Projekt Nightfall: Großbritanniens Suche nach taktischen ballistischen Raketen

Sam Cranny-Evans

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Das britische Verteidigungsministerium plant im Rahmen des sogenannten Projekts „Nightfall” (deutsch: „Einbruch der Nacht”) die Beschaffung einer neuen taktischen ballistischen Rakete. In einer am 27. August auf der Webseite der britischen Regierung veröffentlichten Bekanntmachung werden die Anforderungen für die neue Rakete dargelegt. Zudem wird die Industrie um Einschätzungen zur Machbarkeit des Vorhabens bis zum 18. September gebeten.

Diese Ankündigung ist überraschend, da das britische Heer zuvor seine Absicht bekundet hatte, die ballistische Artillerierakete Precision Strike Missile (PrSM) zu beschaffen. Diese wird derzeit von Lockheed Martin für das US-Heer entwickelt. Eine im Jahr 2022 unterzeichnete Absichtserklärung zwischen dem US-Heer und dem britischen Heer legte den Grundstein für die gemeinsame Entwicklung und Zusammenarbeit im Bereich der Raketenartillerie. Die Modernisierung der britischen Multiple-Launch Rocket Systems (MLRS) M270 auf den A2-Standard soll demnach die Modifikationen umfassen, die den Abschuss der PrSM ermöglichen.

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In einer im Januar 2025 von Lockheed Martin an einen Parlamentsausschuss übermittelten schriftlichen Stellungnahme heißt es jedoch: „Die British Army sollte sich den USA und Australien anschließen und die Absichtserklärung zur PrSM unterzeichnen. PrSM würde eine deutlich größere Reichweite (über 499 km) bieten, wodurch es die Reichweite gegnerischer Systeme übertreffen und A2/AD-Blasen durchbrechen könnte.“

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Dies deutet darauf hin, dass Großbritannien seine Absicht zur Beschaffung von PrSM bis Januar noch nicht formalisiert hatte, was nun zum Projekt Nightfall geführt hat. Einige Berichte deuten darauf hin, dass die Beteiligung an der PrSM im Verhältnis zum erwarteten Nutzen zu kostspielig war, was möglicherweise zu dieser Entscheidung beigetragen hat.

Aus den Anforderungen in der Nightfall-Bekanntmachung geht eindeutig hervor, dass die Kosten eine Rolle spielen: „Die angestrebten Kosten für den Effektor betragen insgesamt 500.000 £ pro Einheit (das entspricht etwa 577.000 €), ohne Gefechtskopf, Abschussvorrichtung und Entwicklungskosten.“

In der Bekanntmachung heißt es weiter: „Vorbehaltlich eines möglichen zukünftigen Vertrags muss die Fertigung skalierbar sein, um die operativen Anforderungen mit mindestens zehn Einheiten pro Monat zu erfüllen, mit der Möglichkeit einer weiteren Steigerung.“ Zusätzliche Erklärungen stellen klar, dass die Lösung keine Komponenten enthalten sollte, für die Genehmigungen ausländischer Regierungen erforderlich sind.

Dies deutet auf eine inländische Lösung hin, deren Fertigung im Vereinigten Königreich erfolgen soll. Entscheidet sich das britische Verteidigungsministerium dafür, würde es von einer relativ ausgereiften Lösung, mit erfolgten Schusstests auch gegen bewegliche Ziele, zugunsten einer potenziell neuartigen und unbewährten Alternative abrücken.

Darüber hinaus wurde für den 24. September die Durchführung eines Industrietags für das Projekt Nightfall angekündigt. Bis zu drei Anbieter werden ausgewählt und die Verträge für die erste Phase voraussichtlich 2026 abgeschlossen. Das Verteidigungsministerium erklärt außerdem, dass das Projekt Nightfall vom Beschaffungsgesetz 2023 ausgenommen ist. Dieses neue Gesetz regelt, wie öffentliche Einrichtungen im Vereinigten Königreich Waren und Dienstleistungen erwerben.

Dies bezieht sich vermutlich auf eine der Ausnahmeregelungen im Gesetz, die eine direkte Vergabe ohne Ausschreibung ermöglichen würde. Dadurch könnte das Verteidigungsministerium die üblichen Beschaffungsverfahren umgehen, um die im Projekt dokumentierte Leistungsfähigkeit schneller zu erreichen.

Skalierbarkeit vor Exquisität

Es scheint also, als sei der Beitritt Großbritanniens zur PrSM-Nutzergemeinschaft noch lange nicht sicher und als würden alternative Optionen verfolgt. Aber wonach sucht das Verteidigungsministerium eigentlich?

Die Aufgabenstellung sieht ein Bodenfahrzeug vor, das mindestens zwei Raketen transportieren kann, die innerhalb von 15 Minuten nach dem Anhalten des Fahrzeugs abgefeuert werden können. Anschließend soll das Fahrzeug innerhalb von fünf Minuten die Feuerstellung verlassen können. Die Rakete selbst soll eine Reichweite von mehr als 600 km haben und über einen 300 kg schweren Gefechtskopf sowie eine gewisse Manövrierfähigkeit verfügen.

Darüber hinaus soll die Rakete in einer Umgebung ohne GPS-Empfang navigieren können und einen CEP von fünf Metern aufweisen. Beim CEP handelt es sich um den Kreisradius, dessen Mittelpunkt der Zielpunkt ist und innerhalb dessen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent eine Rakete landet.

Dies würde die Nightfall-Rakete insbesondere über die angegebene Reichweite von 600 km und in einer Umgebung ohne GPS-Empfang sehr präzise machen. Oft wird als Referenz die gelenkte Artilleriegranate M982 Excalibur mit einer CEP zwischen einem und vier Metern angeführt. Das bedeutet, dass mit hoher Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass sie innerhalb der effektiven Entfernung ihrer programmierten Koordinaten das Ziel trifft. Dies gilt jedoch nur mit GPS, da dieses eine sehr präzise Kurskorrektur ermöglicht.

Oft wird berichtet, dass russische Störmaßnahmen in der Ukraine GPS-abhängige Waffen unwirksam gemacht haben. Die Lösung für das Projekt Nightfall muss daher auf Trägheitsnavigation und möglicherweise auf eine Form der Geländeabgleichung zurückgreifen, um die gewünschten Eigenschaften zu erreichen.

Dies ist keine unmögliche Aufgabe, denn GPS-Störmaßnahmen können zwar über ein großes Gebiet wirken, haben aber ihre Grenzen. Das könnte bedeuten, dass die Rakete beim Start und in der ersten Phase ihres Fluges keine GPS-Signale empfangen kann, diese jedoch in der Mitte ihres Fluges wieder empfangen könnte. Sind am Zielort ebenfalls Störsignale aktiv, müsste die Rakete in der Regel einen bestimmten Bereich erreichen und sich in den Endphasen auf einen Suchkopf verlassen. Dass dies möglich ist, zeigt der wiederholte Einsatz von Iskander-Raketen durch Russland in der Ukraine.

In der Ankündigung heißt es in diesem Zusammenhang: „Sie muss in rauen physikalischen Umgebungen, bei Tag und Nacht, mit geringer multispektraler Signatur, in einer komplexen elektromagnetischen Umgebung (EME), einschließlich einer Umgebung mit gestörtem oder beeinträchtigtem GNSS, einsetzbar sein und gegen gezielte EW-Angriffe und Spoofing resistent sein.“

In der Nighfall-Bekanntmachung heißt es, dass die Regierung einige der erforderlichen Komponenten bereitstellen könnte. Dazu gehören der Gefechtskopf, der Zünder, das Testgelände, die Beratung durch das Defence Science and Technology Laboratory (DSTL) sowie die Skalierung der Produktion.

In der Bekanntmachung wird jedoch auch um Rückmeldungen der Industrie zu Trägerraketen, Raketentriebwerken, Flugzeugzellen, Navigation und Skalierbarkeit gebeten.

„Das Projekt wird Skalierbarkeit gegenüber exquisiten Lösungen priorisieren“, heißt es weiter. Was den Zeitplan für die Entwicklung betrifft, so sucht das Verteidigungsministerium nach Lösungen, die innerhalb von neun Monaten umgesetzt werden können. In dieser Phase sind fünf Komplettrunden für Tests vorgesehen. Es wird erwartet, dass drei bis sechs Monate später ein Auftrag über die Produktion von mindestens zehn Einheiten pro Monat erteilt wird.

Die vollständigen Anforderungen schließen Drohnen und Loitering Munition, die nicht auf einer ballistischen Flugbahn fliegen, ausdrücklich aus. Dies ist wahrscheinlich ein Hinweis auf die Anforderungen an die Überlebensfähigkeit der Rakete. Eine ballistische Rakete ist sehr schwer abzufangen. Die Iskander beispielsweise fliegt mit einer Geschwindigkeit von Mach 3 und erreicht in ihrer Endphase Mach 5.

Außerdem fliegt sie in Höhen von bis zu 50 km, also höher, als die meisten Luftverteidigungssysteme wirken können.

Insgesamt erscheint die Aufgabenstellung durchaus vernünftig. Die Priorisierung der Hochwertigkeit vor der Skalierbarkeit ist eine oft an das Verteidigungsministerium gerichtete Kritik, da einige die Forderung nach einer extrem hochwertigen Lösung als Grund für die Schwierigkeiten so vieler britischer Programme ansehen. Die Konzentration auf die Bereitstellung einer skalierbaren Lösung deutet also auf einen anderen Ansatz für diese Beschaffung hin.

Autor: Sam Cranny-Evans. Der Beitrag erschien erstmalig am 29.08.2025 in englischer Sprache auf der hartpunkt-Partnerseite Calibre Defence.