Raketensysteme in homöopathischen Dosen

Fabian Hoffmann

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Mitte Juli 2025 reichte Deutschland ein offizielles Informationsersuchen für die Beschaffung des Typhon-Raketen- und Flugkörpersystems bei der US-Regierung ein, das auch als „Strategic Mid-Range Fires System” bekannt ist.

Der Letter of Request bedeutet zwar nicht, dass eine Beschaffungsentscheidung bereits endgültig getroffen wurde – der deutsche Bundestag müsste in jedem Fall noch Mittel bereitstellen –, aber es signalisiert ein starkes Interesse seitens Deutschlands.

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Dieser Beitrag untersucht die Anfrage und gibt Einblicke, wie schnell ein Kauf von Typhon dazu beitragen könnte, die Lücke in der deutschen Fähigkeit im Bereich der Wirkung in der Tiefe zu schließen.

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Deutsche Deep-Strike-Ambitionen

Seit etwa einem Jahr betont Deutschland öffentlich seine Absicht, sich eine Fähigkeit zu Präzisionsschlägen in der Tiefe zu verschaffen, mit der Ziele weit hinter der Front bekämpft werden können.

Deutschland ist Gründungsmitglied des im Juli 2024 angekündigten Programms „European Long-Range Strike Approach” (ELSA), dessen Ziel die europäische Entwicklung von konventionellen Boden-Boden-Raketen- und Flugkörpersysteme mit einer Reichweite zwischen 1.000 und 2.000 km ist.

Darüber hinaus unterzeichneten Deutschland und das Vereinigte Königreich im Oktober 2024 das Trinity-House-Abkommen, in dem sich Deutschland verpflichtete, in Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich eine neue Langstreckenwaffe mit einer Reichweite von mehr als 2.000 km zu entwickeln. Diese Verpflichtung wurde kürzlich bekräftigt.

Über ambitionierte Programme und konzeptionelle Arbeiten hinaus ist die tatsächliche Beschaffung von Raketen und Flugkörpern durch Deutschland jedoch begrenzt geblieben, trotz der nachgewiesenen Bedeutung von Raketen- und Flugkörpersystemen in der Ukraine und wiederholter Bekräftigungen deutscher Regierungsvertreter hinsichtlich des Wertes von Systemen wie dem Taurus KEPD 350.

Im Jahr 2023 bestellte Deutschland dem Vernehmen nach 75 AGM-158B JASSM-ER-Marschflugkörper (1.000 km Reichweite), die maximale Anzahl, die es kaufen durfte, zusammen mit seinen 35 F-35A Lightning II-Kampfjets. Zudem gab Deutschland im Juni 2025 eine Bestellung über eine nicht näherbezifferte Anzahl von Joint Strike Missiles (Reichweite über 500 km) im Wert von rund 645 Millionen US-Dollar auf. Bei angenommenen Stückkosten von 3 bis 3,5 Millionen US-Dollar entspricht dies etwa 180 bis 215 Flugkörpern.

Diese Akquisitionen können bestenfalls als „homöopathisch“ in ihrem Umfang bezeichnet werden. Darüber hinaus wurde das Deep-Strike-Segment – definiert als Raketen mit einer Reichweite von deutlich über 1.000 Kilometern – bislang nicht berücksichtigt.

Typhon für Deutschland? 

Typhon ist ein Transporter-Erector-Launcher-System für SM-6- und Tomahawk-Flugkörper. Jeder Launcher enthält vier Zellen in Strike-Länge aus dem Mark 41 Vertical Launching System, die in einem 40-Fuß-ISO-Container (ca. 12 Meter) untergebracht sind.

SM-6 ist ein Mehrzweck-Raketensystem, das sowohl zur Flug- und Raketenabwehr – wofür allerdings unter anderem eine geeignete Sensorik erforderlich ist, die Typhon nicht mitbringt – als auch als Schiffsabwehrrakete in maritimen Einsatzräumen sowie als Boden-Boden-Rakete gegen landgestützte Ziele verwendet werden kann. In letzterer Rolle beträgt die Reichweite Berichten zufolge rund 500 Kilometer.

Für Deutschland dürfte die Fähigkeit zum Abschuss von Tomahawk-Marschflugkörpern interessanter sein. Den Tomahawk gibt es seit den 1980er Jahren, derzeit wird er in den Konfigurationen Block IV und Block V hergestellt.

Die Basisvarianten Block IV und Block V sind weitgehend ähnlich, haben eine Reichweite von über 1.600 Kilometern und sind mit einem 450 Kilogramm schweren Sprengkopf ausgestattet. Der wichtigste Unterschied ist eine verbesserte Datenverbindung, die in der Block-V-Variante enthalten ist und es dem Bediener ermöglicht, mit dem Flugkörper während des Fluges zu kommunizieren und ihn bei Bedarf neu auszurichten.

Die jüngsten Auslandsverkäufe der Tomahawk-Marschflugkörper an Australien, Japan und die Niederlande umfassten eine Mischung aus Block IV- und Block V-Varianten, was möglicherweise auch für Deutschland der Fall sein würde. 

Tomahawk wäre zweifelslos ein nützliches Werkzeug für die deutschen Streitkräfte, vorausgesetzt, es kann schnell und in ausreichender Stückzahl beschafft werden. Und hier tun sich erneut Herausforderungen auf.

Tomahawk-Produktion und Fertigungskapazitäten

Aus den Beschaffungsunterlagen der US-Marine geht hervor, dass für die Aufrechterhaltung der Tomahawk-Produktionslinie eine Mindestproduktion von 90 Flugkörpern pro Jahr erforderlich ist. Andernfalls riskiert der Hersteller Raytheon Störungen in der Lieferkette.

Diese Schwelle wurde in den letzten Jahren nur knapp erreicht, allerdings nur durch die Kombination von Käufen der US-Marine – nominell der Hauptkunde für Tomahawk-Marschflugkörper – mit Bestellungen des US-Marine Corps und der U.S. Army sowie Waffenverkäufen an ausländische Kunden.

Infolgedessen haben Beobachter die relativ niedrige Bestellrate immer wieder kritisiert, insbesondere im Vergleich zu den hohen Flugkörperverbräuchen bei den jüngsten Operationen im Nahen Osten und dem extrem hohen erwarteten Bedarf an Tomahawk-Marschflugkörpern im Falle eines Konflikts mit China. So bestellte die US-Marine im Haushaltsjahr 2022 nur 70 Tomahawk-Marschflugkörper, im Haushaltsjahr 2023 nur 55 und im Haushaltsjahr 2024 gar keine, sondern stellte stattdessen Mittel für die Aufrüstung von 50 eingeführten Marschflugkörpern vom Block IV- auf den Block V-Standard bereit.

Infolgedessen reicht das derzeitige Auftragsvolumen nicht aus, um eine robuste Lieferkette aufrechtzuerhalten, was sich direkt auf die Fähigkeit von Raytheon auswirkt, Exportkunden, darunter einen potenziellen Kunden in Deutschland, zeitnah zu beliefern.

Die genaue jährliche Lieferkapazität für Tomahawk ist zwar nicht bekannt, dürfte aber bei der Mindestproduktionsrate von 90 Flugkörpern pro Jahr liegen. Es überrascht daher nicht, dass die Justification Books der US-Marine eine Gesamtvorlaufzeit von 2,5 bis 3 Jahren für neu bestellte Tomahawks angeben.

Deutschland würde ebenfalls mit US-amerikanischen und ausländischen Kunden um Produktionskapazitäten konkurrieren und zunächst am Ende der Warteliste stehen (es sei denn, andere geben freiwillig ihre Kapazitäten ab). Selbst eine weitere bescheidene, eher homöopathische Bestellung im niedrigen dreistelligen Bereich könnte drei bis fünf Jahre dauern – oder sogar noch länger. Dabei sollte man bedenken, dass der tatsächliche Bedarf Deutschlands in den kommenden Jahren laut gut informierten Kreisen wahrscheinlich im hohen dreistelligen, wenn nicht sogar im vierstelligen Bereich liegt, was Langstreckenwaffensysteme betrifft. Der voraussichtliche Bedarf hängt jedoch auch davon ab, ob die Bundeswehr weiterhin davon ausgeht, im Falle eines Krieges mit Russland in Europa über die NATO Zugriff auf das US-amerikanische Langstreckenarsenal zu haben.

Tomahawk ist nicht das einzige Produkt, das Exportkunden mit langen Vorlaufzeiten frustriert. JASSM-ER-Kunden sehen sich ähnlichen Verzögerungen gegenüber, obwohl der Flugkörper über eine viel robustere und besser finanzierte Produktionslinie verfügt. So ist beispielsweise die Lieferung der 2023 von Japan bestellten 150 Raketen zwischen dem Geschäftsjahr 2028 und dem Geschäftsjahr 2030 mit einer Rate von 50 Flugkörpern pro Jahr geplant.

Dies unterstreicht, dass Bestellungen aus den Vereinigten Staaten nicht unbedingt eine schnelle oder sogar deutlich schnellere Alternative zum Wiederaufbau einer europäischen Raketen- und Flugkörperindustrie sind. Zwar gibt es in den USA eine bestehende Industrie, doch ist der Zugang zu Produktionskapazitäten stark eingeschränkt, was bedeutet, dass eine Bestellung von Typhon- und Tomahawk-Raketen nicht unbedingt eine schnelle Lösung für Deutschlands Fähigkeitslücke im Bereich der Präzisionsschläge in der Tiefe darstellt.

Eine nachhaltige Anstrengung der Raketen- und Flugkörperindustrie

Tatsächlich müssen deutsche und europäische Entscheidungsträger endlich erkennen, dass es keine schnellen Lösungen gibt. Nur eine nachhaltige, langfristige Anstrengung der Raketen- und Flugkörperindustrie kann Europa im Bereich der Raketen- und Flugkörpertechnik wieder auf Kurs bringen. Dazu muss anerkannt werden, dass moderne Kriegsführung den Einsatz von Tausenden konventioneller Langstrecken- und Deep-Strike-Fähigkeiten erfordert, die nur durch einen robusten und kontinuierlichen Auftragseingang langfristig abgesichert werden können.

Das Kernproblem besteht natürlich darin, dass selbst eine jetzt eingeleitete groß angelegte Initiative – zu der eine Bestellung des Typhon-Systems gehören könnte oder auch nicht – keine schnellen Ergebnisse bringen wird. Wenn die deutschen Entscheidungsträger weiterhin daran glauben, dass bis 2029 die Bereitschaft zur Abschreckung Russlands gegeben sein muss, bleibt keine Zeit zu verlieren. Und bei einer pessimistischen Einschätzung der Lage könnte das Zeitfenster bereits geschlossen sein. Dennoch ist ein verspäteter Start besser als anhaltende Untätigkeit.

Autor: Fabian Hoffmann ist Doktorand am Oslo Nuclear Project an der Universität Oslo. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der aktualisierte Beitrag erschien erstmalig am 27.07.2025 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.