische Plattformen übertragen werden, so heißt es.

Neben der Industrie könnte auch die Luftwaffe eingebunden werden und so von der Strategie profitieren. Etwa wenn es um die Entwicklung von Einsatzkonzepten gehen. Eine Blaupause für den gemeinsamen Kompetenzaufbau stellt das Eurofighter-Systemunterstützungszentrum in Manching dar, in dem Airbus und die Luftwaffe gemeinsam testen und trainieren.

Der von Airbus gewählte iterative Ansatz hätte den Vorteil, dass einerseits die mit einer kompletten Neuentwicklung verbundenen Risiken vermieden werden. Andererseits würde durch die Nutzung eines bereits qualifizierten Systems der Aufbau operativer Expertise beschleunigt und die Validierung von bewaffneten Einsatzkonzepten ermöglicht, bevor die Jagdbomberdrohnen Ende der Dekade der Truppe zulaufen.

Dabei verfolgt Airbus nicht nur den Ansatz, die CCA einzeln und im Schwarm vom Boden aus zu führen, sondern arbeitet an der Entwicklung eines Fighter Command System auf Basis der bei der Luftwaffe in Zukunft eingeführten „Litening 5 Pods“ für den Eurofighter, wie hartpunkt bereits berichtete.

Die Bundeswehr beschafft 90 Litening 5 Pods des israelischen Herstellers Rafael zur Zielbeleuchtung für seiner Eurofighter-Flotte. Diese Pods würden in den Airbus-Konzept überdies als Kommunikations-Relais dienen und über genug interne Rechenpower für die Führung der CCA verfügen. Das Interface mit dem Eurofighter-Piloten könnte über ein elektronisches Tablet dargestellt werden, das auf dem Oberschenkel des Piloten fixiert wird. Die Vorteile dieses provisorischen Ansatzes sind erheblich: Es sind keine bedeutenden Eingriffe in das Kampfflugzeug erforderlich, so dass auch die Eurofighter der Tranche 4 als „Behelfs-Kommando-Flugzeuge“ fungieren könnten. Hierbei soll es aber offenbar zuerst um die reine Führung des CCA – in Form von Erteilung von Missionsaufträgen – handeln.

Erhält Airbus Unterstützung vom Verteidigungsministerium für den CCA-Ansatz und die Umsetzung gelingt, dann könnte Deutschland seinen Rückstand bei der Technologie überwinden und ab 2029 erste CCA-Fähigkeiten zur Verfügung haben, die sogar von Kampfflugzeugen der bestehenden Flotte geführt werden könnten. Dabei sollte es auch möglich sein, bei der Auswahl einer anderen oder weiterer „Jagdbomberdrohnen“, diese mit einem nationalen Missionssystem auszustatten. Ab 2032 würde sogar mit den deutsch-schwedischen CCA ein Flugzeug vorhanden, dass in Gänze der deutschen Souveränität unterliegt.

Spannend wird es dabei, wie der KI-Spezialist Helsing in das ganze Konzept integriert wird. Denn das deutsche Technologieunternehmen und Saab haben Helsings KI-Agent für den Luftkampf mit der Bezeichnung Centaur bereits erfolgreich in ein Gripen-E-Kampfflugzeug integriert und getestet und Helsing hat überdies einen Anteil am Programm zur Ausrüstung von Luftwaffe-Eurofightern mit Arexis für den Elektronischen Kampf. Ein Interesse des Unternehmens am Missionssystem dürfte damit fast natürlich gegeben sein. Seit neuestem entwickelt Helsing überdies einen unbemannten Stealth-Bomber mit der Bezeichnung CA-1 Europa und zielt damit offensichtlich auf das Jagdbomberdrohnen-Programm der Bundeswehr. Damit dürfte der KI-Spezialist der einzige Player außer Airbus in Deutschland sein, der hierzulande umfassende Ingenieurkapazitäten in die CCA-Entwicklung steckt.

Lars Hoffmann