Russische Flugkörperangriffe auf die Ukraine: Ausblick auf den Winter 2026/27

Fabian Hoffmann

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Der Ukraine steht der bislang härteste Winter russischer Flugkörperangriffe bevor. Während sich die politischen Beziehungen zwischen Kyjiw und Washington weiter verschlechtern, bereitet sich die Ukraine auf die kommenden Monate vor. Ihr gegenüber steht ein Russland, das sein Arsenal an ballistischen Raketen und Marschflugkörpern im Vergleich zum Vorjahr vergrößert und diversifiziert hat.

Wie schwierig die kommenden Monate für die Ukraine tatsächlich werden, lässt sich nicht genau vorhersagen, doch die Prognosen sind düster. Russland scheint entschlossen, der Zivilbevölkerung das Leben in der Ukraine so schwer wie möglich zu machen. Dieser Beitrag schätzt auf Grundlage offener Quellen ab, wie viele Flugkörper Russland voraussichtlich einsetzen wird und wie gut die ukrainischen Verteidiger auf die Angriffe vorbereitet sind.

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Russlands Offensivkapazitäten

Die größte Herausforderung für die Ukraine bleiben Russlands ballistische Raketen. Nach jüngsten Schätzungen des ukrainischen Militärgeheimdienstes (HUR) produziert Russland derzeit rund 65 ballistische Kurzstreckenraketen des Typs M723 pro Monat, die vom System Iskander-M verschossen werden. Der russische Reservebestand an Iskander-M-Raketen wird auf rund 115 Stück geschätzt. Diese Zahl dürfte in den vergangenen Wochen gesunken sein, nachdem Russland im Oktober innerhalb von nur zwei Wochen mehr als 100 ballistische Raketen auf Kyjiw abgefeuert hatte. Die Produktion der luftgestützten ballistischen Rakete Kh-47M2 Kinschal ist Berichten zufolge seit April ausgesetzt, wobei Russland weiterhin über einen Bestand von etwa 50 Raketen verfügen soll.

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Je nachdem, wie zutreffend die Produktions- und Bestandsschätzungen des HUR sind und ob Russland bereit ist, seine Iskander-M- und Kinschal-Bestände über den Winter weitgehend aufzubrauchen, könnte es in den kommenden vier Monaten mutmaßlich zwischen 360 und 440 ballistische Raketen auf die Ukraine abfeuern. Im Ground-Attack-Modus eingesetzte S-400-Flugabwehrraketen dürften weitere 60 bis 200 ballistische Flugkörper hinzufügen. Diese Waffen sind zwar weniger präzise und weniger wirkungsvoll, stellen aber dennoch eine Bedrohung für Menschenleben und die ukrainische Infrastruktur dar. Russlands aeroballistische Flugkörper vom Typ 3M22 Zirkon, die weiterhin in kleinen, aber stetigen Stückzahlen produziert werden, könnten monatlich weitere fünf bis 15 ballistische Flugkörper beisteuern.

Ein erhebliches zusätzliches Risiko birgt zudem die Möglichkeit nordkoreanischer Lieferungen ballistischer Kurzstreckenraketen der Typen KN-23 und KN-24. Russland erhält diese Raketen seit Ende 2023 und hat Nordkorea seither dabei unterstützt, sie zu modernisieren und ihre Wirksamkeit zu erhöhen. Im August berichteten Medien, dass eine nordkoreanische Einheit mit bis zu 120 Raketen und sechs Trägersystemen nach Russland verlegt werde. Sofern sie in der Winterkampagne zum Einsatz kommt, könnte diese Einheit monatlich 20 bis 30 Raketen beisteuern.

Insgesamt könnte die Ukraine in den kommenden vier Monaten somit durchschnittlich 130 bis 190 ballistischen Flugkörpern pro Monat ausgesetzt sein. Russland könnte seine ballistischen Raketenangriffe allerdings auch bündeln, statt sie gleichmäßig zu verteilen, etwa im Januar, wenn die Temperaturen in der Regel am niedrigsten sind.

Neben der Bedrohung durch ballistische Raketen dürfte Russland Hunderte schwerer Landziel-Marschflugkörper, darunter 3M14 Kalibr und Kh-101, sowie Tausende, möglicherweise sogar Zehntausende kostengünstige Marschflugkörper einsetzen können. Letztere sind einzeln betrachtet weniger letal. Doch allein die schiere Menge, die Russland voraussichtlich einsetzen wird, stellt eine erhebliche Bedrohung dar. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Russland inzwischen offenbar eigene Versionen chinesischer, kostengünstiger Turbostrahltriebwerke herstellt. Zudem können selbst die vergleichsweise kleinen Gefechtsköpfe kostengünstiger Marschflugkörper gegen weniger geschützte, oberirdische kritische Infrastruktur wirksam sein.

Ukrainische Vorbereitungen

Die Ukraine geht wohl etwas besser vorbereitet in den Winter 2026/27 als in die vorangegangenen Winter, bleibt gegenüber russischen Flugkörperangriffen jedoch äußerst verwundbar.

Trotz schwerer russischer Angriffe auf ihre Gasanlagen hat die Ukraine eine Gasreserve von 16 Milliarden Kubikmetern angelegt – den höchsten Stand seit 2020. Auch die Dezentralisierung der Stromerzeugung durch kleine gasbefeuerte Anlagen, die Russland schwerer bekämpfen kann als große Kraftwerke, ist vorangekommen, allerdings zu langsam. Das Energieministerium meldet rund 1,8 GW an dezentraler gasbefeuerter Erzeugungskapazität. Der Netzbetreiber Ukrenergo beziffert die dezentralen Kapazitäten hingegen auf lediglich 0,7 GW. Doch selbst die höhere Zahl des Ministeriums deckt nur etwa ein Viertel des Spitzenstromdefizits von 7 GW im vergangenen Winter.

Auch die physische Härtung der Infrastruktur hat im vergangenen Jahr Fortschritte gemacht, wenngleich ihre Wirkung letztlich begrenzt sein dürfte. Der Bau von Schutzbauten der Stufe III an Anlagen der kritischen Infrastruktur, die einem direkten Treffer durch einen schweren Flugkörper standhalten sollen, begann Berichten zufolge im September 2024 an 22 Standorten, scheint seither aber kaum vorangekommen zu sein. Im Oktober vergangenen Jahres meldete Ukrenergo, dass keine seiner Anlagen durch Schutzbauten der Stufe III geschützt sei. Berichten vom Juli 2026 zufolge wurden weder 2025 noch 2026 neue Verträge für Schutzbauten der Stufe III unterzeichnet. Der Großteil des ukrainischen Stromnetzes bleibt daher gegenüber russischen Flugkörperangriffen verwundbar.

Bei Schutzbauten der Stufe II, die Schutz vor Langstreckendrohnen des Typs Shahed (insbesondere Geran-2) bieten, scheint die Lage besser zu sein. Im Raum Kyjiw verfügten bis zum Sommer dieses Jahres Berichten zufolge 49 Prozent der Strominfrastruktur über Schutzbauten dieser Stufe. Da Russland seinen Schwerpunkt jedoch von Langstreckendrohnen auf schnellere, schwerere Geran-4, Geran-5 und andere kostengünstige Marschflugkörper verlagert, ist höchst ungewiss, ob diese Schutzbauten ausreichenden Schutz bieten.

Letztlich bleibt die Ukraine auf die Lieferung von Abfangkapazitäten angewiesen, insbesondere für die ballistische Raketenabwehr. Offiziellen ukrainischen Angaben zufolge lieferten die USA jedoch durchschnittlich nur zwölf Patriot-Abfangraketen pro Monat. Das sind weniger als fünf Prozent der Menge, die nötig wäre, um sich wirksam gegen die derzeitige ballistische Bedrohung durch Russland zu verteidigen. Selbst mit den Abfangraketen, die europäische Partner aus ihren eigenen, weitgehend erschöpften Beständen zusammengekratzt haben, dürfte dies kaum ausgereicht haben, um eine nennenswerte Reserve für die Winterkampagne aufzubauen.

Die Bevorratung von Ersatzteilen sowie verstärkte Energieimporte aus EU-Staaten könnten die Folgen zerstörter Infrastruktur abmildern. Erhebliche Störungen des ukrainischen Stromnetzes werden sie jedoch sehr wahrscheinlich nicht verhindern können.

Fazit

Russland setzt darauf, dass Angriffe auf die kritische Infrastruktur der Ukraine und die Beeinträchtigung des Alltags ihrer Bevölkerung die Ukraine zur Aufgabe zwingen. Die Geschichte zeigt, dass derartige strategische Luftkampagnen ihr Ziel selten, wenn überhaupt jemals, erreichen. Auch diese dürfte keine Ausnahme bilden.

Dennoch kann das Leid, das Russland bis dahin verursacht, enorm sein. Es wird eine ohnehin schwer gezeichnete Bevölkerung zweifellos zermürben und dem ukrainischen Staat erhebliche Opportunitätskosten auferlegen, da dieser knappe Ressourcen für den Schutz und die Instandsetzung kritischer Ziele aufwenden muss.

Autor: Dr. Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag ist ein Auszugs eines Artikels der erstmalig am 1. November 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack erschien.