Das US-amerikanische Technologieunternehmen Anduril Industries hat im Rahmen der US-Fachausstellung AUSA 2025 tiefe Einblicke in die zukünftigen Fähigkeiten seines KI-befähigten Soldatensichtsystems „EagleEye“ gezeigt, die alles bis dato in diesem Bereich Gesehene bei weitem übertreffen.
Vorweg muss gesagt werden, dass es sich bei EagleEye noch nicht um ein kriegstaugliches System handelt. Wann die Kriegstauglichkeit erreicht werden kann, oder ob dies überhaupt jemals der Fall sein wird (dazu mehr im Abschnitt „Historie“), wird erst die Zukunft zeigen. Doch wenn es Anduril gelingen sollte, EagleEye tatsächlich ins Feld zu bringen, wird das System das Situationsbewusstsein der Infanterie sowie das taktische Operationstempo des infanteristischen Kampfes auf ein Niveau heben, welches man so bislang nur aus Science-Fiction-Filmen kannte.
Leistungspotenzial
Im Rahmen der AUSA hat Anduril nun mehrere Videos veröffentlicht, die das Potenzial des Systems zeigen sollen. Künstliche Intelligenz und Vernetzung sollen dabei die persönliche Wahrnehmung des Gefechtsfeldes durch die jeweiligen Soldaten so fusionieren, dass sie jedem in der Nähe befindlichen Soldaten als geschlossenes, transparentes Gesamtlagebild visuell über ein Display im jeweiligen Blickfeld aufgespielt wird.
Sobald also ein Soldat etwas sieht, sehen es auch alle anderen, egal ob sie eine direkte Sichtverbindung haben oder das Sichtfeld durch ein Hindernis – wie beispielsweise eine Wand – blockiert wird. Ein möglicher Feindsoldat wird dann in Form eines roten Strichmännchens dargestellt, eigene Kräfte als blaue Strichmännchen. Selbst wenn der Feindsoldat bekämpft wird und zu Boden fällt, wird dieser durch einzelne Soldatenbeobachtungen allen anderen Soldaten visuell eingespielt.
In einem weiteren Video zeigt das Unternehmen, wie eine digitale Karte sowie Orientierungshilfen ins Sichtfeld der jeweiligen Soldaten eingespielt werden und einmal kurz gesetzte Markierungen dauerhaft für alle sichtbar gemacht werden, ohne dass eine dauerhafte Markierung des Punktes notwendig ist. Selbst wenn sich der Soldat bewegt, kompensiert die KI die Bewegung, so dass der markierte Punkt sowohl auf der digitalen Karte als auch im augmentierten Sichtfeld des Soldaten korrekt ausgespielt wird.
Auch die Steuerung von Drohnen bzw. das Empfangen der Drohnen-Videofeeds soll mittels EagleEye möglich werden.
Was sich nach technischer Spielerei anhört, könnte sich tatsächlich als Booster für die infanteristische Gefechtsführung darstellen. Mittels der gezeigten Technologie könnte sogenanntes Friendly Fire selbst in maximal unübersichtlichen Szenarien – wie beispielsweise dem Häuserkampf – vermieden und das Vorgehen im Kampf von Raum zu Raum und Haus zu Haus beschleunigt werden, da Aufklärungsergebnisse einzelner Soldaten sofort mit allen anderen geteilt würden. Unabhängig davon, ob die Aufklärung durch den Trupp im Haus oder außerhalb des Hauses (bspw. durch Scharfschützen) erfolgt.
Auch beim generellen Vorgehen im Gefecht dürfte eine mit solchen Technologien ausgestattet Infanterietruppe mehrere Gänge hochschalten können, da die KI-Unterstützung sowohl bei der Aufklärung und Identifizierung von Gefahrenpunkten und Feinden unterstützt als auch die gewonnen Informationen unmittelbar mit allen am Einsatz beteiligten Soldaten teilt. „Zeitraubende“ Lagemeldungen dürften mit dieser Technologie der Vergangenheit angehören. Zudem müssten militärische Führer die eigenen Soldaten nicht mehr anhand der eigenen Vorstellungskraft auf einem für sie „unbekanntem“ Gefechtsfeld von Raum zu Raum oder Haus zu Haus verschieben. Das mittels der KI bereitgestellte „transparente Gefechtsfeld“ erlaubt die Führung des Trupps bzw. der Gruppe oder des Zuges selbst in unübersichtlicher Umgebung so, als ob man auf einem freien Feld stehen würde und eine direkte Sichtlinie zu allen eigenen und feindlichen Kräften hätten.
Auch bestimmte Gefahrenpunkte im urbanen Kampf müssen nicht umständlich mittels Sprache beschrieben werden. Ein Blick in die entsprechende Richtung genügt und das aufgenommene Bild kann an alle Folgekräfte weitergeleitet werden. Diese können sich dann bereits über die Lage orientieren, bevor sie an Ort und Stelle angekommen sind und müssen dann nicht das angesprochene Ziel erst umständlich suchen.
Der Vorteil gegenüber einem Feind ohne solche Mittel wäre vergleichbar mit einem Szenario, bei dem ein kurzsichtiger Mensch ohne Brille bei einen Distanzkampf gegen jemanden antreten müsste, der über volle Sehkraft und eine Zieloptik verfügt.
Herausforderungen
So beeindruckend die gezeigten Fähigkeiten von EagleEye auf den ersten Blick erscheinen, so sind die Herausforderungen für die Erreichung einer für die Soldaten tatsächlich brauchbaren Einsatzreife nicht zu vernachlässigen. Aus der Fernperspektive basiert EagelEye auf zwei Säulen: Künstliche Intelligenz und Vernetzung. Während die KI die kognitive Last der Soldaten senkt, indem es das aktuelle Lagebild „nutzerfreundlich“ in quasi Echtzeit visualisiert und gleichzeitig zusätzliche für die Operationsführung nützliche Informationen bereitstellt, garantiert die Vernetzung den für die Arbeit der KI notwendigen Informationsaustausch.
Genau hier dürfte eine große technische Herausforderung liegen. Damit das „transparente Gefechtsfeld“ mehr nützt als es schadet, müssen die ins Display der im „Nahkampf“ befindlichen Soldaten eingespielten Informationen über eine Echtzeit-Aktualität verfügen. Für eine solche Informationsdarstellung bedarf es nicht nur der entsprechenden Rechenleistung bei den Soldaten, sondern auch einer stabilen und bruchfreien Kommunikation mit einer entsprechend hohen Datenbandbreite. Ein Blick in die Ukraine zeigt hingegen, dass bereits auf dem heutigen Gefechtsfeld erhebliche Störungen im elektromagnetischen Spektrum zu verzeichnen sind. Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass die Störungen in Zukunft eher mehr als weniger werden dürften. Der Aufbau und die Aufrechterhaltung der für die Funktionalität von EagleEye notwendigen Vernetzungs- und Kommunikationsqualität dürfte eine wesentliche Herausforderung im Vorhaben darstellen.
Eine weitere Herausforderung dürfte das Display selbst darstellen. Die Sehfähigkeit der Soldaten ist Kernfähigkeit zum Führen des infanteristischen Gefechtes. Jegliche Einschränkungen der Sehfähigkeit – und sei es nur eine Verkleinerung des Sehfeldes – wird von den Nutzern nur dann akzeptiert, wenn demgegenüber signifikante Vorteile stehen. Ein Grund wieso das bisherige IVAS-Vorhaben (siehe Abschnitt „Historie“) bis jetzt nicht zum Erfolg geführt werden konnte, liegt in eben diesem Umstand, dass die von Microsoft entwickelte Datenbrille kein entsprechend großes Sichtfeld geboten hat. Das natürliche Sichtfeld eines Menschen beträgt etwas mehr als 214 Grad horizontal und etwa 135 Grad vertikal, wobei das Sehfeld nicht über die komplette Breite fokussiert wahrgenommen wird. Gleichwohl werden Bewegungen im peripherem Sichtfeld erkannt. Für das IVAS-Projekt forderte die Army ursprünglich eine Datenbrille mit einem Sichtfeld von 80 Grad in der Breite, die gelieferten Systeme haben jedoch nur etwas mehr als 40 Grad erreichen können. Das Resultat war ein signifikant eingeschränktes Sehfeld, was fast schon einem Tunnelblick gleichkommt. Eine solche Einschränkung des Sehfeldes wird von Soldaten nur bei Nachtsichtbrillen akzeptiert, wo die Alternative ist, dass man nichts sieht. Weitere Herausforderungen bei der Herstellung von Datenbrillen liegen im Feuchtigkeitsmanagement und dem Umgang mit Verschmutzung. Brillen dürfen weder bei körperlicher Aktivität noch bei plötzlichen Veränderungen der Temperatur beschlagen oder das Sichtfeld des Soldaten durch verschmierenden Staub, Schmutz oder Schweiß dauerhaft beeinträchtigen. Gleichzeitig muss die Brille den Gefahren des Gefechtsfeldes – wie Blast oder Splitte – selbst trotzen können.
Schlussendlich muss auch ein kluges Daten-Projektionsmanagement entwickelt werden, so dass die Soldaten nicht überlastet oder gestört werden. Ein Soldat muss sich in der jeweiligen Gefahrenlage auf wesentliche Punkte konzentrieren können, nicht jedes in Sichtfeld der Soldaten eingespielte Detail ist hier hilfreich, insbesondere dann nicht, wenn es Gefahren überdeckt oder den Soldaten davon ablenkt, sich auf die Gefahr zu konzentrieren. Genau hier liegt auch der Grund, wieso Kampfpiloten nur einige ausgewählte Informationen in ihrem Head-Up-Display angezeigt bekommen. Rein technisch wäre deutlich mehr machbar. Aber selbst geübte Menschen können diese Informationsdichte im Kampf nicht verarbeiten. Ein Weniger ist hier dann oft mehr. Gelingt einer KI hingegen, ein variable und situationsgerechte Informationsdarstellung, dürfte die Nutzerakzeptanz sowie die taktische Nützlichkeit enorm zunehmen.
Historie
Die U.S. Army versucht bereits seit rund einem Jahrzehnt das Situations- und Lagebewusstsein infanteristisch kämpfender Kräfte mittels einer Vernetzung der einzelnen Akteure und der Nutzung von Augmented Reality zu verbessern. Als Resultat dieses Vorhabens wurde der US-Technologiekonzern Microsoft im März 2021 mit der Fertigentwicklung und Lieferung einer neuartigen Multifunktions-Datenbrillen mit der Bezeichnung „Integrated Visual Augmentation System“ (IVAS) beauftragt. Wenn erfolgreich, hätte sich das Gesamtvolumen des Vertrages auf 21,9 Milliarden US-Dollar belaufen. Trotz vielversprechender Zwischenschritte scheiterte die Zusammenarbeit schlussendlich, weil keine einsatzreife IVAS-Brille geliefert werden konnte, die den Ansprüchen des US-Heeres genügt hätte. Nach mehrjähriger Verzögerung und deutlicher Kritik an dem System wurde im Februar 2025 bekannt, das Anduril Industries die Leitung des Vorhabens übernehmen soll.
Anfang September 2025 gab die U.S. Army dann offiziell bekannt, dass Anduril im Rahmen des Programms „Soldier Borne Mission Command“ eine Mixed-Reality-Anwendung entwickeln soll, hartpunkt berichtete.
Ziel der Entwicklung ist es Anduril zufolge ein auf dem Gefechtshelm montierbares Mixed-Reality-System zu entwickeln, das fortschrittliche Nachtsichttechnik mit Augmented-Reality-Overlays vereint. Dadurch soll für den Anwender eine einheitliche Wahrnehmungsebene entstehen, die Tag-, Nacht- und Wärmebilder mit Echtzeit-Informationen verbindet. Neben einer durch Anbindung des einzelnen Soldaten an bestehende Battlefield Management Systeme erfolgende deutliche Steigerung des Situationsbewusstseins soll auch die Integration und Führbarkeit unbemannter Systeme durch den Nutzer signifikant verbessert werden. Als Technologiepartner benennt die Mitteilung Meta, Oakley Standard Issue und Qualcomm Technologies. Zudem soll eine Helmplatform offenbar von Gentex bereitgestellt werden.
Waldemar Geiger
















