Einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ vom Wochenende zufolge wollen die drei Unternehmen Airbus Defence and Space, OHB und Rheinmetall beim Aufbau eines Netzwerks von Kommunikationssatelliten mit der Bezeichnung SATCOMBw 4 zusammenarbeiten und dem Verteidigungsministerium ein entsprechendes Angebot vorlegen.
Im Rahmen des Projektes will das Verteidigungsministerium ein Satellitennetzwerk im Low Earth Orbit (LEO) aufbauen, um die Kommunikation sicherzustellen und die Truppe unter anderem mit taktischen Daten zu versorgen. Als Blaupause für das Projekt gilt das Satellitennetzwerk Starlink des US-Milliardärs Elon Musk. Starlink stellt einen wichtigen Kommunikationskanal für die ukrainischen Streitkräfte dar und wird von diesen umfassend genutzt. Das gezielte Abschalten von Starlink im vergangenen Jahr und die damit verbundenen Nachteile für die ukrainischen Verteidiger hat jedoch vielen Beobachtern die gefährliche Abhängigkeit von dem US-System deutlich gemacht.
Um über souveräne Fähigkeiten zu verfügen, will die Bundeswehr ein eigenes Kommunikationssatelliten-Netzwerk aufbauen. Dass sich die drei Unternehmen auf eine Zusammenarbeit geeinigt haben, wird im Spiegel-Beitrag mit Verweis auf das Umfeld des Konsortiums auf die Größe und den ambitionierten Zeitplan von SATCOMBw Stufe 4 zurückgeführt. Zunächst hatte es so ausgesehen, als ob sich nur OHB und Rheinmetall zusammengetan hätten. Ob die Unternehmen selbst oder durch Hinweise des Auftraggebers zu dem Schluss gekommen sind, dass ein Zusammenschluss am sinnvollsten ist, bleibt in Spiegel-Beitrag offen.
Bei SATCOMBw 4 handelt es sich wohl um das wohl größte einzelne Satellitenprojekt der Bundeswehr, für das mindestens 10 Milliarden Euro veranschlagt werden und mehrere Hundert Satelliten zu bauen sind. Bis 2029 soll eine sogenannte Anfangsbefähigung vorhanden sein. Während laut Spiegel-Artikel dafür rund 40 Satelliten im All sein müssten, gehen andere Quellen, mit denen hartpunkt geredet hat, von deutlich mehr aus.
Aufgrund der extrem kurzen Zeit für die Umsetzung des Mega-Projektes erwarten Beobachter, dass die Partner bereits vor Vertragsschluss in Produktionskapazitäten in Deutschland investieren müssen, um die Termine zu halten. Denn im Gegensatz zu Vorläufer-Vorhaben wie SATCOMBw Stufe 3, bei dem zwei Satelliten für die Positionierung auf einer geostationären Bahn in rund 36.000 Kilometern Entfernung von der Erde in aufwändiger Einzelfertigung hergestellt werden, muss die größere Zahl der LEO-Satelliten quasi in Serie hergestellt werden.
Bisher verfügen nur OHB und Airbus über das notwendige Know-how dafür. So liefert Airbus bereits seit einigen Jahren seine Satelliten in das zivile LEO-Netzwerk OneWeb, das von Eutelsat betrieben wird. Rheinmetall baut gegenwärtig in einem Werk in Neuss die Produktion von Aufklärungssatelliten zusammen mit seinem finnischen Partner Iceye auf. Beobachtern zufolge könnte der Düsseldorfer Rüstungskonzern bei der deutschen Satellitenkonstellation vor allem für die Integration des Systems in die Kommunikationsstruktur der Landstreitkräfte – etwa im Rahmen von D-LBO oder TAWAN – die Verantwortung übernehmen.
Da es sich bei SATCOMBw 4 um eine Schlüsseltechnologie handelt, dürfte eine Herstellung hierzulande gewünscht sein. Dem Vernehmen nach will deshalb auch Airbus Defence and Space eine Fertigungslinie für OneWeb-Satelliten in Friedrichshafen aufbauen. Auf Arbeitsebene arbeiten die Unternehmen OHB und Airbus bereits seit Jahren gut zusammen. So wird dem Vernehmen nach gegenwärtig der erste Satellit für SATCOMBw 3 – bei dem Airbus als Hauptauftragnehmer fungiert – bei OHB in Bremen gebaut. Auch bei den neuen Satelliten für das „Space based early Warning“ für die Bundeswehr werden beiden Firmen gut informierten Kreisen zufolge kooperieren.
Ob nur das Airbus- oder später auch ein OHB-Design für die zukünftige Satellitkonstellation der Bundeswehr zum Einsatz kommt, scheint noch in der Diskussion zu sein. Aufgrund der Nutzung des LEO dürften sich für die beteiligten Unternehmen dauerhafte Geschäfte ergeben. Denn LEO-Satelliten haben im Gegensatz zu solchen auf geostationären Umlaufbahnen nur eine Lebensdauer von wenigen Jahren bevor sie absinken, in die Atmosphäre eintauchen und verglühen. Dies erfordert ein ständiges „Nachschießen“ von neuen Satelliten. Für den Nutzer bietet dies den Vorteil, dass auf diese Weise neue technologische Entwicklungen in kurzen Abständen ins All gebracht werden können.
Im Augenblick scheint noch nicht geklärt zu sein, auf welche Weise, die Satelliten auf ihre Umlaufbahnen gebracht werden. Für die SARah-Aufklärungssatelliten hatte die Bundeswehr Transportraum auf den Falcon-Raketen von SpaceX gebucht – gegenwärtig die günstigste Möglichkeit, um in den Weltraum zu kommen. Ob man sich jedoch weiterhin auf ein Unternehmen von Elon Musk verlassen und die US-Forderung akzeptieren sollte, wesentliche Satelliten-Parameter bei einem Start von amerikanischem Territorium offenzulegen, wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Als einzige europäische Alternative existiert gegenwärtig die Rakete Ariane 6, die in ihrer stärksten Variante kürzlich nachgewiesen hat, dass sie über 30 GEO-Satelliten für Amazon auf Umlaufbahnen verbringen kann. Womöglich stehen bis 2029 auch bereits nationale Transportkapazitäten ins All zur Verfügung. So arbeiten in Deutschland bislang drei Start-ups an entsprechenden Raketen.
Lars Hoffmann














