Bereits seit einigen Jahren verfolgt das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw das Vorhaben „Luftgestützte Wirkung im Elektromagnetischen Spektrum“ – kurz LuWES. Dabei geht es um die Nutzung dieses Spektrums für Aufklärung und Electronic Attack. Letzteres ist ein Novum für die Luftwaffe. Mittels verschiedener fliegender Störer unterschiedlicher Klassen soll im Rahmen von LuWES der Gegner gestört und getäuscht werden.
Ein sogenannter Stand-Off Jammer, der besonders leistungsfähig ist, soll dabei feindliche Radar- und Luftverteidigungsstellungen aus einer Entfernung von mehreren Hundert Kilometern und damit außerhalb der gegnerischen Waffenreichweite stören. Die Aufforderung zum Angebot für einen solchen Jammer sollte eigentlich längst erfolgt sein, hat sich jedoch in die Länge gezogen. Wie jetzt aus gut informierten Kreisen zu vernehmen ist, wird im kommenden Monat eine solche Angebotsaufforderung erwartet.
Als Trägerflugzeug für den Stand-Off Jammer ist der von der kanadischen Firma Bombardier hergestellte Business-Jet des Typs Global 8000 vorgesehen, wie ein Vertreter aus dem Referat Rü II des Verteidigungsministeriums gestern auf dem Air Force Tech Summit der CPM Verlag GmbH in Berlin sagte. Beobachter gehen davon aus, dass aufgrund des in wichtigen Punkten veränderten Designs der Global 8000 gegenüber Vorgängermodellen wie der Global 6500 ein neuer Test- und Zertifizierungsprozess für den militärischen Einsatz erfolgen muss.
Nachdem im vergangenen Jahr bekannt geworden war, dass sich die Luftwaffe gegen den Airbus A400M und für einen noch nicht näher benannten Bombardier-Jet als Träger für den Stand-Off Jammer entschieden hatte, fiel der sogenannte Ruder-Achter, bestehend aus Airbus, bKEC, Hensoldt, IBM, MBDA, PLATH, Rohde & Schwarz und Schönhofer auseinander. Ursprünglich war erwartet worden, dass Airbus das Trägerflugzeug liefern würde, worauf sich die Firmenkonstellation zunächst eingestellt hatte.
Wie es heißt, stehen sich mittlerweile jedoch Hensoldt und Airbus als potenzielle Wettbewerber bei der Vergabe des Stand-Off Jammers gegenüber. So ist Hensoldt gut informierten Kreisen zufolge mit Lufthansa Technik und Bombardier eine Partnerschaft eingegangen, um als Generalauftragnehmer für das Projekt zu bieten. Hensoldt sollte auch im Rahmen des Ruder-Achters das Missionssystem liefern und dürfte wohl auch weiterhin diese wichtige Komponente beisteuern wollen.
Dieser Konstellation soll nun Airbus Defence and Space gegenüberstehen. Wie gut informierte Kreise berichten, führte Airbus mit dem schwedischen Hersteller Saab Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit bei LuWES. Die Schweden sollen ebenfalls über ein Missionssystem verfügen und könnten womöglich Komponenten aus dem Eurofighter-Projekt, bei dem 15 Maschinen für die Rolle Suppression of Enemy Air Defence (SEAD) mit entsprechender Technik ausgestattet werden, für die Nutzung in einem Stand-Off Jammer skalieren.
Neuerdings soll noch ein weiteres Unternehmen Interesse an der Stand-Off-Jammer-Vergabe haben: Deutschlands größter Rüstungskonzern Rheinmetall. Das Unternehmen hat bereits in der Vergangenheit nicht gezögert, in neue Geschäftsfelder vorzustoßen, sei es der Bau von Flugzeugteilen, die Herstellung von Satelliten oder der Bau von Marineschiffen.
Jetzt soll Rheinmetall zusammen mit dem israelischen Partner ELTA einen gemeinsamen Lösungsvorschlag für den Stand-Off Jammer vorgelegt haben, wie gut informierte Kreise berichten. Rheinmetall wollte sich dazu auf Nachfrage von hartpunkt nicht äußern.
ELTA gehört zum IAI-Konzern, der die Bundeswehr bereits in der Vergangenheit mit neuen Fähigkeiten ausgestattet hat. Das bekannteste Projekt dürfte das Luftverteidigungssystem Arrow 3 zur exoatmosphärischen Bekämpfung ballistischer Raketen sein. Darüber hinaus stellt IAI die Drohne Heron TP für die Luftwaffe bereit sowie das autonome Unterwasserfahrzeug Blue Whale. Alle drei Projekte dürften nicht zuletzt aufgrund ihres technischen Niveaus einen hohen Geheimhaltungsgrad aufweisen.
Im Bereich Electronic Attack gelten die Israelis ebenfalls als sehr leistungsfähig. ELTA hat auch bereits dem NATO-Partner Italien ähnliche Fähigkeiten zur Verfügung gestellt. So können die italienischen Frühwarnflugzeuge G550 CAEW auf Basis einer Gulfstream mit ihrem ELTA-System Radar- und elektromagnetische Signale erfassen, identifizieren und auswerten und daraus ein umfassendes Lagebild erzeugen. Flugzeuge dieses Typs sollen auch für das aktive Jamming gegen gegnerische Kommunikation, Radare und Führungssysteme geeignet sein.
Während bei dem Rheinmetall-Vorschlag die Technologie offenbar von ELTA kommen soll, ist vorgesehen, dass Deutschland die Datenhoheit hat und auch die Systemintegration, Zulassung und Lifecycle-Verantwortung in deutschen Händen liegen. Außerdem sollen dem Vernehmen nach frühzeitig deutsche Teams bei Schnittstellen, Wissenstransfer und bei der Lokalisierung eingebunden werden.
Wie es heißt, geht Rheinmetall bei einer Umrüstung der ersten drei Maschinen in Israel davon aus, dass eine Anfangsbefähigung mit der Global 8000 im Jahr 2031 erreicht werden könnte. Bei Nutzung der Global 6500, die bereits militärisch eingesetzt wird – etwa beim Aufklärungsflugzeug GlobalEye – aber offenbar aus der Betrachtung des Verteidigungsministeriums gefallen ist, sei dies sogar schon im Jahr 2029 möglich. Die weiteren neun Maschinen würden dann in Deutschland umgebaut. In Fachkreisen gilt die Befähigung eines Flugzeugs für den elektronischen Kampf als äußerst anspruchsvoll, wobei Umrüstungszeiträume von vier Jahren und mehr genannt werden.
Jetzt wird mit Spannung erwartet, ob die Angebotsaufforderung tatsächlich im November erfolgt und welche Anforderungen damit verbunden sind.
Lars Hoffmann















