Mythen der Drohnenkriegsführung

Waldemar Geiger

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Der tägliche Einsatz von Drohnen in allen Dimensionen hat die Drohnenkriegsführung in den vergangenen dreieinhalb Jahren des Ukraine-Kriegs in den Mittelpunkt militärischer Diskussionen gerückt. Da ein Großteil der Diskutierenden die eigenen Eindrücke der Drohnenkriegsführung aus Videos gewinnt, die täglich hundertfach in den sozialen Netzwerken geteilt werden, hat sich jedoch auch eine gewisse Verzerrung in der Wahrnehmung der tatsächlichen Rolle von Drohnen eingeschlichen. Das Grundproblem eines Erkenntnisgewinns, der sich hauptsächlich auf solche Videos stützt, ist, dass diese nur eine Schlüssellochperspektive der täglichen Kriegsführung in der Ukraine präsentieren.

Auch wenn russische und ukrainische Streitkräfte jährlich mehrere Millionen Drohnen unterschiedlicher Bauart und Bestimmung mehr oder weniger erfolgreich im Kampf einsetzen, landen mehrheitlich nur Videos im Netz, die erfolgreiche Einsätze zeigen. Die Gefahr ist hier recht groß, dass dann auf Basis dieser einzelnen Videos falsche Rückschlüsse hinsichtlich der Gesamtheit der Drohnenkriegsführung gezogen werden. In diesem Zusammenhang sind in manchen Kreisen Mythen der Drohnenkriegsführung entstanden, die es auszuräumen gilt, weil diese immer wieder auch durch politische Entscheidungsträger ungeprüft übernommen werde

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Glaubt man den im Internet frei zugänglichen Videos, kann schnell der Eindruck gewonnen werden, dass Drohnen allmächtige Waffensysteme darstellen, die aufgrund technologischer Überlegenheit in Kombination mit einem günstigen Preis Gefechte ganz alleine für sich entscheiden können. Die Realität ist jedoch eine ganz andere: Drohnen sind mittlerweile zu einem mächtigen und unverzichtbaren Instrument des militärischen Truppenführers geworden, sie machen andere Waffensysteme jedoch nicht obsolet, sondern entwickeln ihr volles Potenzial erst in Kombination mit klassischer Waffentechnik. Zudem hat der Einsatz der Drohnentechnologie auch seine Grenzen.

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Grenzen der Drohnenkriegsführung

Die Drohnenkriegsführung der letzten Jahre hat mehrere technologische Sprünge durchlebt, die die Leistungsfähigkeit von Drohnen im Gefecht signifikant verbessert haben. In der aktuellen Phase des Ukraine-Krieges sollen Drohnen auf beiden Seiten für rund 70 bis 80 Prozent der menschlichen und materiellen Verluste verantwortlich sein. Erfahrene Beobachter der Kriegsgeschehnisse weisen jedoch darauf hin, dass diese Zahlen in direktem Zusammenhang mit der Art und Weise der jeweiligen Kriegsführung zusammenhängen. Die aktuell oftmals dominierende Sickertaktik, bei der nur einzelne Trupps oder Fahrzeuge angreifen, favorisiert den Drohneneinsatz gegenüber der Flächenwirkung der Artillerie. In den Fällen, wo die Angriffe durch größere Gruppierungen vorgetragen wurden, war die Feuerunterstützung der Artillerie für die Abwehrerfolge ausschlaggebend. Dies erklärt auch, warum beispielsweise ukrainische Kommandeure Berichten zufolge bis heute insbesondere gelenkte Artillerie und Panzerabwehrlenkflugkörper gegenüber FPV-Drohnen favorisieren.

Unabhängig von den taktikspezifischen Leistungsgrenzen der Drohnenkriegsführung bleiben Wetter, Infrastruktur, Bewuchs und Tageszeit die begrenzenden Hauptfaktoren für die Wirksamkeit des Drohneneinsatzes.

Sowohl Aufklärungs- als auch Wirkdrohnen können je nach Typ ab einer bestimmten Windstärke nicht mehr zuverlässig betrieben werden. Auch Nebel und Regen limitieren den Drohneneinsatz oder machen diesen gänzlich unmöglich. Zudem erschwert starke Kälte die Nutzung vieler Systeme bzw. verkürzt die Reichweite erheblich.

Abhängig von der Jahreszeit und Region kann es daher Zeiträume geben, an denen Drohnen über mehrere Tage oder sogar länger gar nicht oder nur teilweise eingesetzt werden können. Überdies muss bedacht werden, dass die jeweiligen Drohnen sich in den wetterspezifischen Flugleistungen unterscheiden. Je schlechter das Wetter, desto weniger Systeme können sicher und zuverlässig betrieben werden.

Da ein Großteil der Systeme zudem über keine Nachtsichtfähigkeit verfügt, muss zwischen einer Drohnenkriegsführung in der Nacht und am Tag unterschieden werden. Insbesondere viele der sogenannten FPV-Wirkdrohnen sind nur am Tag einsetzbar. Die Drohnenbedrohung am Tag ist daher eine andere als in der Nacht.

Schlussendlich sind Drohnen für die Auftragserfüllung auf eine direkte Sichtverbindung – zumeist aus der Vogelperspektive – zum Ziel angewiesen. Rauch und künstlicher Nebel sind daher geeignet, um den Einsatz von Drohnen in einem räumlich und zeitlich sehr begrenztem Kontext zu verhindern. Ähnliches gilt für Vegetation und Infrastruktur, wobei hier auch Jahreszeiten eine Rolle spielen können. Während Truppen und Waffensysteme auf freiem Feld mittels Drohnen vergleichsweise einfach aufgeklärt werden, können dichte Blätterdächer und eine dichte Bebauung – wie sie beispielsweise in Großstädten anzutreffen ist – die Effektivität der Drohnenaufklärung minimieren, insbesondere dann, wenn der Gegner die Infrastruktur entsprechend modifiziert, etwa durch Hausdurchbrüche, Netze und Sichtschutzmittel.

Das transparente und gläserne Gefechtsfeld ist zwar Realität, jedoch bei weitem nicht allumfassend. Abhängig von Wetter, Bewuchs und Bebauung des jeweiligen Operationsraumes sowie der Tageszeit bleiben signifikant große Teile des Gefechtsfeldes weiterhin verborgen. Maßnahmen der Drohnenabwehr sind zudem dazu geeignet, die Transparenz der für Drohnen zugänglicher Gefechtsabschnitte zu verringern oder gänzlich zu verhindern.

Mythen der Drohnenkriegsführung

Künstliche Intelligenz (KI) macht Drohnen zu günstigen und autonomen „Killerinstrumenten“, gegen die man sich nicht oder nur schwer schützen kann, weil sie sich in einem breiten und tiefen Gefechtsabschnitt gleich in ganzen Schwärmen auf Ziele stürzen.

So oder so ähnlich kann man das Bild in einem Satz subsumieren, das in vielen Köpfen herumgeistert, wenn bereits an die heutige Drohnenkriegsführung gedacht wird. Die Realität ist jedoch differenzierter, denn fast keine Aussage des Satzes trifft so in der Gänze zu.

Intelligenz

Tatsächlich ist es so, dass mittlerweile sehr viel Künstliche Intelligenz – oder zumindest etwas, was im allgemeinen Sprachgebrauch als KI bezeichnet wird – selbst bei der Nutzung vergleichsweise kostengünstiger Systeme zum Einsatz kommt. Die genutzte KI-Technologie ist jedoch weit davon entfernt, die Systeme „intelligent“ oder autonom werden zu lassen. Vielmehr sind die KI-Applikationen mit Assistenzsystemen zu vergleichen, wie man sie beispielsweise aus modernen Fahrzeugen kennt. Anstatt jedoch wie bei einem Parkassistenten, den Fahrer beim Rückwärtseinparken in eine Parklücke zu unterstützen, unterstütz KI-Technologie in Drohnen beispielsweise diese beim Zielendanflug, wenn die Verbindung zum Steuerer gestört ist, beim Abfliegen einer vorbestimmten Flugroute, ohne dass der Pilot eingreifen muss oder bei der Positionsbestimmung in einer Umgebung mit gestörtem Satellitennavigationsempfang.

Insbesondere die erfolgreiche Steuerung der millionenfach eingesetzten FPV-Drohnen ist maßgeblich von den Fähigkeiten des Piloten abhängig. Zumindest im Jahr 2025 ist die Regel, dass grundsätzlich mindestens eine Person für die Steuerung einer Drohne notwendig ist. Ganz besonders gilt dies für Lichtwellenleiter-gesteuerte Systeme, die zwar keine Anfälligkeit bezüglich des elektronischen Kampfes haben, dafür aber in der Steuerung signifikant komplexer sind, weil stetig Acht gegeben werden muss, dass Flughindernisse den eigenen Lichtwellenleiter nicht kappen.

Autonomie

Es wird zwar an Technologien gearbeitet, die es zukünftig ermöglichen sollen, dass ein Bediener mehrere unterschiedliche Drohnen parallel mittels Erteilung von Aufträgen steuern kann, in den breiten und vollumfänglichen Fronteinsatz haben es diese Systeme bis dato jedoch aus unterschiedlichsten Gründen nicht geschafft. Systeme, die in der Lage sind, komplexe Missionen gänzlich ohne menschliche Kontrolle genauso gut zu erfüllen, wie es erfahrene Drohnen-Piloten können, sind heute nur in wenigen Stückzahlen vorhanden. Es kann gut sein, dass solche Drohnen in Zukunft das Gefechtsfeld entsprechend prägen können. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch hoch, dass solche wirklich autonomen Systeme aufgrund der benötigten Autonomie-Kits signifikant teurer sein werden, als dies aktuell der Fall ist. Man muss in diesem Zusammenhang verstehen, dass Labor- und Testbedingungen im Vergleich zu den realen Bedingungen des Gefechtsfeldes, was Komplexität, Dynamik und Vielfallt angeht, zwei gänzlich unterschiedliche Welten sind. Unter anderem diese Faktoren stellen eine große Herausforderung dar, die Technologien aus dem Labor auf das Gefechtsfeld zu operationalisieren. Die Akzeptanz in der Truppe ist meistens erst dann gegeben, wenn ein neues System eine Aufgabe genauso gut oder besser erfüllt als ein derzeit in Nutzung befindliches System. Die Technologie ist heute aber noch nicht so weit, um einen gut ausgebildeten Drohnen-Piloten mit seiner breiten Einsatzfähigkeit gänzlich zu ersetzen, auch wenn der technologische Entwicklungsprozess rasant fortschreitet. Eine hochautomatisierte Drohne mag heute autonom einen Panzer treffen, ein guter Pilot trifft die Schwachstelle.

In diesem Zusammenhang ist wichtig, mit einem weiteren Mythos aufzuräumen, wonach die Drohnenkriegsführung den Personaleinsatz in den Streitkräften reduziert. Zumindest angesichts des aktuellen technologischen Entwicklungszustandes ist es für die Ukraine oder Russland ganz und gar nicht der Fall. Ein Drohnenteam – das nur eine Drohne, egal ob für den Angriff oder die Abwehr, gleichzeitig einsetzen kann – besteht oftmals aus mehreren Personen. Neben dem Piloten, wird oftmals ein Co-Pilot benötigt, der bei der Navigation unterstützt, dazu ein Techniker, der den Umgang mit der Munition übernimmt, sowie Personal für die Sicherung. Es hilft in vielen Fällen auch wenig, wenn einzelne der Aufgaben in Personalunion übernommen werden können. Erschwerend kommt hinzu, dass die Drohnenteams die jeweiligen Einsatzräume nicht gänzlich motorisiert erreichen können. Die letzten Kilometer müssen, damit die Teams nicht durch den Feind aufgeklärt werden, zumeist zu Fuß zurückgelegt werden. Die Drohnenteams müssen hier dann eine Vielzahl von Drohnen, der dazugehörigen Munition sowie weiterer Ausrüstung mit eigener Kraft mitführen, alleine dafür sind mehrere Personen notwendig, wenn der Einsatz durchhaltefähig gestaltet werden soll und ständige Bewegungen zur Nachversorgung vermieden werden sollen.

Sicherlich könnte der Start der Drohnen weiter in den rückwärtigen Raum verlegt werden, um die Gefahr der Aufklärung und Bekämpfung der Drohnentrupps zu verringern, jedoch nicht ohne den Preis der verringerten Effektivität der Systeme. Die Drohnen brauchen dann länger, um das Feindgebiet erreichen und dort wirken zu können. Zudem wird die durch Energie und Kommunikationsreichweite begrenzte Einsatzreichweite der Drohnen verkürzt.

Gegenwärtig ist es so, dass der Personalbedarf mit zunehmender Drohnenkriegsführung nicht abnimmt, sondern eher zunimmt. Aus der Ukraine wird von einzelnen Gefechtsabschnitten berichtet, an denen teilweise mehr Personal für den Drohneneinsatz tätig ist als Infanteristen vor Ort sind. Interessant ist zudem, dass körperliche Fitness und kognitive Belastung für den Drohneneinsatz aktueller Ausprägung einen ähnlichen Stellenwert einnehmen, wie für den infanteristischen Kampf.

Schwarmfähigkeit

Die weiter oben angesprochenen Autonomie-Kits wären als Grundbaustein für eine tatsächliche Schwarmfähigkeit notwendig. Eben jene Schwarmfähigkeit stellt einen weiteren Mythos dar.

Dieser technologische Entwicklungssprung wird seit Beginn des Ukraine-Kriegs immer wieder als der nächste große Wurf der Drohnenkriegsführung angepriesen, der in Kürze einsatzfähig sein soll. Dieses Versprechen wurde jedoch bis heute nicht eingelöst. Unter echter Schwarmfähigkeit im Zusammenhang mit der Drohnenkriegsführung versteht man in den Streitkräften deutlich mehr als nur den Formationsflug, bei dem eine größere Zahl von Drohnen gemeinsam den gleichen Weg abfliegt und gemeinsam ein Ziel angreift.

Als Blaupause für eine echte Schwarmfähigkeit können komplexe Einsatzszenare der Luftkriegsführung herangezogen werden, bei der mehrere Piloten teilweise in gleichen, teilweise aber auch in unterschiedlichen Flugzeugen zusammenarbeiten, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Jedem der Piloten ist dafür eine spezifische Rolle zugedacht, die er kennt und erfüllen muss. Fällt einer aus, weiß der Rest ganz genau, wer in welcher Kapazität einspringen muss, damit der Missionserfolg nicht gefährdet wird. Grundvoraussetzung für diese Fähigkeit ist neben eines gewissen „Intelligenz“- und Autonomieniveaus der einzelnen Drohnen auch eine Möglichkeit des permanenten Informationsaustausches. Dafür bedarf es nicht nur einer Möglichkeit Daten und Befehle miteinander auszutauschen. Die Drohnen müssten auch in der Lage sein, die Situation in Echtzeit beobachten und beurteilen zu können und diese Einzelbeobachtungen bzw. Beurteilungen zu einem einheitlichen Gesamtlagebild zusammenzutragen.

Konkret kann man sich das so vorstellen, dass ein Drohnenschwarm den Auftrag bekommt, ein bestimmtes Zielgebiet anzufliegen und dort Ziele gemäß einer spezifischen Rangfolge zu bekämpfen. Der Mensch drückt dafür auf einen Knopf und der Rest erfolgt dann gänzlich automatisiert. Eine Anzahl x an Drohnen erhebt sich daraufhin in die Lüfte und geht dem Einsatzbefehl nach. Der Schwarm kennt dabei jede einzelne Drohne und deren spezifische Fähigkeiten. Jede Drohne im Schwarm kennt ihre prioritäre Rolle und weiß ganz genau, wer beispielsweise aufklären soll, wer für die Bekämpfung vorgesehen ist und wer sich in bestimmten Situationen opfern muss, um dem Rest des Schwarms die Auftragserfüllung zu ermöglichen. Fällt eine Drohne unvorhergesehen aus, egal ob aufgrund einer technischen Störung oder Feindeinwirkung, organisiert sich der Schwarm umgehend neu und teilt sich selbst gegebenenfalls neue Rollen zu.

Was sich auf den ersten Blick nach Science-Fiction anhört, wird in der Tat gerade durch unterschiedliche Unternehmen entwickelt. Einige Teilaspekte der Schwarmfähigkeit sind bereits sehr weit fortgeschritten und operationalisiert. Wann diese Funktionalität in Gänze so verfügbar sein wird, dass sie den Herausforderungen des Gefechtsfeldes (unklare Lage, Störmaßnahmen, feindliche Gegenmaßnahmen, …) zuverlässig gewachsen ist, steht in den Sternen.

Preis-Leistungsverhältnis

Nachdem die Aspekte der Intelligenz, Autonomie und Schwarmfähigkeit besprochen wurden, werden nun die Punkte Preis-Leistungsverhältnis und Abwehrfähigkeit diskutiert.

Wirkdrohnen – insbesondere FPV-Drohnen, die nur wenige hundert US-Dollar kosten – gelten allgemein als besonders günstige Wirkmittel. Gleichwohl ist auch diese These so nicht voll zutreffend. Die FPV-Drohne an sich mag zwar günstig sein, die „Unzuverlässigkeit“ dieser Wirkmittel wird bei solchen Rechnungen nur selten oder gar nicht eingepreist.

Unterschiedliche Berichte aus der Ukraine und Russland deuten darauf hin, dass aufgrund der umfänglichen Störmaßnahmen und der generellen Problematik eines möglichen Kommunikationsabrisses im Endanflug nur ein Teil der gestarteten FPV-Drohnen überhaupt das geplante Ziel erreicht. Je nach Bericht und Können der Piloten spricht man davon, dass im Durchschnitt nur 30 bis 40 Prozent das Ziel treffen. Zum Vergleich: Bei ausgebildeten Panzervernichtungstrupps geht man von einer Trefferquote von rund 90 Prozent aus, mit dem Nebeneffekt, dass ein Treffer fast immer mit einem Totalausfall des Panzers endet.

Rechnet man die angesprochene Trefferquote mit ein, wäre der effektive durchschnittliche Stückpreis der FPV-Drohnen rund drei bis vier Mal höher. Hier ist jedoch noch nicht berücksichtigt, dass je nach Zielkategorie mehrere FPV-Drohnen für die Zielvernichtung notwendig sind. Insbesondere für Kampfpanzer, die mit zusätzlichem passivem Schutz modifiziert wurden, müssen zumeist von mehreren Kampfdrohnen getroffen werden, bis diese immobilisiert oder zerstört werden. So berichtet beispielsweise der Kriegsforscher Rob Lee, ehemaliger Offizier des U.S. Marine Corps und Senior Fellow beim Foreign Policy Research Institute’s Eurasia Program, der mehrmals im Jahr Front-Forschungsreisen in der Ukraine durchführt, in einer Ende Oktober erschienen Folge des Podcasts China Talk von einer Begebenheit, in der zwei besonders gut gegen Drohnen geschützte Kampfpanzer von insgesamt 60 FPV-Drohnen getroffen wurden. Während einer der Kampfpanzer zerstört werden konnte, ist der zweite nur aufgrund eines Getriebeschadens ausgefallen.

„Bei gepanzerten Angriffen stammen mehr als 50 Prozent der Verluste von FPVs oder Minen, die von Drohnen abgeworfen wurden. In diesem Zusammenhang sind einzelne Beispiele wichtig“, erklärt der ehemalige USMC-Offizier in dem Podcast. „Im Mai stand die 20. Mechanisierte Brigade zwei Schildkrötenpanzern gegenüber – gut gebaut von ehemaligen Wagner-Kämpfern. Die Brigade erzählte mir, dass mehr als 60 FPVs nötig waren, um diese beiden Panzer zu stoppen, wobei der erste Panzer nicht einmal durch FPVs gestoppt wurde, sondern durch sein eigenes Getriebe, das explodierte. Der Drohnen-Kommandant sagte, wenn das nicht passiert wäre, hätte der Panzer es bis zur Frontlinie geschafft – so gut war er gebaut. Es gibt ein Video von dem Panzer, auf dem viele FPVs in dem externen Gitter stecken, von denen jedoch keine den Panzer aufgehalten hat“, so Lee weiter.

Unterm Strich sind derzeit zwar die Masse der Ausfälle auf beiden Seiten des Ukraine-Krieges auf den Drohneneinsatz zurückzuführen, es ist jedoch wichtig zu wissen, dass nicht jeder Drohneneinsatz automatisch mit einem bekämpften Ziel gleichzusetzen ist. Mit zunehmender Kriegsdauer steigt auch die Erfahrung bei den Soldaten, wie man sich effektiver gegen Drohnen schützen kann. Was den tatsächlichen Stückkostenpreis erhöht. Drohnen sind und bleiben weithin günstig, aber doch signifikant teurer als oftmals mit Verweis auf den „einfachen“ Stückpreis kolportiert wird.

Abwehrfähigkeit

Schlussendlich bleibt noch der Mythos, dass man sich vor Drohnen kaum oder nur schwer schützen kann. Als Begründung für die Behauptung wird oftmals das Argument ins Feld geführt, dass Drohnen so günstig seien und daher praktisch jegliche Abwehrmaßnahme übersättigen können. Häufig wird dabei auch auf die sogenannte Todeszone verwiesen, einen rund 40 km tiefen Gefechtsstreifen entlang der Frontlinie, in dem Drohnen alles und jeden bekämpfen würden. Die Behauptung, dass es diesen Gefechtsstreifen gibt, ist korrekt. In der allgemeinen Diskussion sowie im Großteil der Berichterstattung wird jedoch suggeriert, dass es sich um eine „homogene“ Bedrohungslage in dieser „Todeszone“ handeln würde.

Wie jedoch eingangs aufgeführt, sorgen unterschiedliche Wetterbedingungen, Jahreszeiten sowie Abwehrmaßnahmen für eine generell schwankende Bedrohungslage. Hinzu kommt der Umstand, dass die tatsächliche Bedrohung abhängig von der feindlichen Schwerpunktbildung sowie dem Abstand zur Front variiert. Während beispielsweise in der unmittelbaren Frontnähe das Risiko für quantitativ gesehen größere Drohnenangriffe recht hoch ist, sinkt dieses Risiko mit zunehmendem Abstand.

Drohnen an sich sind eine vergleichsweise einfache Technologie, genau dieser Umstand bildet die Basis für die aktuelle Drohnenkriegsführung. Sie legt aber auch den Grundstein für eine „einfache“ Abwehr dieser Waffensysteme. Die Klassifizierung „einfach“ bezieht sich in diesem Kontext nicht auf den Umstand, dass die Aufgabe simpel wäre, sondern die Tatsache, dass die Drohnenbedrohung durch einfache Mittel – beispielsweise Fischernetzte die über die Stellung oder Straßen gespannt werden – effektiv gemindert werden kann.

Generell ist es so, dass im Ukraine-Krieg mit zeitlichem Verzug parallel zu der Entwicklung der Drohnenkriegsführung auch eine Entwicklung der Drohnenabwehr zu beobachten ist. Drohnen sind beispielsweise vergleichsweise langsame und gleichzeitig laute Waffensysteme. Sie lassen sich daher akustisch einfacher aufklären und durch eine breite Palette an Wirkmitteln – die derzeit jedoch nicht in der Breite in der Ukraine zur Verfügung stehen – bekämpfen. Seit rund einem Jahr werden beispielsweise zunehmend Abfangdrohnen eingesetzt um Aufklärungsdrohnen, Loitering Munition Systeme oder Langstrecken-Strike-Drohen wie etwa die russische Geran-2 abzuwehren. Mit der Weiterentwicklung dieser Technologie und dem Aufbau entsprechender Produktionskapazitäten ist es nicht ausgeschlossen, dass solche Systeme zukünftig auch gegen kleinere Aufklärungsdrohnen und FPV-Strike-Drohnen zum Einsatz kommen könnten, insbesondere da Äußerungen von Herstellern von Abwehrdrohnen auf Entwicklungen in diese Richtung schließen lassen.

Mit der „Renaissance“ der Flugabwehrtruppen – deren Weiterentwicklung nach Ende des Kalten Krieges sowohl im Westen als auch im Osten vernachlässig wurde (Deutschland hat diese Fähigkeit gänzlich aufgegeben), stehen zukünftig zudem weitere auf die Abwehr von Drohnen spezialisierte Kräfte und Mittel bereit, die die Drohnenabwehr im Vergleich zum aktuellen Stand auf ein neues Niveau heben werden.

Fazit

Drohnen unterschiedlicher Varianten und Größe bilden eine wichtige Stütze der modernen Kriegsführung. Der effektive Einsatz solcher Systeme ist entscheidend für den Erfolg militärischer Operationen, gleichwohl sind die Drohnen bei weitem nicht allmächtig. Wie in dem Beitrag beschrieben sorgen viele Mythen rund um die Drohnenkriegsführung für ein verzerrtes Bild dieser Waffengattung, deren Erfolgsbilanz heute immer noch sehr stark von dem jeweiligen Piloten und teilweise nicht beherrschbaren (Umwelt-)Faktoren abhängt, wie erläutert.

Mit fortschreitender technologischer Entwicklung dürften insbesondere Künstliche Intelligenz sowie weiterer für den Schwarmeinsatz wichtiger Technologien den Masseneinsatz der Systeme unabhängig von der menschlichen Steuerungsexpertise begünstigen. Gleichwohl werden auch diese Entwicklungen die physikalischen Grenzen des Drohneneinsatzes nicht aushebeln können. Zudem darf angenommen werden, dass diese Technologien sicherlich auch für die Entwicklung leistungsfähigerer Drohnenabwehrsysteme genutzt werden, die einer Dominanz der Drohnenkriegsführung entgegenwirken werden.

Waldemar Geiger