Deutschland rüstet mit Partnern einen gemeinsamen europäischen Kampfpanzer

Waldemar Geiger

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Rund ein Dutzend europäischer Staaten, darunter auch Deutschland, arbeiten darauf hin, einen gemeinsamen Kampfpanzer zu beschaffen, der den Streitkräften Anfang der 2030er Jahre zulaufen soll und dessen Komponenten auf Produktionslinien in mindestens zwei europäischen Nationen gefertigt werden. Dies erklären mit dem Sachverhalt vertraute Kreise gegenüber hartpunkt. Triebwerk, Wanne, Turm, Waffe, Elektronik, Optronik und Co sollen dann nicht nur an einem Standort in einem einzigen Land gefertigt werden, sondern an mindestens zwei über Europa verteilte Fertigungslinien.

Es wird offenbar die Absicht verfolgt, Abhängigkeiten von einzelnen Produktionsnadelöhren abzubauen und die Instandsetzbarkeit der zukünftigen Kampfpanzer zu vereinfachen. Dazu sollen die zukünftigen Kampfpanzer über gleiche Baugruppen verfügen, so dass bei Bedarf beispielsweise Teile eines Kampfpanzers aus der Nation A von einem Mechaniker der Nation B ausgebaut werden können und dürfen, um diese im Anschluss in einen Kampfpanzer der Nation C zu verbauen. Unterschiede soll es offenbar nur bei Baugruppen geben, die nicht maßgeblich für die Funktionsfähigkeit des Kampfpanzers sind, wie beispielsweise Funktechnik oder Waffenstationen. Diese können wohl national bestückt werden.

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Die nationenübergreifende Koordinierung für dieses Vorhabens erfolgt dem Vernehmen nach über das europäische Projekt MARTE (Main ARmoured Tank of Europe). In einer ersten Runde haben sich die im Vorhaben beteiligten Nationen auf gemeinsame Anforderungen geeinigt, die nun in einer zweiten Runde in einem Design des zukünftigen Kampfpanzers münden sollen. Neben Deutschland, das die Federführung in dem Projekt hat, sind auch Belgien, Estland, Finnland, Griechenland, Italien, Niederlande, Norwegen, Rumänien, Spanien und Schweden an der Entwicklung beteiligt.

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Spätestens 2029 soll gut unterrichteten Kreise zufolge mit der Erprobung und Serienreifmachung des Waffensystems begonnen werden, damit der Zulauf der ersten Seriensysteme Anfang der 2030er Jahre sichergestellt werden kann.

In Deutschland soll das Vorhaben dann im Rahmen des Vorhabens „Kampfpanzer neue Generation“ realisiert werden. Wie das „Produkt“ eines solchen Vorhabens grob aussehen könnte, war erst letzte Woche auf der Rüstungsmesse Eurosatory 2026 in Paris am Stand der PSM Projekt System & Management GmbH, einem 50:50-Joint-Venture von KNDS Deutschland und Rheinmetall, zu erahnen. Mit dem „MBT Vision 2032“ hat PSM erstmals ein Konzept für einen zukünftigen Kampfpanzer vorgestellt, der eine deutsche DNS aufweisen, aber europäische gebaut wird und ab 2032 zur Verfügung stehen soll.

Die Absicht, einen gemeinsamen Panzer zu rüsten, gilt unter Beobachtern des Vorhabens als wegweisend und ambitioniert zugleich. Im Gegensatz zu einem deutsch-dranzösischen Projekt handelt es sich hier tatsächlich um ein europäisches Rüstungsprojekt, bei dem über die Hälfte der EU-Kampfpanzernationen – von den 27 EU-Nationen haben sechs keine Kampfpanzer im Bestand – gemeinsam am selben Strang in die gleiche Richtung ziehen sollen. Das Besondere ist zudem der Umstand, dass sich hier kein national entwickeltes Produkt über den Export verbreitet, sondern alle beteiligten Partner von Anfang an der Entwicklung mitarbeiten und mitbestimmen.

Ambitioniert

Die große Herausforderung multinationaler Rüstungsvorhaben bestand jedoch immer wieder in den jeweiligen nationalen Interessen, die eigene Industrie in die Vorhaben einzubinden. Dies hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass nicht immer das bestmögliche Produkt beschafft werden konnte. Dies könnte sich bei diesem Vorhaben jedoch ändern. Grund dafür ist die Absicht, gleich zwei komplette Fertigungslinien für die Herstellung der Kampfpanzer aufbauen zu wollen. Gepaart mit dem Umstand, dass große Teile der europäischen Industrie mittlerweile Niederlassungen in ganz Europa haben, könnte hier in der Tat ein Weg gefunden werden, den gordischen Knoten zu lösen.

Beobachter gehen jedoch davon aus, dass dieses Projekt hier und da auf industrielle Widerstände – direkt oder indirekt verpackt über die nationalen Verteidigungsministerien –   treffen wird. Spannend wird zudem zu sehen sein, ob sich die aktuell vorhandene Dynamik auch über die nächsten Jahre hinweg aufrechterhalten lässt. Schließlich wird in den beteiligten Nationen bis 2032 noch mehrfach gewählt. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass sich Wahlergebnisse oder sich ändernde nationale Interessen und Schwerpunkte auch auf die Zusammensetzung des europäischen Kampfpanzerkonsortiums auswirken könnten – in die eine oder andere Richtung.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für das Projekt dürfte in der Anzahl der bestellten Kampfpanzer liegen. Sollten die elf interessierten Nationen initial tatsächlich mehrere hundert gleiche Kampfpanzer beschaffen, dürfte sich sowohl der Aufbau der zwei unabhängigen Fertigungslinien lohnen als auch ein wegweisendes Signal an andere Partner ausgestrahlt werden: Kooperation kann sich doch lohnen, wenn jeder ein wenig nachgibt, am Ende aber alle profitieren.

Wegweisend

Der Aufbau von zwei über Europa verteilte Fertigungslinien ist in mehrerer Hinsicht wegweisend. Zum einen kann so dem Wunsch nach einer nationalen Industriepartizipation begegnet werden, zum anderen dient dieser Weg auch der logistischen Resilienz. Wenn ein und dasselbe Bauteil an unterschiedlichen Orten – vielleicht sogar durch unterschiedliche Unternehmen – gefertigt wird, werden Abhängigkeiten reduziert und das Risiko vermindert, dass der Ausfall eines Gliedes in der Lifer- bzw. Produktionskette gleich die ganze Produktion stilllegt.

Zentralisierung mag effizienter sein. Die Krisen und Kriege der letzten Jahre haben jedoch in vielen Verteidigungsministerien die Erkenntnis wieder an die Oberfläche gespült, dass auch die Rüstung eine wichtige Säule der Verteidigungsfähigkeit darstellt und Resilienz mindestens genau so wichtig ist wie Effizienz.

Waldemar Geiger