Anfang Herbst stellte Helsing, Europas führendes KI-Verteidigungs-Startup, bei einer Launch-Veranstaltung in Tussenhausen bei München ein Konzept für ein neues unbemanntes Kampfflugzeug (UCAV) vor – die CA-1 Europa.
Was Helsing von seinen Mitbewerbern unterscheidet, zumindest in der Ankündigung zur Produkteinführung, ist die Betonung, dass die CA-1 Europa die Anforderungen ihrer Nutzer an Deep-Strike-Missionen erfüllt. Dies deutet auf eine Rolle für das UCAV hin, die über die von anderen Akteuren der Branche betonten Funktionen der Kollaboration und Unterstützung mit bemannten Flugzeugen hinausgeht und stattdessen auf Angriffsmissionen abzielt, die unabhängige Effekte tief im feindlichen Hinterland erzielen sollen.
Dies fällt, wahrscheinlich nicht zufällig, mit dem kürzlich öffentlich gewordenen Bedarf der Bundeswehr nach einer „Jagbomberdrohne” zusammen, die, wie der Name schon sagt, ein System bezeichnet, das nicht nur als „Loyal Wingman“ Luftfahrzeuge unterstützen, sondern auch eigenständig Angriffsmissionen ausführen kann.
Dies wirft wichtige Fragen auf: Welche Rolle werden UCAVs in Zukunft bei Deep-Strike-Missionen spielen und unter welchen Umständen könnten sie sich gegenüber herkömmlichen Einweg-Deep-Strike-Systemen als überlegen erweisen? Können diese Arten von Kampfdrohnen den Bedarf Europas an Deep-Strike-Missionen decken und möglicherweise die Unterlegenheit im Bereich traditioneller Flugkörperbewaffnung ausgleichen?
Faktoren, die die Leistung beeinflussen
Ob wiederverwendbare UCAVs oder Einwegeffektoren wie Marschflugkörper, ballistische Raketen oder Langstrecken-Drohnen für Deep-Strike-Missionen bevorzugt werden, hängt von mehreren Faktoren ab. Die wichtigsten sind die Stückkosten, die Wahrscheinlichkeit eines Verlusts, die Wahrscheinlichkeit der Zerstörung des Ziels, wenn das System ankommt, und bei UCAVs die wiederkehrenden Betriebskosten für Wartung, Betankung und den Einsatz.
Die zu erwartende Ausfallrate ist wohl die entscheidende Variable für Kampfdrohnen. Ein wiederverwendbares Flugzeug ist nur dann wirtschaftlich sinnvoll, wenn es mehr als einen Einsatz überstehen kann. Der Verschleiß von UCAVs ist auch strukturierter als bei Raketen: Es gibt Verluste auf dem Weg zum Ziel und Verluste auf dem Rückweg. In vielen Szenarien ist der Rückweg wahrscheinlich gefährlicher, da der Verteidiger alarmiert wurde, eine ungefähre Vorstellung von der Position des UCAVs hat und möglicherweise Zeit hatte, die Luftverteidigung zu mobilisieren.
Die zweite Schlüsselvariable ist die Letalität, sobald die Plattform am Ziel angekommen ist. Hier hat ein UCAV einen potenziellen Vorteil. Es kann mehrere Nutzlasten (z. B. mehrere gelenkte oder ungelenkte Bomben) transportieren und, wenn es über dem Ziel überlebt, mehrere Zielpunkte in einem einzigen Einsatz angreifen. Grundsätzlich kann ein einzelnes UCAV, das sein Ziel erreicht und wie geplant funktioniert, daher eine Wirkung erzielen, die mit mehreren Einwegeffektoren vergleichbar ist. Wenn eine sofortige Schadensbewertung möglich ist und die Nutzlastkapazität des UVAVs dies zulässt, kann unter Umständen auch ein zweiter Angriffsflug noch während der Mission gestartet werden, um die Erfolgschancen zu maximieren.
Um die Leistung auf transparente Weise zu vergleichen, kann man zunächst die zu erwartenden Kosten der Deep-Strike-Missionen betrachten. Angenommen, es gibt ein Ziel mit drei verschiedenen Angriffspunkten, die alle zerstört werden müssen, um ausreichenden Schaden anzurichten. Wenn jeder Angriffspunkt von mindestens einem Flugkörper angegriffen wird, lassen sich die zu erwartenden Kosten des Angriffspakets wie folgt berechnen:

Unter der Annahme, dass jeder Flugkörper eine Zuverlässigkeit von 95 Prozent, eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent, die feindliche Flugabwehr zu durchdringen und eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent hat, das Ziel bei Erreichen zu zerstören, ergibt die Multiplikation dieser drei Werte eine Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent, dass ein einzelner Flugkörper ein Ziel neutralisiert. Im Durchschnitt werden damit etwa 3,9 Flugkörper benötigt, um drei erfolgreiche Treffer zu erzielen. Bei erwarteten Kosten von 3 Millionen US-Dollar pro Rakete belaufen sich die erwarteten Gesamtkosten des Angriffspakets auf rund 11,7 Millionen US-Dollar.
Dieses Modell ist eine einfache Heuristik. Es geht davon aus, dass jeder Flugkörper die gleiche Erfolgswahrscheinlichkeit hat und dass jeder Abschuss unabhängig ist. In der Realität hängen die Erfolgswahrscheinlichkeiten jedoch oft von der taktischen Situation, der Alarmbereitschaft des Verteidigers und von korrelierten Fehlschlägen innerhalb einer Salve ab. Die Berechnung ignoriert zudem operative Probleme, weil sie die zusätzlichen 0,9 Flugkörper so behandelt, als wüssten sie genau, welche der Flugkörper versagen würden. In der Praxis müssten die Missionsplaner davon ausgehen, dass sie nicht wissen, welche Flugkörper ihr Ziel verfehlen, und jedem Zielpunkt mehr als einen Flugkörper zuweisen, um eine hohe Zerstörungswahrscheinlichkeit sicherzustellen. Dennoch handelt es sich um die gängige Erwartungswertberechnung in der Zuverlässigkeits- und Abnutzungsmodellierung für Einwegeffektoren und sie bietet einen nützlichen Anhaltspunkt für die zu erwartenden Kosten.
Bei Kampfdrohnen ist die Situation komplizierter. Da ein UCAV die Mission überstehen und zurückkehren kann und da ein UCAV laufende Betriebskosten verursacht, reicht es nicht aus, zu fragen, wie viel ein Einsatz kostet. Stattdessen werden langfristige erwartete Kosten pro zerstörtem Ziel benötigt, gemittelt über die gesamte Lebensdauer des UCAV bis zu seinem Verlust. Dies erfordert ein detaillierteres Abnutzungsmodell.
Angenommen, ein UCAV kostet 15 Millionen US-Dollar, jede Mission verursacht Betriebskosten in Höhe von 30.000 US-Dollar und jede Munition kostet 50.000 US-Dollar. Bei diesem Beispiel wird von folgenden Annahmen ausgegangen: eine Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent, dass das UCAV aufgrund eines unvorhergesehenen Ereignisses vorzeitig abbrechen und zurückkehren muss, ohne verloren zu gehen; eine Wahrscheinlichkeit von 5 Prozent, dass es aufgrund eines Systemfehlers (z. B. Motor- oder Softwareprobleme) verloren geht; eine Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent, dass es auf dem Weg zum Ziel abgeschossen wird; und eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent, dass es auf dem Rückweg abgeschossen wird (was die höhere Gefahr widerspiegelt, sobald der Verteidiger alarmiert ist). Wenn das UCAV das Ziel erreicht, wird angenommen, dass es eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent hat, das Ziel zu zerstören, wobei drei oder mehr Bomben gegen die drei Zielpunkte eingesetzt werden.
Unter diesen Annahmen beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Einsatz sowohl das Ziel erreicht als auch zerstört, etwa 69,5 Prozent. Die Gesamtwahrscheinlichkeit, dass das UCAV bei diesem Einsatz verloren geht, entweder aufgrund systemischer Ursachen oder feindlicher Aktionen auf dem Hin- oder Rückweg, beträgt etwa 29,6 Prozent. Aus diesen beiden Zahlen lässt sich die erwartete Anzahl erfolgreicher Missionen pro Flugzeug berechnen, bevor es verloren geht. In diesem Beispiel beträgt dieser Wert, der üblicherweise als K bezeichnet wird, etwa 2,33. Mit anderen Worten: Von jeder Kampfdrohne kann erwartet werden, dass sie etwa 2,3 erfolgreiche Angriffe fliegt, bevor sie zerstört wird.
Die langfristig zu erwartenden Kosten pro erfolgreichem Angriff lassen sich dann wie folgt berechnen:

Der erste Term in diesem Modell verteilt die Beschaffungskosten des UCAV auf die erwartete Anzahl erfolgreicher Einsätze. Mit anderen Worten: Die Beschaffungskosten in Höhe von 15 Millionen US-Dollar werden auf die 2,33 erfolgreichen Einsätze verteilt, die das UCAV voraussichtlich fliegen wird, bevor es verloren geht. Der zweite Term addiert die durchschnittlichen Betriebskosten, die für einen erfolgreichen Angriff erforderlich sind, wobei berücksichtigt wird, dass nicht jeder Einsatz erfolgreich sein wird.
Im obigen Zahlenbeispiel belaufen sich die langfristigen Gesamtkosten des UCAV pro zerstörtem Ziel, einschließlich Anschaffungs- und Betriebskosten sowie repräsentativer Munitionskosten, auf etwa 6,7 Millionen US-Dollar pro erfolgreichem Angriff. Im Vergleich zu den erwarteten Kosten des Angriffspakets bestehend aus Einwegeffektoren von etwa 11,7 Millionen US-Dollar erzielt das UCAV die gleiche Wirkung bei etwa 43 Prozent weniger erwarteten Ausgaben. Unter diesen spezifischen Annahmen ist der Einsatz eines UCAV daher kostengünstiger als der Einsatz von Einwegeffektoren.
Wann sind Kampfdrohnen weniger effizient?
Es gibt mehrere Bedingungen, unter denen die erwarteten Kosten für den Einsatz von Kampfdrohnen über die Kosten für Flugkörpern steigen können, was sich direkt aus dem Modell ergibt. Drei Faktoren sind dabei am wichtigsten.
Erstens werden UCAVs unwirtschaftlich, wenn die erwartete Anzahl erfolgreicher Einsätze pro UCAV zu niedrig ist. Da die Kosteneffizienz mit der Wiederverwendbarkeit steigt, wird alles, was die Verlustwahrscheinlichkeit in Richtung oder über die Erfolgswahrscheinlichkeit treibt, den Vorteil von UCAVs schnell zunichtemachen. Eine hohe Abnutzungsrate beim Hin- und Rückweg oder eine Kombination aus beidem führt zu einem Einbruch von K (d. h. der Anzahl der erwarteten erfolgreichen Einsätze). Selbst eine relativ geringe Erhöhung der Verlustwahrscheinlichkeit auf einer der beiden Strecken kann die amortisierten Kosten des UCAVs über die eines Angriffspakets bestehend aus Einwegeffektoren treiben. Im obigen Beispiel führt eine Skalierung der Abnutzungsraten um den Faktor 1,8, also auf 18 Prozent Verlustquote auf dem Hinweg und 37 Prozent auf dem Rückweg, dazu, dass der Einsatz von UCAVs unrentabel wird.
Zweitens verlieren UCAVs an Attraktivität, wenn Einwegeffektoren eine hohe Erfolgsquote bei geringen Kosten aufweisen. Wenn ein Nutzer mit preisgünstigen Einweg-Effektoren zuverlässig Missionserfolge erzielen kann, schrumpft der relative Vorteil der Wiederverwendbarkeit von UCAVs. Niedrige Beschaffungskosten für Flugkörper in Verbindung mit angemessener Letalität und Überlebensfähig verschieben die Gewinnschwelle zugunsten von Einwegeffektoren. In solchen Fällen kann selbst der Einsatz einer großen Zahl preiswerter Flugkörper oder weitreichender Drohnen besser abschneiden als der Flug eines großen, kostspieligen UCAV in eine mäßig gefährliche Umgebung.
Drittens verlieren UCAVs an Boden, wenn sie aufgrund der Missionsgestaltung einen ihrer Hauptvorteile nicht nutzen können. Wenn das UCAV das Ziel nicht überfliegen kann, um Abwürfe der Nutzlasten zu verteilen, oder wenn das Ziel aus nur einem Zielpunkt besteht, verliert die operative Flexibilität des UCAVs an Bedeutung. Auch die Betriebskosten spielen eine Rolle, wenn auch nur am Rande. Hohe Wartungskosten, begrenzte Verfügbarkeit oder hohe Kosten für den Einsatz können einen potenziellen Kostenvorteil zunichtemachen.
Natürlich ist es wichtig, einen wesentlichen Vorteil von UCAVs zu berücksichtigen, der im Kostenmodell nicht erfasst ist, nämlich ihre Fähigkeit, mehrere Rollen und Funktionen zu erfüllen. Selbst wenn die erwarteten Verluste bei Deep-Strike-Missionen auf ein untragbares Niveau steigen, kann es dennoch möglich sein, UCAVs für weniger riskante Missionen einzusetzen, darunter die Informationsbeschaffung in weniger umkämpften Gebieten, was Einwegeffektoren naturgemäß nicht leisten können.
Insgesamt deutet diese Diskussion darauf hin, dass UCAVs eine Rolle bei Deep-Strike-Missionen spielen können und unter bestimmten Bedingungen die traditionellen Deep-Strike-Fähigkeiten in ihrer Kosteneffizienz übertreffen können. Sie scheinen am konkurrenzfähigsten zu sein, wenn das Ziel komplex ist (d. h. mehrere Zielpunkte getroffen werden müssen), die zu erwartenden Verluste gering sind und die beste Alternative der Einsatz kostspieliger Einwegeffektoren ist. Größere und relativ ungeschützte Industrieanlagen weit hinter der Front, die außerhalb der Reichweite liegen oder nicht ausreichend verwundbar sind gegenüber den kleinen Nutzlasten, die günstigere Einwegeffektoren oft tragen, können diesen Merkmalen entsprechen.
Autor: Fabian Hoffmann ist Doktorand am Oslo Nuclear Project an der Universität Oslo. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der aktualisierte Beitrag erschien erstmalig am 16.11.2025 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.


















