Europäische Union: Ausschreibung für den Bau eines zukünftigen Kampfpanzers in Kürze erwartet

Lars Hoffmann

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Der European Defence Fund (EDF) will den nächsten Schritt zur Entwicklung eines neuen europäischen Kampfpanzers gehen. Wie es im Arbeitsprogramm des EDF für 2026 heißt, das Ende Dezember veröffentlicht wurde, soll die Ausschreibung für die Konzeption und Entwicklung des Demonstrators eines Main Battle Tank (MBT) – im Deutschen als Kampfpanzer bezeichnet – erfolgen (EDF-2026-DA-GROUND-MBT: Future main battle tank platforms systems).  

Dieser Demonstrator soll einen technischen Reifegrad (Technical Readiness Level; TRL) von mindestens 6 auf der Systemebene für ein Preliminary Design Review erreichen. Es soll überdies der Nachweis der Leistungsfähigkeit unter Einhaltung der einschlägigen Sicherheitsstandards erbracht werden. Ausgewählt werden soll lediglich ein Vorschlag; das Budget für das Vorhaben wird auf rund 125 Millionen Euro beziffert.

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Der Mitteilung zufolge muss der Demonstrator eine Weiterentwicklung der aktuellen Kampfpanzertechnologien und der zuletzt eingesetzten Technologien umfassen, einschließlich grundlegender und „grüner“ Technologien, „die zu einem System führen, das in allen möglichen Zukunftsszenarien eine herausragende operative Effektivität und den Erfolg der Mission gewährleistet“.

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Im Arbeitsprogramm sind bereits umfassende Mindestanforderungen an den neuen Panzer genannt. So soll das Kampffahrzeug „ein optimales Gleichgewicht zwischen Mobilität, Feuerkraft und Schutz bieten, wobei der Schwerpunkt auf der Feuerkraft liegt“. Es wird für die Hauptwaffe ein Autolader gefordert sowie Munition, um 20 Gefechte zu bewältigen.

Die Feuerkraft soll ausreichen, um selbst die am besten geschützte Bereiche der neuesten Kampfpanzer aus größerer Entfernung durchschlagen zu können, eine hohe Ersttrefferwahrscheinchkeit erzielen, während die gegnerischen Panzer statisch oder in Bewegung sind – letzteres hat Priorität.

Das Rohr der Hauptbewaffnung muss eine längere Lebensdauer als aktuelle Systeme bieten und die Hauptbewaffnung muss ein erhebliches Wachstumspotenzial aufweisen. Sie soll intelligente/programmierbare Munition unterstützen und in der Lage sein, verschiedene Arten von Munition und deren Trainingsvarianten zu verwenden. Darüber hinaus sollen mit einer Sekundärbewaffnung mittelschwere und leichte gepanzerte Ziele bekämpft werden können. Zum Kaliber der Hauptbewaffnung werden keine Angaben gemacht.

Es wird eine automatische Erkennung, Identifizierung und Verfolgung von Bedrohungen gefordert, einschließlich der Fähigkeit, mehrere Bedrohungen gleichzeitig zu bewältigen und die Ziele über das interne Fahrzeugnetzwerk zu verteilen. Das Fahrzeug soll den gängigsten geltenden Normen entsprechen (z. B. STANAG 4754 NGVA122).

Der zukünftige Kampfpanzer soll Schutz vor chemischen Waffen, improvisierten Sprengsätzen (IED), Rocket Propelled Grenades (RPG) (einschließlich solcher mit Funktionen wie RPG-30123), „High Explosive Anti-Tank”-Munition (HEAT), „Anti-Tank Guided Missile” (ATGM) (einschließlich Panzerabwehrlenkflugkörpern der 3. Generation mit hohem Anstellwinkel) und Loitering Munitions (einschließlich luftgestützter IED, First Person View UAVs) geben. Überdies ist unter anderem der Schutz von kinetischen Waffen im Kaliber von mindestens 125 mm und panzerbrechenden, flügelstabilisierten Wuchtgeschossen (APFSDS) gefordert, ebenso wie vor elektronischer Kriegsführung (EW) und gerichteten Energiewaffen (DEW) und Cyberangriffen.

Laut den Spezifikationen soll der Kampfpanzer über ein aktives Schutzsystem (APS) verfügen, das mehrere Bedrohungen abwehren kann, bevor es nachgeladen werden muss. Zusätzliche passive oder reaktive Schutzvorrichtungen (neben der Panzerstruktur) sollten so weit wie möglich als Anbaulösungen ausgeführt sein. Gefordert wird daneben ein System, mit dem die eigene Position schnell verdeckt werden kann, um die Sichtlinie des Feindes zu unterbrechen – dabei dürfte sich beispielsweise um Schnellnebelsysteme handeln.

Das Kampffahrzeug soll in der Lage sein, begrenzte Schwarmangriffe von Drohnen abzuwehren, und über ein eigenes Drohnenbeobachtungs- und Aufklärungssystem verfügen. Eine geringe elektromagnetische Signatur soll gegeben sein.

Der Panzer soll sich durch einen „geräuschlosen” Betriebsmodus mit minimalen elektromagnetischen Emissionen auszeichnen und über die Fähigkeit zur Erkennung chemischer, radiologischer und nuklearer Angriffe direkt an der Außenseite des Fahrzeugs verfügen.

Gefordert wird eine Höchstgeschwindigkeit von mindestens 60 km/h auf befestigten Straßen, mindestens 40 km/h auf glattem und unebenem Gelände (außerhalb befestigter Straßen) und eine Reichweite von mindestens 600 km im Durchschnitt auf verschiedenen Geländearten. Zusätzliche Kraftstofftanks zur Erreichung der Reichweite sind zulässig. Die Reichweite des MBT sollte im Kampfeinsatz (kombiniert Straße/Gelände) mindestens 350 km betragen. Der Panzer soll in der Lage sein, aus dem Stand mit laufendem Motor in weniger als 35 Sekunden 400 Meter zurückzulegen.

Weitere technische Forderungen sind eine Watttiefe ohne Vorbereitung von mehr als 1,20 Metern, eine tiefe Watttiefe mit Besatzung an Bord von über 2,25 Metern, eine Watttiefe mit Schnorchel von mehr als 5,0 Metern, eine Grabenüberwindungsfähigkeit von über 3,0 Metern und Steigfähigkeit von über 1,10 Metern.

Neben der Nutzung eigener Sensoren sollten externe Daten über eine gemeinsame Schnittstelle mit sehr geringer Latenzzeit (Zeit < 100 Millisekunden) und kontinuierlicher Datendarstellung eingespeist werden.

Hinsichtlich des Antriebs soll der Kampfpanzer in der Lage sein, den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu reduzieren und andere Aspekte grüner Technologien zu berücksichtigen (z. B. CO2-Bilanz über die gesamte Lebensdauer, Verwendung von recycelten oder anderen Materialien), den gängigsten Normen in Bezug auf Kraftstoff entsprechen (z. B. STANAG 4362129), die Emissionsnormen (z. B. EURO 3130) für den Einsatz in Friedenszeiten erfüllen und in der Lage sein, alle installierten Systeme für Straßenemissionen für den Einsatz in Kriegszeiten zu umgehen.

Das Gesamtkampfgewicht (Gesamtmasse eines Fahrzeugs, voll ausgerüstet und betriebsbereit, einschließlich der Masse von Kraftstoff, Schmiermitteln, Kühlmittel, Fahrzeugwerkzeugen und Ersatzteilen, Besatzung, persönlicher Ausrüstung, Munition und weiterer Nutzlast) sollte 60.000 kg nicht überschreiten, wobei die Struktur eine Gewichtszunahme von 15 Prozent zulassen soll.

Das komplette Fahrzeug (d. h. Wanne und Turm) darf die folgenden Abmessungen nicht überschreiten: Höhe: 2,5 Meter; Länge ohne Kanone: 8,0 Meter; Breite: 3,8 Meter. Die Bodenfreiheit des Fahrzeugs sollte mindestens 0,5 Meter betragen.

Das Fahrzeug sollte den Transportanforderungen und den Beschränkungen von Straßen, Eisenbahnen, Tunneln und Brücken in den Mitgliedstaaten und den mit dem EEF assoziierten Ländern entsprechen. Die Interoperabilität mit unbemannten Bodenplattformen und bemannten-unbemannten Teams (MUM-T) mit einem angemessenen Interoperabilitätsniveau (LOI) sowie die Interoperabilität mit unbemannten Flugsystemen sollte gegeben sein.

Nachdem das EDF-Arbeitsprogramm 2026 im Volumen von 1,01 Milliarden Euro von der Europäischen Kommission am 17.Dezember 2025 veröffentlicht wurde, gehen Beobachter von einem Start der eigentlich Ausschreibung („Call for Proposals“) im „Funding & Tender opportunities Portal“ der Europäischen Kommission im Frühjahr 2026 aus. Die Einreichfrist für die Angebote dürfte dann im September dieses Jahres enden.

Die für das Kampfpanzervorhaben eingereichten Vorschläge müssen laut Arbeitsprogramm neben den genannten Forderungen überdies aufzeigen, wie sie Synergien und Komplementaritäten mit den geplanten, laufenden oder abgeschlossenen Aktivitäten nutzen können, wie sie im Aufruf EDF-2023-DA-GROUND-MBT im Zusammenhang mit Panzersystemen beschrieben sind.

Aus dieser Ausschreibung waren im Jahr 2024 zwei parallele Vorhaben hervorgegangen: MARTE (Main ARmoured Tank of Europe) sowie FMBTech (Technologies for existing and Future MBTs) zur Entwicklung eines neuen Kampfpanzers hervorgegangen.

Koordiniert wird das erste Programm von der deutschen MARTE ARGE GbR, die von Rheinmetall und KNDS Deutschland gebildet wird. Die beiden Firmen und deren Tochter-Unternehmen eingeschlossen beteiligten sich insgesamt 47 Unternehmen und Organisationen an dem Projekt, das auf eine Dauer von 24 Monate ausgelegt ist. Die Kosten für MARTE, in dessen Rahmen Studien und Design-Entwürfe vorgesehen sind, wurden auf 20.225.001 Euro geschätzt.

Dagegen hat FMBTech eine deutlich stärkere Ausrichtung auf die französische Industrie. Als Koordinator des 26 Teilnehmer umfassenden Projektes war Thales Six GTS France benannt worden. Die auf 19,87 Millionen Euro veranschlagten Kosten des insgesamt 36 Monate laufenden Studien- und Design-Programms werden bis auf einen kleinen Betrag vollständig vom EDF bezahlt.

Dass der EDF zwei parallele Projekte finanziert wird auf einen Eklat beim Thema Kampfpanzer zwischen Deutschland und Frankreich zurückgeführt. Wie es 2023 hieß, mussten sich beim Call des EDF zu „Main battle tank technologies“ (EDF-2023-DA-GROUND-MBT), aus dem MARTE und FMBTech hervorgegangen sind, die interessierten Unternehmen aus Frankreich auf Anordnung der nationalen Beschaffungsbehörde DGA aus dem Anbieter-Konsortium zurückziehen, weil die von Deutschland beanspruchte Führung des Vorhabens von der französischen Amtsseite nicht akzeptiert wurde. Dabei soll Frankreich trotz des damals bereits laufenden MGCS-Vorhabens (Main Ground Combat System; MGCS) den Call überhaupt erst auf die Liste des EDF gebracht haben.

Beobachter hatten daraufhin ein konkurrierendes Angebot unter französischer Führung erwartet, was auch eingereicht wurde. Dieser Vorschlag wurde dann auch als so gut befunden, dass der EDF, der im Amtsbereich des damaligen EU-Industriekommissars Thierry Breton aufgehängt war, gleich nochmal weitere 20 Millionen Euro dafür locker gemacht hat – eine Verdopplung des Budgets gegenüber der ursprünglichen Planung.

Wie es damals hieß, galten bei der Umsetzung von MARTE und FMBTech weiterhin die im Call formulierten Anforderungen an den neuen Kampfpanzer. Darunter eine Mindestgeschwindigkeit auf geteerter Straße von 80 km/h. Auch der direkte Feuerkampf mit dem Gegner sollte auf größere Entfernungen als gegenwärtig möglich sein. Das Gewicht darf 70 Tonnen nicht überschreiten und die Besatzung bei maximal drei Personen liegen. Diese Forderungen wurden, wie beschrieben, jetzt vom EDF für den zukünftigen Kampfpanzer verändert.

Es bleibt nun abzuwarten, ob die Ergebnisse aus MARTE und FMBTech tatsächlich in das neue Projekt für den zukünftigen europäischen Kampfpanzer überführt werden und welche Nation dabei in die Führungsposition geht. Daneben gibt es auch noch das deutsch-französische Projekt des Main Ground Combat System, bei dem die Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc von einem System unterschiedlicher Kampfahrzeuge ersetzt werden sollen. Vielleicht würde es sich ja anbieten, den europäischen MBT als „Kanonenwagen“ ins MGCS zu integrieren, falls dieses Projekt denn tatsächlich umgesetzt werden sollte.

Lars Hoffmann