Planungen für neues FüWES an Bord von EGV bereits fortgeschritten

Die Deutsche Marine sieht sich seit Jahren mit einer Vielzahl der in der Nutzung befindlichen Führungs- und Waffeneinsatzsysteme (FüWES) konfrontiert. Geliefert von unterschiedlichen Unternehmen, sind die Software-Systeme oftmals nicht miteinander kompatibel. Das erfordert separate Ausbildungsgänge für die Operateure und kostenintensive Updates in Millionenhöhe. Dazu kommt, dass mitunter Software nur in Kombination mit einer bestimmten Hardware funktioniert – was in Zeiten der schnellen Weiterentwicklung des IT-Sektors zu erheblichen Logistik-Problemen führen kann.

Vor diesem Hintergrund strebt die Marine langfristig die Nutzung eines standardisierten FüWES an, um sich aus der schwierigen Lage zu befreien. Fachkreisen zufolge stockt jedoch das Vorhaben, nachdem die Vergabe einer Studie zu dem Thema gerügt und daraufhin zurückgezogen wurde.

Trotzdem besteht die Hoffnung, dass in nicht allzu ferner Zukunft doch noch ein einheitliches FüWES eingeführt werden kann. Ein möglicher Anwärter könnte dabei der vom Marineunterstützungskommando (MUKdo) in Wilhelmshaven entwickelte so genannte „Standard FÜWES Nukleus MUKdo“ (StdFüWES NM) sein. Es handelt sich dabei um ein Produkt, das seine Reife als fortgeschrittenes Lagebilddarstellungssystem bereits im Rahmen von nationalen und internationalen Übungen erfolgreich nachgewiesen hat. Wie Korvettenkapitän Volker Voß im September auf dem DWT-Forum in Linstow erläuterte, arbeitet er gegenwärtig mit seinem Team daran, die Installation des StdFüWES NM auf einem Einsatzgruppenversorger (EGV) der Marine vorzubereiten.

Wie aus Fachkreisen zu hören ist, kann es auf dem EGV aufgrund teilweise veralteter Software und Hardware mittelfristig zu Einschränkungen der Nutzbarkeit des aktuellen Lagebildsystems kommen. Auch der Datenaustausch mit NATO-Partnern könnte dadurch erschwert werden.

Frameworks als Baukastensystem

In einem ersten Schritt will das Marineunterstützungskommando laut Korvettenkapitän Voß im Rahmen eines Pilotvorhabens den StdFüWES NM zunächst auf einen Einsatzgruppenversorger und gegebenenfalls in einem zweiten Schritt auf einen Tender bringen. Es handele sich um ein FüWES, das man auf Basis der beiden Frameworks MEDAS und SEDAP baue, erläutert Voß.  Der Marineoffizier beschreibt die beiden Frameworks als einen Bausteinkasten, aus dem man die entsprechenden Komponenten herausnimmt, die für das jeweilige konkrete System für die jeweilige Plattform oder Zielumgebung passend bzw. notwendig seien.

Wie er weiter erklärt, steht die Abkürzung SEDAP für Safety-critical Environment for Data Exchange And Process Scheduling. Oder auf Deutsch: Sicherheitskritisches Echtzeitnetzwerk zur Datenverteilung und Prozesssteuerung. Zusammen mit dem „Modularen, ergonomischen Dialog- und Anzeigesystem – kurz: MEDAS“ ergibt SEDAP dann MESE – eine „Militärische, erweiterbare Software Entwicklungsumgebung“.

 

 

 

 

 

 

An den neuen StdFüWES NM lassen sich problemlos Karten-Datenbanken anbinden. Ein weiterer Vorteil der Software liegt darin,  dass sie nich an eine bestimmte Hardware gebunden ist.  Foto: MUKdo

Daher gebe es auch nicht nur den einen StdFüWES NM, sondern immer jeweils konkrete Ausprägungen, sagt der Marine-Offizier. „Allen gemeinsam ist aber dennoch die gleiche Softwarebasis, beziehungsweise die gleichen Software-Frameworks, aus denen das ganze aufgebaut ist.“ Nach seiner Aussage verfügt das Softwarebaukastensystem MESE über standardisierte, ergonomische Human-Machine-Interfaces (HMI), Applikationen, Sensor- und Effektor-Schnittstellen sowie ein einheitliches Datenmodell. Dieses Baukastensystem ermögliche es in kürzester Zeit, neue Sensoren, Effektoren, Funktionen, Protokolle, Standards oder ähnliches zu integrieren. Bereits heute bestehe der Baukasten aus rund 170 Teilen beziehungsweise Software-Modulen, so Voß. Bisher sind seinen Worten zufolge fast 40 Konnektoren für die Anbindung zu Komponenten wie GPS, Navigation, Eloka und Radar programmiert worden. Das MESE-System ist dabei variabel skalierbar, wobei jede Pixelgröße und jeder Monitor nutzbar seien. „So kann problemlos ein 30-Zoll- gegen einen 32-Zoll-Monitor getauscht werden.“

Komplexität liegt in Programmierschnittstellen

Die Komplexität bei MESE liegt laut Voß in den Programmierschnittstellen oder API. Ähnlich Android sei es somit möglich, diese Software mit einem einheitlichen Look&Feel-HMI auf allen möglichen Plattformen sowie auf unterschiedlichster Hardware zu betreiben und über Apps funktional via Plug’n’Fight zu erweitern, sagt Voß und fügt hinzu: „Die Anwendungsmöglichkeiten der Software gehen weit über die Erstellung eines FüWES hinaus.“ Seiner Aussage zufolge setzen beispielsweise Bereiche der WTD81 die Software für andere Aufgaben wie die Lagedarstellung ein und entwickeln zum Teil auch selbst Software dafür.

Voß, der diplomierter Informatiker ist, hat zunächst in Eigeninitiative und später mit einem kleinen Team den StdFüWES NM programmiert und Schnittstellen zu anderen Systemen und Sensoren entwickelt. Getestet wurde nach Angabe des Software-Spezialisten unter anderem die Anbindung des RAM-Werfers an sein System. Simuliert wurde dafür der Angriff eines Flugzeuges. Dabei wurde der Track vom Radar eines zweiten Schiffes auf den StdFüWES NM übertragen, das den Abwehr-Flugkörper simuliert auslöste.

Software passt auf USB-Stick

Benutzt wird für das Baukastensystem lediglich Open-Source-Software, die teilweise durch Personal des MUKdo selbst gepflegt werden kann. Nach Aussage von Voß passt die MESE-Software auf einen USB-Stick. Die Installation der neuen Software – inklusive dem Betriebssystem Windows/Linux – dauere etwa eine Stunde. Dem Vernehmen nach kann eine solche Installation bei älteren Software-Produkten der Marine ein Vielfaches an Zeit in Anspruch nehmen.

In Zukunft könnten möglicherweise kleine Unternehmen, Start-Ups oder Studenten der Bundeswehr-Universitäten die so genannten Konnektoren und Oberflächenfragmente für den StdFüWES NM programmieren, glaubt Voß. Das Spektrum von Anwendungsmöglichkeiten ist nach Einschätzung des Marine-Offiziers sehr breit: „Ich habe bisher noch nichts gefunden, was man nicht anbinden kann.“

Voß sieht auch Potenzial für die Nutzung des StdFüWES NM auf Landfahrzeugen. So seien grundsätzlich auch Systeme wie der Schützenpanzer Puma über einen Konnektor anbindbar. Dieses könnte das Ziel der Bundeswehr unterstützen, ein möglichst hohes Maß an Interoperabilität der Teilstreitkräfte zu erreichen. Nach Einschätzung des Marine-Offiziers ist aus technischer Sicht eine kurzfristige Anbindung denkbar.

Selbst wenn das selbst entwickelte Software-Paket der Marine nicht flächendeckend eingeführt werden sollte, hätte sich die Programmierung gelohnt. Denn MESE könnte als Benchmark fungieren, um die von der Industrie angebotenen Lösungen zu bewerten. Die kommerziellen Angebote müssten sich dann der Marine-Software als überlegen erweisen, um ausgewählt zu werden.

Bereits in der Vergangenheit verfügte die Deutsche Marine über eigene Programmierkapazitäten, die allerdings mit Einführung des Beschaffungsvorgangs CPM nov abgebaut wurden. Mittlerweile gibt es allerdings Zweifler an diesem Vorgehen. Denn in der Privatwirtschaft hat sich an vielen Stellen gezeigt, dass die Auslagerung von Software-Programmierung an externe Dienstleister nicht die erhofften Spareffekte gebracht hat: Einerseits werden zur Steuerung der Externen kostbare Management-Kapazitäten gebunden. Andererseits verlängert sich der Prozessablauf und wird damit verlangsamt, während  die Ergebnisse mitunter erst nach vielen Iterationen den gewünschten Standard erreichen.
lah/18.11.2020