Schwerer Waffenträger Infanterie kommt

Der Überfall der russischen Streitkräfte auf die Ukraine gibt offenbar auch dem Projekt „Mittlere Kräfte“, einem Schwerpunktvorhaben des deutschen Heeres, neuen Schwung. So wurde vor kurzem nicht nur eine Auswahlentscheidung für den Schweren Waffenträger getroffen, es sollen offenbar auch deutlich mehr Fahrzeuge und das auch noch schneller als ursprünglich geplant beschafft werden, wie das Online-Portal Soldat & Technik bereits mit Verweis auf verschiedene Quellen berichtet hat.

Zusammen mit den leichten, luftbeweglichen Kräften (Anteile der Infanterie) sowie den schweren, durchsetzungsfähigen Kräften (Panzergrenadier- und Panzertruppe) sollen die mittleren, selbstverlegefähigen Kräfte das zukünftige Fähigkeitsspektrum des Heeres bilden. Der Kern dieser Kräfte wird durch die Jägertruppe gestellt, welche nach Ansicht des Heeres mit den Schweren Waffenträgern Infanterie, die die rund 30 Jahre alten Wiesel MK und Wiesel TOW/MELLS ersetzen sollen, deutlich mehr Durchsetzungsfähigkeit im Gefecht erhalten soll. Jedes Bataillon soll zwölf dieser Kampffahrzeuge – vier pro Zug – erhalten, deren Beschaffung den Kernbaustein für die Aufstellung der neuen Kräftekategorie darstellt.

Aufgrund der knappen Haushaltslage sollten bis vor kurzem nur 43 Maschinenkanonenboxer beschafft werden, um damit die ersten drei Infanteriebataillone bis 2027 auszustatten. Nun, so ist es aus gut unterrichteten Kreisen zu hören, wird direkt eine Vollausstattung – dafür wären 93 Fahrzeuge für die jeweiligen Infanteriebataillone sowie Ausbildungseinrichtungen notwendig – angestrebt. Unklarheit herrscht derzeit aber wohl, aus welchem Topf diese Fahrzeuge bezahlt werden sollen. Im Regierungsentwurf für den Verteidigungshaushalt 2022 sind zumindest keine Haushaltsmittel für das Waffensystem hinterlegt. Beobachter gehen davon aus, dass das Vorhaben eines der Projekte sein wird, die über das angekündigte Sondervermögen realisiert werden. Dies soll wohl noch 2022 erfolgen.

Das zu beschaffende Waffensystem ist bereits ausdefiniert. Gut informierten Kreisen nach wurde vor kurzem eine entsprechende Auswahlentscheidung im BMVg gezeichnet. Von Beobachtern war dies eigentlich für Ende letzten Jahres erwartet worden. Das Projekt soll demnach auf Basis des Radspähpanzers Boxer CRV Block II (im Titelbild ist noch ein Block I Boxer abgebildet), so wie ihn die australischen Streitkräfte derzeit einführen, realisiert werden. Es ist offenbar angedacht, die australischen Missionsmodule zu beschaffen und nur absolut notwendige Anteile – wie Funk- & Führungsausstattung, Anbindung IdZ-ES – zu „germanisieren“. Dies könnte wohl vergleichsweise schnell erfolgen, da Australien offenbar gewillt ist, die deutschen Fahrzeuge in die australische Produktionsplanung mit einfließen zu lassen. Der Zulauf des Prototypen wäre dann noch 2022 realisierbar.

Missionsmodul

Der zukünftige Schwere Waffenträger Infanterie wird in dieser Version über einen bemannten Turm des Typs Rheinmetall Lance 2 Block II verfügen. Die Bewaffnung besteht aus einer vom Schützenpanzer Puma bekannten Maschinenkanone MK30-2 im Kaliber 30 mm x 173 sowie einem Turm-Maschinengewehr vom Typ FN MAG im Kaliber 7,62 mm x 51. Eine Germanisierung des Turm-MGs auf ein in der Bundeswehr eingeführtes Maschinengewehr vom Typ MG5 ist derzeit nicht gefordert aber wohl denkbar. Es müssten jedoch zwingend technische Änderungen am MG5 im Bereich der Gurtzuführung erfolgen.

Darüber hinaus wird das System über einen integrierten Werfer für Panzerabwehrlenkflugköper des Typs MELLS (Mehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System) verfügen.

Neben dem verbesserten Panzerschutz gegenüber dem Lance-1-Turm bewirbt Rheinmetall diesen darüber hinaus mit einer möglichen Killer-Killer-Fähigkeit, welche aber wohl nicht Bestandteil der Bundeswehrforderung an den Schweren Waffenträger ist. Eine Nachrüstung ist aber auch im Nachhinein vergleichsweise einfach möglich, da diese Konfiguration (Turm in Verbindung mit Killer-Killer-Fähigkeit) in Ungarn auf ihren Lynx Schützenpanzern mit Lance 2 Block II Türmen bereits einführen wird. Diese Eigenschaft würde es dem Kommandanten des Fahrzeuges erlauben, unabhängig vom Richtschützen mit einer schweren – PERI-gebundenen – Waffenstation zu beobachten und mit einer 40-mm-Granatmaschinenwaffe oder einem schweren Maschinengewehr wirken zu können.

Fahrmodul

Der Boxer wurde in der Ursprungsversion (A0) mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 36,5 Tonnen und einem 530 kW MTU-Dieselmotor (MTU 8V 199 TE 20) ausgeliefert. Aufgrund der veränderten Bedrohung und mit ersten Erkenntnissen aus dem Betrieb wurde der Minenschutz unter der Wanne und in den Radkästen verstärkt. Ein neues Fahrersichtsystem und die teilweise Umverstauung der Ausrüstung (z.B. Abschleppseil) verbessern die Arbeitsumgebung des Militärkraftfahrers. Veränderungen von Kühlluft- und Abgasführung tragen zur Reduzierung der Signatur bei. Mit diesen Veränderungen entwickelte sich die Versionsbezeichnung bis zu A2. Diese Konfiguration ist heute Standard in der Bundeswehr.

Für den Schweren Waffenträger ist diese aber nicht ausreichend, da das Fahrzeug aufgrund des Turmes ein höheres Gefechtsgewicht haben wird. Für Australien wurde das zulässige Gesamtgewicht auf mindestens 38,5 Tonnen erhöht. Die verstärkte Version kann man unter anderem an neuen Rädern und tragfähigeren Reifen erkennen.
wg/22.3.2022