Verteidigungsminister Boris Pistorius hat heute erstmals eine Militärstrategie für die Bundeswehr in Berlin vorgestellt. Laut dem Papier soll die Bundeswehr auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten aufwachsen, zu denen noch einmal 200.000 Reservisten hinzukommen, so dass im Kriegsfall 460.000 Männer und Frauen zur Verfügung stehen würden. Ziel ist es, die stärkste konventionelle Armee in Europa aufzustellen.
Die heute der Öffentlichkeit vorgstellten Grundlagenpapiere für die Gesamtkonzeption Militärische Verteidigung bestehen aus Militärstrategie und Fähigkeitsprofil der Bundeswehr, dem Personellen Aufwuchsplan der Bundeswehr sowie der neuen Strategie der Reserve. Die Militärstrategie der Bundeswehr soll laut BMVg die Frage beantworten, wie die Bundeswehr im Bündnis abschreckt und wie sie im Ernstfall Krieg führen würde. Darauf aufbauend beschreibt das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr, welche militärischen Fähigkeiten hierfür erforderlich sind und wie deren Aufwuchs gesteuert wird. Beide Papiere sind als „geheim“ eingestuft.
Die Papiere sind vor dem Hintergrund der russischen Bedrohung, zunehmender Multipolarität und systemischer Rivalität entstanden, die laut BMVg die regelbasierte internationale Ordnung unter Druck setzen sowie die Volatilität, Unsicherheit und Instabilität erhöhen.
Der Aufwuchs der Bundeswehr erfolgte den Angaben zufolge in drei Phasen. Ein fokussierter Aufwuchs bis 2029 soll vor allem die Verteidigungsfähigkeit und personelle Einsatzbereitschaft schnell steigern. In der zweiten Phase bis zum Jahr 2035 wird ein deutlicher Fähigkeitszuwachs in allen Dimensionen (Land, Luft, See, Cyber/Weltraum) entlang der NATO- und nationalen Fähigkeitsziele angestrebt. Am Ende dieser beiden Phasen steht das Ziel von 460.000 kampfbereiten Soldatinnen und Soldaten. In der dritten Phase steht als Fernziel bis zum Jahr 2039+ der Aufwuchs technologisch überlegener Streitkräfte im Vordergrund. Hierbei geht es laut Papier zunehmend um die Entwicklung und Integration von „militärischen Innovationen von Übermorgen“ in die Bundeswehr der Zukunft.
Der militärische Aufwuchs werde in einem ganzheitlichen Ansatz erfolgen, bei dem neben der aktiven Truppe die Reserve ein integraler Bestandteil der Streitkräfte sei, schreibt das Ministerium. Die schnelle Verstärkung und Unterstützung der aktiven Truppe bleibt demnach wichtige Aufgabe der Reserve. Von grundlegenden Schutz- und Sicherungsaufgaben bis hin zum Einsatz im hochintensiven Gefecht: Die Reserve werde mit der aktiven Truppe auf Augenhöhe agieren. Daneben wird die Reserve laut Planungen als integraler Bestandteil der Streitkräfte eigenständige Aufgaben wahrnehmen. Als Trägerin des Heimatschutzes und im Rahmen des Operationsplans Deutschland garantiere die Reserve die Durchhaltefähigkeit und das Funktionieren der logistischen Drehscheibe im Verteidigungs- und Bündnisfall.
Die Planungen basieren auf den Eckpunkten eines neues Kriegsbildes, die das Ministerium wie folgt beschreibt:
- Staat, Wirtschaft und Bevölkerung sind Ziele – die deutsche Gesellschaft wird in ihrer Gesamtheit bedroht. Der Gegner wird die Trennung von Heimat und Gefechtsfeld, zivil und militärisch, innerer und äußerer Sicherheit, Krieg und Frieden sowie Kombattant und Nicht-Kombattant gezielt unterlaufen. Auf die Einhaltung anerkannter ethischer und rechtlicher Grundsätze ist kein Verlass.
- Kriegführung befindet sich im Umbruch; Disruption und Kontinuität treten gemeinsam auf. Abschreckung und Kriegsvorbereitung finden mit modernsten Fähigkeiten statt – die tatsächliche Kriegführung aber mit Mitteln und Verfahren aus dem Gestern, Heute, Morgen und Übermorgen. Der Einsatz von Hochtechnologie wie Quantencomputing und Robotik erfolgt gleichzeitig mit der Verwendung günstiger marktverfügbarer Mittel sowie Mitteln herkömmlicher Kriegführung. Innovations- und Adaptionsfähigkeit sind daher entscheidend für den Erfolg auf dem Gefechtsfeld.
- Daten werden zur Waffe. Künstliche Intelligenz ergänzt und erweitert kognitive Fähigkeiten. Die ständige und weltweite Verfügbarkeit von vernetzter Sensorik in allen Dimensionen führt zu einer zunehmenden Transparenz und Digitalisierung des Gefechtsfeldes. Bereits heute ist es schwer, sich einer Aufklärung in Echtzeit zu entziehen. Zeitlich und räumlich begrenzte Informationsüberlegenheit wird erkämpft und schafft Führungs- und Wirkungsüberlegenheit, um die Initiative zu erlangen und zu behalten.
- Abstandsfähige präzise Wirkmittel in allen Reichweiten potenzieren die Bedrohung auf dem transparenten Gefechtsfeld. Es gibt keine sicheren Rückzugsräume. Die allgegenwärtige weitere Technisierung des Krieges erhöht die Operationsgeschwindigkeit, reduziert den menschlichen Einfluss und verstärkt die Verwundbarkeit in der sogenannten Cognitive Dimension. Der Gegner wird künstliche Intelligenz und autonome unbemannte Systeme uneingeschränkt nutzen.
- Systeme werden immer schneller und kostengünstiger produziert und multidimensional eingesetzt. Quantität ist günstig zu schaffen und wird zu einer eigenen Qualität. Der offensive Masseneinsatz einfach produzierbarer und kostengünstiger Systeme, die in Verbindung mit Hochwertressourcen eingesetzt werden, erzeugt deutliche Vorteile. Fragen der Ökonomie des Krieges gewinnen wieder an Relevanz. Für den Erfolg ist es entscheidend, diesen kombinierten Einsatz über die Dauer des Krieges hinweg aufrechterhalten zu können
Um die Bundeswehr vor diesem Hintergrund zur stärksten konventionellen Streitkraft in Europa zu machen, sollen ihre Fähigkeiten in einer Reihe von Bereich ausgebaut werden. Dazu heißt es:
1. Wirkung auf Abstand und Abwehr von Bedrohungen aus der Luft – Die Bundeswehr baut die Fähigkeiten zur weitreichenden präzisen Wirkung aus. Gleichzeitig stärkt sie die Fähigkeit zur Abwehr weitreichender Waffen und Trägersysteme.
2. Kampf um Informationsüberlegenheit und Erhöhung der Informationsgeschwindigkeit – Offensive und defensive Fähigkeiten zum Gewinnen und Erhalten der Informationsüberlegenheit werden hierzu in allen Dimensionen unter Nutzung Künstlicher Intelligenz ausgebaut.
3. Vernetzung und Digitalisierung – Auf dem Weg zur MDO (Multi Domain Operations) Enabled Alliance wird Deutschland eine führende Rolle einnehmen. Hierzu werden die notwendigen boden- und weltraumgestützten Fähigkeiten geschaffen und ausgebaut: eine durchgehende cloudbasierte IT-Plattform und resiliente, redundante Kommunikationssysteme (Digital Backbone). Bei der Realisierung wird konsequent die Digitale Souveränität angestrebt.
4. Nationale Führungsfähigkeit – Die Fähigkeit zur nationalen Planung und Führung von Operationen ist auf operativer Ebene sicherzustellen. Die beinhaltet auch die Führung von Multi-Domain Operations sowie die darin enthaltene Aufgabe zur dimensionsübergreifenden Führung von Deep Precision Strikes. Gleichzeitig wird die gesamtstaatliche Handlungsfähigkeit durch ressortübergreifende Anknüpfungspunkte angelegt.
5. Operationsbasis Deutschland – Die Operationsbasis Deutschland erstreckt sich auf das Hoheitsgebiet Deutschlands und seiner heimischen Gewässer, den nationalen Luftraum und die nationalen Daten- und Kommunikationsnetze. Zum Erhalt der funktionsfähigen Operationsbasis werden die zwingend militärischen Fähigkeiten geschaffen.
6. Nationale Krisen- und Risikovorsorge, Unterstützungsleistungen und durchgängig wahrzunehmende Aufgaben – militärische Fähigkeiten zur Erfüllung dieser Aufträge sind angemessen zu berücksichtigen. Nationale Krisen- und Risikovorsorge sowie Unterstützungsleistung ist eine ressortgemeinsame hoheitliche Aufgabe zum Schutz deutscher Staatsangehöriger im Ausland.
lah


















