Strukturen zur Umsetzung von TEN noch im Aufbau

Mit der Verschmelzung ihrer jeweiligen Digitalisierungsvorhaben Foxtrot sowie D-LBO zu Tactical Edge Networking (TEN) machen die Niederlande und Deutschland einen weiteren Schritt hin zur Verknüpfung der Armeen beider Länder. Bis Jahresende sollen die von beiden Partnern erarbeiteten Spezifikationen für TEN fertig sein, wie es aus dem BMVg heißt.

Läuft alles wie geplant, werden dann ab etwa 2023 die Koninklijke Landmacht und das Deutsche Heer die gleiche Hard- und Software für Führung- und Feuerleitung beschaffen. Dann soll es nicht mehr erforderlich sein, Funkgeräte und Führungssysteme des Partners in die eigenen Panzer einzubauen, um in einer gemischten Einheit wie dem Panzerbataillon 414 interoperabel zu sein.

Für die Einführung eines Battle Management Systems (BMS) zur Nutzung bei der unter deutscher Führung stehenden VJTF 2023 wird TEN – wie von Anfang an projektiert – noch nicht greifen. Die Test- und Versuchseinheit zur Digitalisierung in Munster hat bereits vor einigen Wochen die Feldversuche mit BMS-Lösungen der beiden im Wettbewerb stehenden Anbieter ESG und Systematic abgeschlossen. Damit soll das eingeführte aber als nicht mehr zeitgemäß geltende Führungs- und Informationssystem Heer unter Beibehaltung der existierenden Funktechnik abgelöst werden.  Mitte dieses Monats soll offenbar eine Evaluierung der Ergebnisse dem Rüstungsstaatssekretär übermittelt werden. Parallel dazu hat das Beschaffungsamt BAAINBw Labortests mit beiden Software-Lösungen vorgenommen. Deren Ergebnisse sollen ebenfalls mit in die Bewertung eingehen. Der Vertragsschluss mit einem der beiden Anbieter ist gut informierten Kreisen zufolge für November vorgesehen.

Ob das für die VJTF 2023 ausgewählte BMS auch als Basis für TEN und die Ausstattung des ersten so genannten Force Packages – früher war von Brigadeäquivalent die Rede – dienen wird, ist noch offen. Der Sprecher des BMVg wollte diese Möglichkeit jedoch nicht ausschließen.

Hubschrauber werden eingebunden

Allerdings werden an die BMS für TEN – basierend auf den D-LBO-Vorgaben – offenbar höhere Anforderungen als an die Software für die VJTF 2023 gestellt. Denn in Zukunft soll teilweise – wie in den vor einiger Zeit von General Leidenberger herausgegebenen Thesenpapieren beschrieben – der Sensor vom Effektor getrennt werden. Das Wirken „behind the line of sight“ erfordert jedoch eine leistungsfähige und störsichere Datenübertragung und –verarbeitung. Ebenso sollen die bemannten und unbemannten Luftfahrzeuge des Heeres – im Augenblick sind dies in erster Linie Helikopter – in die „Combat Cloud“ eingebunden werden, wie es Anfang Juli auf dem 31. Hubschrauberforum in Bückeburg hieß. Dabei muss die Missionsplanung für  die Maschinen deutlich verkürzt werden.

Da der deutsche Prozess zur Digitalisierung des Heeres seit Jahren nur äußert zäh vorankommt und sich die mangelnde Stringenz in  immer neuen Bezeichnungen widerspiegelt – nach Motako/Motiv zuletzt als D-LBO –, verfügen andere Nationen wie die USA, Israel, Norwegen, Tschechien und auch die Niederlande über einen Entwicklungsvorsprung. Die niederländischen Streitkräfte haben im Gegensatz zu Deutschland sogar die Fähigkeit zur Programmierung der eigenen Führungssoftware sowohl für das Heer als auch für ihre schwimmenden Plattformen im eigenen Haus und sind damit  im Besitz der intellektuellen Eigentumsrechte. Anfangs hatte sogar die Bundeswehr geplant, das niederländische Heeres-BMS Elias für die VJTF 2023 einzuführen, dies aber später verworfen. Im Rahmen von TEN soll offenbar die Software-Kompetenz der Niederländer genutzt und ein Design- und Prototypenzentrum in Amersfoort aufgebaut werden.

Verzögerung durch Kooperation?

Welche Auswirkungen die enge Kooperation zwischen beiden Armeen und Beschaffungsbehörden auf die Umsetzungsgeschwindigkeit der Digitalisierung des Heeres haben wird, ist noch ungewiss. Es gibt zwar Befürchtungen, dass aus einer binationalen Arbeitsteilung ein erhöhter Abstimmungsbedarf und damit Verzögerungen resultieren. Allerdings gibt es auch Stimmen, wonach die Niederländer wesentlich praxisorientierter vorgehen und stärker am Kosten-Nutzenverhältnis eines Projektes orientiert sind, was Vorgänge deutlich beschleunigen kann.  Hier scheint allerdings auch die Bundeswehr umzudenken. So ist vorgesehen, die Test- und Versuchseinheit in Munster zu verstetigen, um ständig neue Technik-Entwicklungen in Feldversuchen zu evaluieren. Damit soll offenbar gesichert werden, dass bei der Ausrüstung der drei Heeres-Divisionen bis in die 30er Jahre nur die aktuellste Soft- und Hardware beschafft wird.

Während die niederländischen Streitkräfte über eigene Software-Entwickler mit vorzeigbaren Lösungen verfügen, baut das Kommando CIR gerade erst das Zentrum Softwarekompetenz der Bundeswehr (ZSwKBw) in Euskirchen auf. Dieses soll nach eigenem Selbstverständnis der „wesentliche Kompetenzträger für Innovation, Entwicklung und Integration von Software, Zertifizierung von IT-Diensten und querschnittlicher Simulation in der Bundeswehr“ werden. Ob damit die Unwucht in der Software-Expertise zwischen beiden Armeen abgebaut werden kann, bleibt abzuwarten. Denn bei der Aufstellung der deutschen Cyper-Truppe gilt unter anderem der enge Markt für IT-Spezialisten als problematisch.

Aber es gibt noch weitere Player. So verfügt das BMVg mit der im Bundesbesitz befindlichen BWI GmbH über einen eigenen IT-Dienstleister. Dieser soll laut Ministerium auch in den Digitalisierungsprozess eingebunden werden. Etwa beim Aufspielen der BMS-Software auf die einzelnen Fahrzeuge. Die konkrete Rolle des Unternehmens ist jedoch noch nicht festgelegt. Unter anderem, weil die zivilen BWI-Mitarbeiter gewissen Einschränkungen unterliegen.

BWI zur Teilnahme bereit

Nach Auskunft eines BWI-Sprechers erbringt das Unternehmen im  Umfeld  von D-LBO/TEN Unterstützungsleistungen mit Schwerpunkt auf dem Projekt- und Programmmanagement. Der Umfang und die zukünftige Rolle der BWI im Programm sei für die kommenden Jahre jedoch noch nicht im Detail definiert. „Wir gehen in jedem Fall davon aus, dass die Bundeswehr die BWI als „Ihr“ IT-Systemhaus mit unserer Expertise nutzen wird“, teilte der Sprecher weiter mit. Das Unternehmen könne dabei auf die umfangreichen Erfahrungen aus dem Herkules-Projekt zurückgreifen.

Je nach Umfang des BWI-Anteils werde man auch für diesen Bereich Personal einstellen. Im Zuge des aktuellen Wachstums und der Ausrichtung auf die gestiegenen Leistungsanforderungen  soll die BWI auch für einen Aufwuchs beim Thema D-LBO vorbereitet werden. Den weiteren Angaben zufolge wird das Unternehmen je nach Anforderungen auch mit Partnern aus der Industrie zusammenarbeiten. Allerdings liegt der BWI kein aktueller Zeitplan vor.

Mit Spannung wird darüber hinaus beobachtet, wie die Industrie in TEN eingebunden werden soll. Denkbar sind verschiedene Lösungen. Etwa eine  Projektumsetzung unter Federführung des neu aufgesetzten deutsch-niederländischen Programmbüros, das zumindest auf deutscher Seite jedoch noch nicht personell voll besetzt sein soll. Daneben wurde in der Vergangenheit die Vergabe an einen Generalauftragnehmer aus der Industrie diskutiert. Da von den bei der Bundeswehr für die Digitalisierung eingeplanten rund 12 Mrd EUR ein Großteil in die Funk- und Übertragungstechnik und deren Integration in fast 26.000  Fahrzeuge fließen dürfte, wäre dies ein lukrativer Auftrag für eines der Systemhäuser KMW oder Rheinmetall. Rheinmetall hatte bereits vor einiger Zeit ein Joint Venture mit Rohde & Schwarz gegründet, um auf einen solchen Fall vorbereitet zu sein.

Im Fall einer wettbewerblichen Vergabe wären die entsprechenden Fristen für Ausschreibungen und gegebenenfalls rechtliche Einwände zu berücksichtigen. Dabei ist der Zeitplan eng, wenn tatsächlich bereits 2023 das erste „Force Package“ mit neuer Technik ausgestattet werden soll. Und sollte die Kooperation zwischen beiden Nationen ins Stocken geraten oder wider Erwarten  beendet werden, verfügt die Bundeswehr offenbar über keine Rückfallposition.
lah/13.7.2019