Mit dem geplanten Aufwuchs der Streitkräfte steigt auch der Bedarf an Ausrüstung. So ist es nicht verwunderlich, dass die Bundeswehr nun mehr als doppelt so viele Sturmgewehre beschafft, wie ursprünglich geplant. hartpunkt berichtete bereits im Juli, dass die Bundeswehr Änderungsverträge für alle drei Teilprojekte – Anteil Waffe, Optik sowie Laser-Licht-Modul – des Beschaffungsvorhabens System Sturmgewehr Bundeswehr mit den Herstellern schließen möchte, um die Abrufmengen zu erhöhen.
An diesem Mittwoch sollen die zuständigen Ausschüsse im Bundestag nun über die entsprechenden 25-Mio-Vorlagen für die Teilprojekte Waffe und Laser-Licht-Modul beraten und Haushaltsmittel in Höhe von bis 1,3 Milliarden Euro freigeben, wie hartpunkt aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat. Die 25-Mio-Vorlage für den Anteil Optik steht hingegen noch nicht auf der Tagesordnung des Haushaltsausschusses sowie des Verteidigungsausschusses und soll dem Vernehmen nach erst Anfang 2026 folgen.
Anteil Sturmgewehr
Konkret geht es bei den aktuellen Beratungen um die Erhöhung der maximalen Abrufmenge von bis zu 250.000 Sturmgewehren vom Typ G95A1 bzw. G95KA1. Dazu soll der entsprechende Rahmenvertrag mit dem Waffenhersteller Heckler & Koch geändert werden. Auch das Gesamtvolumen der Rahmenvereinbarung soll gut informierten Kreisen zufolge auf etwas mehr als 800 Millionen Euro angehoben werden. Gleichzeitig soll am Mittwoch der Abruf von etwas weniger als 80.000 Sturmgewehren aus dem Rahmenvertrag freigegeben werden.
Das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw hatte am 23. Januar 2023 mit Heckler & Koch einen Vertrag über die Herstellung & Lieferung des neuen „Systems Sturmgewehr“ auf Basis des HK416 A8 geschlossen. Der ursprünglich geschlossene Rahmenvertrag beinhaltet insgesamt 118.718 Sturmgewehre und ein Gesamtvolumen von fast 275 Millionen Euro. Das erste Serienlos aus der Rahmenvereinbarung wurde Mitte Mai dieses Jahres abgerufen, hartpunkt berichtete. Die ersten Gewehre aus diesem Abruf sollen in dieser Woche an die Truppe ausgegeben werden. Als erster Verband des Heeres wird das Panzergrenadierbataillon 122 mit dem neuen Sturmgewehr G95 ausgestattet. Insgesamt wird das Bataillon nach Angaben des Heeres rund 300 Exemplare der neuen Waffe erhalten, die dem Vernehmen nach mit einem Optik- und Optronik-Paket aus dem Soldatensystem „Infanterist der Zukunft – Erweitertes System“ ausgestattet wird.
Grundsätzlich wird es die neue Basiswaffe System Sturmgewehr in zwei Ausführungen geben: Als Version Langrohr- (G95A1 mit 16,5-Zoll-Rohr) und als Version Kurzrohr (G95KA1 mit 14-Zoll-Rohr). Gut informierten Kreisen zufolge weist der final vereinbarte Konstruktionsstand des G95A1 und G95KA1 tatsächlich Anpassungen zu der Waffenversion auf, die als finaler Sieger aus dem Vergleichswettbewerb rund um die G36-Nachfolge hervorgegangen ist. So werden die Serienversionen der Waffe über einen längeren Handschutz (M-LOK) verfügen, der bis zum Mündungsfeuerdämpfer reicht, ähnlich wie es auch beim G95K der Spezialkräfte gelöst wurde. Auch das Griffstück wurde dem des G95K angepasst, so dass es jetzt über einen weniger flachen Winkel verfügt. Ähnliches gilt für die Schulterstütze, welche nun über keine verstellbare Wangenauflage mehr verfügen wird und somit auch der des G95K ähnelt. Zudem wird die Waffe über eine um 45-Grad abgewinkelte Kimme-und-Korn-Notvisierung verfügen. Diese erlaubt es, die Waffe trotz ausgefallenem Hauptkampfvisier weiterhin zielsicher einzusetzen, ohne dass die Optik abgenommen werden muss.
Das HK416 A8 ist ein indirekter Gasdrucklader mit Kurzhub-Gaskolbensystem und Drehkopfverschluss im Kaliber 5,56 x 45 mm. Die Waffe ist mit einer verstellbaren Gasabnahme für Normal- und Schalldämpferbetrieb ausgestattet. Die Schulterstütze lässt sich in der finalen K-Stand-Variante nur noch in der Länge verstellen.
Wie das G95K verfügen auch das G95A1 und das G95KA1 über den beidseitig bedienbaren Sicherungs- und Feuerwahlhebel mit dem 45-Grad-Schaltweg. Magazinhaltehebel und Kammerfang sind ebenfalls beidseitig bedienbar. Weiterhin lässt sich werkzeuglos der Kammerfang deaktivieren, so dass die Waffe im Bedarfsfall nach der letzten verschossenen Patrone geschlossen bleibt.
Anteil Laser-Licht-Modul
Auch beim Rahmenvertrag für das Laser-Licht-Modul (LLM) soll es zu einer Vertragsanpassung kommen. So wurde bereits im Juli 2021 eine Rahmenvereinbarung mit der Rheinmetall Tochter Soldier Electronics über die Herstellung und Lieferung von etwa 130.000 Laser-Licht-Modulen des Typs LLM-VarioRay der neusten Generation mit einem potenziellen Wert von bis zu 178 Millionen Euro geschlossen.
Diese Rahmenvereinbarung soll nun gut informierten Kreisen zufolge ebenfalls auf bis zu 250.000 Laser-Licht-Module mit einem maximalen Auftragswert von fast 500 Millionen Euro angehoben werden. Gleichzeitig will man offenbar die maximale Bestellmenge des „alten“ Vertrages fest abrufen. Rund 120.000 LLM sollen als Option für einen zweiten Abruf vereinbart werden.
Das LLM-VarioRay wiegt laut Herstellerangaben rund 250g und lässt sich an jede Picatinny-Schiene (MIL-STD 1913) montieren. Neben einer leistungsfähigen regelbaren Weißlichtlampe ist auch ein Rotlicht sowie ein Infrarot-Lasermarkierer und ein fokussierbarer Infrarotbeleuchter verbaut. Somit wird eine Steigerung der infanteristischen Nachtkampffähigkeit sowohl mit als auch ohne Nachtsichtmittel erzielt.
Der Weg zur Vollausstattung
Erklärtes Ziel der Bundeswehr ist es offenbar, eine Vollausstattung der Truppe bis 2029 mit dem neuen System Sturmgewehr Bundeswehr zu erreichen. Dafür müsste der Truppe bis zu diesem Zeitpunkt rund die Hälfte der veranschlagten 250.000 Sturmgewehre zulaufen.
Da der aktuelle Aufwuchsplan der Bundeswehr das Gros des Personalaufwuchses – sowohl der aktiven Truppe als auch der Reserve – erst nach 2029 vorsieht, sollen die restlichen in den Rahmenverträgen maximal vereinbaren Restmengen zwischen 2029 und 2032 zulaufen.
Beobachter schließen nicht aus, dass der Bedarf zukünftig sogar auf rund 500.000 Systeme ansteigen könnte, um eine generelle Vollausstattung der aktiven Truppe sowie der Reserve zu gewährleisten.
Waldemar Geiger

















