Der zunehmende Einsatz von Aufklärungs- und Wirkdrohnen, aber auch anderer Sensorik, verändert die Anforderungen an Stellungssysteme, die das Überleben abgesessener Kräfte im Ukrainekrieg sichern sollen, wie jüngst in einem separaten Beitrag beleuchtet wurde. Nach Darstellung ukrainischer Quellen verlagert sich ein erheblicher Teil des Gefechtsgeschehens zunehmend unter die Erde. Aus klassischen Schützengräben entstehen weit verzweigte Systeme aus Tunneln, Unterständen und kleinen, unterirdischen Stellungen. Grund genug, diese Entwicklung in einem Folgebeitrag zu betrachten.
Der Ukrainekrieg verändert nicht nur die eingesetzten Waffen und Sensoren, sondern auch die bauliche Gestaltung des Gefechtsfeldes. Wo früher Schützengräben, gedeckte Unterstände und größere Stellungen ausreichenden Schutz vor Artilleriesplittern und Handwaffen boten, zwingt die permanente Beobachtung durch Drohnen die Infanterie zunehmend dazu, ihre Stellungen weiträumiger zu verteilen und in die Tiefe zu verlagern.
Ein aktueller Bericht des ukrainischen Recherchemediums Texty beschreibt diese Entwicklung anhand der Erfahrungen eines motorisierten Infanteriebataillons der 43. unabhängigen mechanisierten Brigade. Dessen Kommandeur, Oberstleutnant Roman Kovalov, schildert die Entstehung von Strukturen an der Front, die als „unterirdische Städte“ bezeichnet werden. Gemeint sind keine groß dimensionierten Bunkeranlagen, sondern Netze aus schmalen unterirdischen Gängen, einzelnen Aufenthaltsräumen und gedeckten Zugängen.
Die Entwicklung ist somit eine direkte Reaktion auf das zunehmend gläserne Gefechtsfeld im Ukrainekrieg. Aufklärungsdrohnen können Bewegungen und neu angelegte Stellungen zumindest in Schwerpunktbereichen nahezu in Echtzeit erfassen. FPV-Drohnen und andere Wirkmittel ermöglichen anschließend eine gezielte und vor allem schnelle Bekämpfung. Damit wird bereits die sichtbare Existenz einer Stellung zu einem erheblichen Risiko.
Von der Stellung zum unterirdischen System
Nach Angaben Kovalovs zeichnete sich diese Entwicklung in seinem Bereich bereits 2024 ab. Während ukrainische Kräfte zunächst weiterhin auf klassische Schützengräben und vertiefte Unterstände setzten, beobachteten sie bei den russischen Streitkräften zunehmend schmale, meist röhrenartige unterirdische Stellungen. Mit der später stark gestiegenen Zahl von FPV- und Aufklärungsdrohnen habe sich deren Wirksamkeit aus ukrainischer Sicht grundlegend verändert.
Die unterirdischen Anlagen werden demnach nicht primär als massive Bunker ausgeführt. Vielmehr geht es darum, die Signatur der Infanterie zu reduzieren und die Soldaten möglichst lange der Beobachtung durch gegnerische Drohnen und andere Sensorträger zu entziehen.
Das Grundprinzip ist vergleichsweise einfach: Je weniger Personal sich dauerhaft an der Oberfläche aufhält und je weniger Bewegungen dort erkennbar sind, desto schwieriger werden die unmittelbare Aufklärung und Bekämpfung der Stellung. Die eingangs beschriebene Sensor-to-Shooter-Kette wird durch die Verlagerung unter die Erde bereits an ihrem Anfang unterbrochen. Feldbefestigungen sollen somit nicht mehr nur Schutz vor gegnerischem Feuer bieten, sondern bereits die Entdeckung verhindern oder zumindest erheblich erschweren.
Geologische Verhältnisse als entscheidender Faktor
Welche Form eine solche Stellung annehmen kann, hängt wesentlich von den geologischen Bedingungen vor Ort ab. Kovalov beschreibt unterschiedliche Erfahrungen mit Lehm, Löss, Sand und felsigem Untergrund. Während dichter Lehm beziehungsweise stark tonhaltige Böden nach erheblichem Arbeitsaufwand stabile unterirdische Räume ermöglichen, stellen lockere Böden die Soldaten vor erhebliche Probleme. Sand beispielsweise kann ohne umfangreiche Abstützung keine stabilen senkrechten Wände bilden.
Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Bereits vor mehr als 100 Jahren mussten Soldaten während des Ersten Weltkriegs entlang der mehrere Hundert Kilometer langen Front vom Ärmelkanal bis zur Schweizer Grenze mit unterschiedlichen Bodenverhältnissen umgehen. Besonders deutlich zeigten sich die Herausforderungen durch verschiedene Untergründe auch im Zweifrontenkrieg der israelischen Streitkräfte gegen die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah. Während im Libanon an der Nordfront felsiger Untergrund nach intensiver Bearbeitung äußerst stabile unterirdische Strukturen ermöglichte, ließ sich der Tunnelbau im Gazastreifen zwar deutlich schneller bewerkstelligen, dauerhafte Strukturen konnten dort jedoch nur unter Zuhilfenahme von Fertigbauelementen hergestellt werden.
Auch Niederschlag und Grundwasser verändern die Bedingungen erheblich und stellen bei einer dauerhaften Nutzung eine besondere Herausforderung dar. Böden, die bei Trockenheit relativ stabil sind, können nach starken Regenfällen aufweichen und einsturzgefährdet werden. Umgekehrt können ausgetrocknete Lehmböden insbesondere die manuelle Arbeit erheblich erschweren. Effektive Drainagelösungen sind daher essenziell.
In felsigen oder kreidehaltigen Böden können dagegen schwere Bohr- und Abbruchwerkzeuge erforderlich sein. Nach ihrer Fertigstellung können solche Stellungen vergleichsweise widerstandsfähig sein. Während der Bauphase müssen jedoch sowohl die eingesetzten Maschinen als auch das Bedienpersonal geschützt werden.
Für die Planung von Stellungen bedeutet dies, dass geologische Untersuchungen und Kenntnisse über die Tragfähigkeit des Bodens an Bedeutung gewinnen. Der Bau einer Stellung ist damit nicht mehr ausschließlich eine Frage der verfügbaren Arbeitskraft und des vorhandenen Baumaterials.
Die Verlagerung unter die Erde beseitigt die Bedrohung allerdings nicht, sondern verändert die Bedingungen des Kampfes. Ukrainische Quellen beschreiben jüngst ein mehrstufiges Vorgehen gegen entdeckte unterirdische Stellungen. Zunächst kann Artillerie eingesetzt werden, um die Decke einer Stellung zumindest teilweise zu durchbrechen. Anschließend können Drohnen, darunter einfache unbemannte Bodenfahrzeuge (UGV) als Ladungsträger, die entstandenen Öffnungen erweitern oder weitere Schäden an der Anlage verursachen.
Auch FPV-Drohnen mit Glasfasersteuerung stellen eine Bedrohung dar. Da sie nicht auf eine störanfällige Funkverbindung angewiesen sind, können sie auch unter Bedingungen eingesetzt werden, bei denen Geländegegebenheiten oder bauliche Hindernisse wie Stahlbeton die Verbindung zwischen Drohne und Bediener beeinträchtigen würden. Perspektivisch könnten zudem unbemannte Bodensysteme mit autonomen Funktionen an Bedeutung gewinnen. Dazu zählen insbesondere sogenannte Schreitroboter, die auch Trümmer überwinden können.
Für die Verteidiger beginnt damit ein fortlaufender Kampf um die Integrität der Stellung. Nach Angaben Kovalovs lagern die Soldaten deshalb teilweise Sandsäcke und weiteres Baumaterial innerhalb der Anlagen, um beschädigte Decken oder Wände unter Beschuss möglichst schnell wieder verschließen zu können. Das Vorgehen erinnert an die Schadensabwehr auf Kriegsschiffen, bei der die Besatzung versucht, die Funktionsfähigkeit des eigenen Systems trotz eingetretener Schäden aufrechtzuerhalten.
Die Feldbefestigung ist damit kein statisches Schutzbauwerk mehr, sondern eine Anlage, die während des Gefechts fortlaufend instandgehalten und an die Bedrohung angepasst werden muss. Allerdings gilt dies auch für herkömmliche Feldstellungen. Durch eine vorausschauende und gut organisierte Reaktion auf Beschädigungen kann eine Anlage zumindest theoretisch auch nach erheblichen Schäden teilweise kampffähig bleiben. Umgekehrt kann bereits eine größere Öffnung ausreichen, um den Schutz der gesamten Struktur erheblich zu beeinträchtigen.
Der Zugang als Schwachstelle
Eine besondere Schwachstelle bleibt der Zugang zur Stellung. Unterirdische Anlagen können einen erheblichen Teil ihrer Besatzung vor der Wirkung gegnerischen Flach- und Steilfeuers sowie unbemannter Wirkmittel schützen. Gleichzeitig müssen die Soldaten in der Lage bleiben, ihre Umgebung zu beobachten und auf das Eindringen gegnerischer Kräfte zu reagieren.
Daraus ergibt sich ein Zielkonflikt zwischen Schutz und Bewegungsfreiheit. Der Zugang muss so gestaltet sein, dass beispielsweise gegnerische Drohnen nicht unmittelbar in die Anlage eindringen können. Zugleich darf er die eigenen Kräfte weder beim Verlassen der Stellung noch bei der Rückkehr behindern. Insbesondere beim Ablösen von Kräften oder bei der Evakuierung Verwundeter darf er nicht zum Flaschenhals werden, an dem sich zahlreiche Soldaten auf engem Raum sammeln und dadurch ein leichtes Ziel bieten.
Nach Darstellung Kovalovs versuchen russische Kräfte teilweise, sich den Eingängen zu nähern, nachdem Drohnenangriffe die Besatzung gebunden oder aus den äußeren Bereichen der Stellung verdrängt haben. In diesem Zusammenhang berichtet der ukrainische Kommandeur auch vom Einsatz von Panzerabwehrminen als improvisierte Sprengmittel gegen Stellungen. Teilweise würden diese von unbemannten Bodensystemen an ihre vorgesehenen Einsatzorte gebracht.
Die Verlagerung unter die Erde schafft damit ein grundlegendes Dilemma: Je besser die Besatzung gegen Angriffe von oben geschützt ist, desto schwieriger kann es werden, die unmittelbare Umgebung zu beobachten. Oberirdische Beobachtungsposten bleiben deshalb erforderlich, sind ihrerseits jedoch durch gegnerische Drohnen und Artillerie bedroht.
Umso wichtiger wird es den „ballistischen Schutz“ der Stellungstruppe mit einer ausreichenden Wahrnehmung des Gefechtsfeldes zu verbinden.
Technische Sensoren, eigene Drohnen und vorgeschobene Beobachter können dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Zugleich verdeutlicht die Entwicklung die Bedeutung des inzwischen etablierten Sensor-Wirkungs-Verbundes. Eine einzelne Stellung reicht nicht mehr aus, um die Überlebensfähigkeit der dort eingesetzten Kräfte sicherzustellen. Sie muss vielmehr Teil eines größeren Systems sein, das Informationen über die Umgebung erfasst, auswertet und möglichst schnell in eine wirksame Reaktion umsetzt.
Größere Anlagen bieten zwar Platz für mehr Personal und umfangreichere Einrichtungen, erzeugen jedoch zugleich einen höheren Versorgungsbedarf und potenziell eine größere Signatur. Kleine, räumlich verteilte Positionen begrenzen dagegen die Folgen eines einzelnen Treffers. Wird eine Stellung entdeckt und zerstört, muss dies nicht zwangsläufig zum Verlust eines gesamten Verteidigungsabschnitts führen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die einzelnen Positionen weiterhin miteinander kommunizieren, einander unterstützen und bei Bedarf Kräfte auch unterirdisch verlagern können. Die unterirdische Bauweise kann somit die Verwundbarkeit einzelner Positionen reduzieren, ersetzt jedoch weder die Aufklärung noch die Fähigkeit zur gegenseitigen Unterstützung.
Belastung für die Psyche und die logistische Versorgung
Mit der Verlagerung unter die Erde gewinnen auch veränderte Versorgungsabläufe an Bedeutung. Soldaten können nicht dauerhaft in unterirdischen Räumen verbleiben, ohne mit Wasser, Nahrung, Munition, medizinischem Material und Energie versorgt zu werden. Verwundete müssen zudem aus den Stellungen herausgebracht werden. Jede dieser Bewegungen kann vom Gegner aufgeklärt und gegebenenfalls bekämpft werden.
Damit wird nicht nur die Stellung selbst, sondern auch ihre logistische Anbindung zu einem wesentlichen Faktor für die Überlebensfähigkeit. Versorgungswege müssen geschützt werden, ohne durch wiederkehrende Bewegungen eine auffällige Signatur zu erzeugen. Gleichzeitig müssen sie für den Materialtransport und die Evakuierung Verwundeter ausreichend leistungsfähig bleiben.
Diese Anforderungen erklären teilweise auch den zunehmenden Einsatz unbemannter Bodenfahrzeuge. Die ukrainischen Streitkräfte haben die Verwendung solcher Systeme 2026 deutlich ausgeweitet. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums wurden allein im Juni mehr als 16.600 Logistik- und Evakuierungsmissionen mit unbemannten Bodenfahrzeugen durchgeführt.
Neben den technischen und taktischen Herausforderungen darf die mentale Belastung der Soldaten nicht unterschätzt werden. Nach den Aussagen Kovalovs verbringen Soldaten teilweise Monate in unterirdischen Stellungen. Sie schlafen, essen und verrichten ihre Grundbedürfnisse in engen, häufig nur eingeschränkt belüfteten Räumen.
Die permanente Gefahr eines Einsturzes, des Eindringens gegnerischer Drohnen oder eines Angriffs auf den Zugang stellt eine zusätzliche psychische Belastung dar. Kovalov berichtet von Soldaten, denen es unter diesen Bedingungen schwerfällt, sich weiter in die Tiefe der Anlagen zurückzuziehen.
Die Situation unterscheidet sich damit auch psychologisch vom Aufenthalt in einem klassischen Schützengraben. Zwar waren Soldaten bereits in früheren Stellungskriegen über lange Zeiträume Beschuss, Enge und schlechten Lebensbedingungen ausgesetzt. Die zunehmende Bedrohung durch Drohnen verändert jedoch die Wahrnehmung der eigenen Sicherheit. Der Aufenthalt unter der Erde bietet Schutz, ohne die Gewissheit zu vermitteln, tatsächlich vor Entdeckung und Angriff sicher zu sein.
Hinzu kommen die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, die räumliche Enge und die Abhängigkeit von funktionierenden Zugängen und Versorgungswegen. Die bauliche Widerstandsfähigkeit einer Stellung ist deshalb nur ein Teil der Frage, wie lange eine Besatzung unter diesen Bedingungen einsatzfähig bleiben kann.
Fazit
Die Entwicklung an der ukrainischen Front verdeutlicht den Wandel der Feldbefestigung unter den Bedingungen eines zunehmend transparenten Gefechtsfeldes. Während kompakte unbemannte Luftfahrzeuge das Gefechtsfeld für abgesessen kämpfende Kräfte zunächst nach oben in die dritte Dimension erweitert haben, führt ihr Einsatz nun dazu, dass die Verteidigung zunehmend unter die Erde ausweicht – zumindest im Ukrainekrieg.
Beispiele aus dem Nahen Osten und historische Entwicklungen, etwa während des Vietnamkriegs, zeigen, dass es sich dabei nicht um eine isolierte Entwicklung handelt. Durch die zunehmende Autonomie und Leistungsfähigkeit kleiner unbemannter Systeme dürfte daher der Kampf unter der Erde künftig weiter an Dynamik gewinnen.
Kristóf Nagy


















