Deep Precision Strike: Deutsches Start-up Hypersonica testet erfolgreich Hyperschall‑Prototyp

Lars Hoffmann

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Das deutsch-britische Verteidigungs-, Luft- und Raumfahrt-Start-up Hypersonica hat nach eigenen Angaben seinen ersten erfolgreichen Hyperschall-Testflug abgeschlossen. Dieser fand Anfang des Monats auf der Raketenbasis Andøya Space in Norwegen statt, wie das Unternehmen mitteilt. Damit sei Hypersonica das erste privat finanzierte europäische Unternehmen, das diesen technologischen Meilenstein erreicht habe. In wenigen Jahren sollen Europa Fähigkeiten für den sogenannten Deep Precision Strike auf Basis der neuen Technologie zur Verfügung gestellt werden.

Der Raketen-Prototyp mit der Bezeichnung HS-1 beschleunigte auf über Mach 6 (>7400km/h) und erzielte eine Reichweite von mehr 300 Kilometer, wie das Unternehmen schreibt. Während des gesamten Aufstiegs und des anschließenden atmosphärischen Wiedereintritts arbeiteten demnach alle Systeme wie erwartet. Die Leistungsfähigkeit des Prototyps sei erfolgreich bis auf die Ebene der Subkomponenten unter realen Hyperschallbedingungen validiert worden, heißt es weiter. Auch wenn das Unternehmen dazu keine expliziten Angaben macht, dürfte das Ziel von Hypersonica die Entwicklung eines Hyperschall-Gleitfahrzeugs (Hypersonic Glide Vehicle; HGV) sein.

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Wie Hypersonica-CEO Dr. Philipp Kerth im Gespräch mit hartpunkt erläuterte, handelte es sich bei dem Prototyp um eine selbst entwickelte Rakete mit Feststoff-Motor und einem Gewicht von über einer Tonne und einer Länge von etwas unter zehn Metern. Der Raketen-Antrieb wurde laut Hypersonica extern beschafft. Es habe sich um einen ballistisch angelegten Flug gehandelt, der jedoch alle für ein Hyperschall-System relevanten Bereiche hinsichtlich des Höhenbandes und der Machzahl durchflogen habe, sagte der CEO.

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Laut Kerth, der Hypersonica 2023 zusammen mit Dr. Marc Ewenz, dem heutigen CTO, gegründet hat, handelt es sich bei dem Testflug um einen Meilenstein auf dem Weg, Europa bis 2029 die erste souveräne Hyperschall-Fähigkeit zur Verfügung zu stellen. Seinen Worten zufolge soll bis dahin ein technologischer Reifegrad (TRL) von 9 erreicht werden. Die gewonnenen Daten seien von zentralem Wert für die Entwicklung künftiger Hochgeschwindigkeitssysteme und für die präzise Analyse gegnerischer Waffensysteme.

Vom Design bis zum Testflug sind nach Angaben des Unternehmens nur 9 Monate vergangen. Nach Einschätzung des CEO kann sein Unternehmen durch ein iteratives und innovatives Vorgehen, wie dies bereits bei anderen „New-Space-Vorhaben“ demonstriert wurde, und einer modularen Architektur gegenüber klassischen Weltraumprojekten womöglich bis zu 80 Prozent der Zeit und bis zu 90 Prozent bei den Kosten einsparen. Bei dem Projekt werde von Beginn an eine mögliche Skalierung und der Aufbau von Lieferketten berücksichtigt, betonte Kerth. Dabei werden zum Teil Komponenten „Off the Shelf“ gekauft, andere vollständig selbst entwickelt und auf der US-Exportkontrolle unterliegenden ITAR-Bestandteilen verzichtet. All dies sei mit einer europäischen „Supply Chain“ zu leisten.

Nach Angaben des Unternehmens soll die Entwicklung einer Deep-Strike-Fähgikeit auf Hyperschall-Basis in Phasen erfolgen, die da lauten: Hyperschallflug erreichen, Flugsteuerung bei Hyperschallgeschwindigkeiten demonstrieren, komplexe Manövrierfähigkeit validieren und schließlich alle Missionsanforderungen erfüllen.

Die Vorbereitungen für den ersten Testflug umfassten den Angaben zufolge Konzeptentwicklung, Design, Beschaffung, Integration und Bodentests auf der technischen Seite, sowie Exportkontrolle, regulatorische Freigaben, Flugsicherheit und Range-Organisation auf der kommerziellen Seite. All das habe Hypersonica innerhalb von 9 Monaten abgeschlossen. Laut Kerth seien dazu auch zahlreiche Bodentests in entsprechenden deutschen Einrichtungen erfolgt, etwa in einem Windkanal oder in Labors für Vibrations- und Temperaturversuche. Bei den weiteren geplanten Tests werde es unter anderem darum gehen, die Manövierfähigkeit zu erhöhen, sagte der Hypersonica-CEO.

Neben dem Hauptsitz im Großraum München verfügt Hyperosnica, über eine hundertprozentige Tochtergesellschaft in Großbritannien, wo die beiden Gründer an der Universität Oxford promoviert haben. Nach Aussage von Kerth werden vom Londoner Standort aus auch technische Leistungen erbracht. So sei Hypersonica bereits ein Zulieferer des nationalen britischen Hyperschallprojektes. Gegenwärtig beschäftige das Start-up rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Tendenz stark steigend.

Das Unternehmen sieht sich durch die deutsch-britische Aufstellung gut positioniert, bei der im Rahmen des Trinity-House-Abkommens zwischen London und Berlin verabredeten Entwicklung von Deep-Strike-Fähigkeiten, einen Beitrag zu leisten. Bekanntlich strebt Europa nach Deep-Strike-Waffen, die auf Reicheiten von 2.000 Kilometer und mehr kommen bei entsprechender Nutzlast. Diese Rahmendaten hat offenbar auch Hypesonica bei seinen Planungen berücksichtigt.

Bei der Umsetzung kann das Unternehmen auf eine Reihe von Investoren zurückgreifen. So wrude heute der Abschluss einer sogenannten Series-A-Finanzierungsrunde über 23,3 Millionen Euro bekanntgegeben. Die Runde wurde den Angaben zufolge von Plural angeführt, mit Beteiligung der deutschen Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), sowie den Bestandsinvestoren General Catalyst – welche die Seed‑Finanzierungsrunde von Hypersonica angeführt haben – und 201 Ventures. Bereits ganz früh hatte sich nach Informationen von hartpunkt auch der Eigentümer der IABG, Rudolf Schwarz, bei Hypersonica engagiert. Wie es heißt, sollen die neuen Mittel Hypersonicas Entwicklungsplan für umfassende Flugtests ab dem ersten Quartal 2026 beschleunigen.

Der Direktor von SPRIND, Rafael Laguna de la Vera, wird in der Mitteilung mit den Worten zitiert: „SPRIND hat eine nachgewiesene Erfolgsbilanz darin, das Tal des Todes für bahnbrechende Technologien vom Labor bis zur Produktion zu überbrücken. Unsere Entscheidung, in Hypersonica zu investieren, spiegelt unser Vertrauen in das außergewöhnlich starke Team und den stetigen Fortschritt wider, den sie bei der anspruchsvollen Physik des Hyperschallflugs machen – eine Fähigkeit, die zur Verteidigungsautonomie Europas beiträgt und gleichzeitig die Grundlage für den zukünftigen autonomen Zugang zum Weltraum legt. Indem wir als staatlicher Akteur frühzeitig in strategisch relevante Innovationen investieren, zeigen wir Unterstützung des öffentlichen Sektors und katalysieren den Fluss von privatem Kapital und Industriepartnerschaften.“

Die beiden Hypersonica-Gründer betonen, dass sie sich als Europäer den Werten von Freiheit und Demokratie tief verpflichtet fühlen, „deshalb entwickeln wir diese Technologie mit dem klaren Verantwortungsbewusstsein für ihren sicheren und wertebasierten Einsatz“. 

Bei den Planern der Bundeswehr, dürfte der Antritt von Hypersonica auf Interesse stoßen. Schließlich wird dem Thema Deep Strike vom Verteidigungsministerium höchste Priorität zugeordnet. Nach Aussage von Kerth befindet sich sein Unterhemen denn auch in Gesprächen mit dem BMVg und dem Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw.

Sollte Hypersonica tatsächlich seine ehrgeizigen Pläne umsetzen, könnten womöglich die eher konventionellen Projekte zur Entwicklung von Hyperschallfähigkeiten in Europa überholt werden. Zu nennen wären hier unter anderem der von Frankreich entwickelte V-MAX und das Vorhaben mit des European Defence Fund mit der Abkürzung HYROGLIVE. Die kommenden Jahre werden also spannend.

Lars Hoffmann