Missiles, Drohnen und Missile-Drohnen? Eine Einführung in die Flugkörperklassifizierung

Fabian Hoffmann

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Die zunehmende Bedeutung von Missiles (im Deutschen teilweise als Flugkörper bezeichnet) und Drohnen im Krieg in der Ukraine und in anderen jüngeren Konflikten hat diese Systeme aus dem Expertendiskurs in den öffentlichen Raum gebracht. Eine Folge davon ist, dass begriffliche Klarheit darüber fehlt, was eine Missile von einer Drohne unterscheidet — und wie verschiedene Missile-Typen miteinander zusammenhängen. Dieser Beitrag versucht, diese Frage zu klären, indem er eine Einführung in die Klassifikation von Missiles bietet.

Missile-Geschosse

Der Begriff „Missile“ ist keineswegs eine moderne Erfindung. (Der Begriff lässt sich nicht befriedigend ins Deutsche übersetzen: „Flugkörper“ erfasst nur einen Teil des historischen und konzeptuellen Bedeutungsumfangs, während „Rakete“ zu eng ist. Der englische Begriff wird daher in diesem Beitrag beibehalten.) Seine früheste bekannte Verwendung im Englischen datiert auf das Jahr 1606 und bezeichnet ein Geschoss, das gegen einen Gegner geworfen oder geschleudert wird. Historiker haben den Begriff rückwirkend auf antike und mittelalterliche Fernwaffen angewendet, darunter Schleudergeschosse, Speere und Pfeile.

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Das NATO-Glossar definiert eine Missile als „eine selbstangetriebene Munition, deren Flugbahn oder Kurs während des Fluges gesteuert wird.“ Zwei Elemente sind dabei entscheidend: Eine Missile ist selbstangetrieben, ob durchgehend oder nur während eines Teils ihres Fluges, und sie muss einer gesteuerten, nicht zufälligen Flugbahn folgen. Eine durchgehende Steuerung ist nicht erforderlich.

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Diese Definition ist bewusst weit gefasst, und diese Breite hat Konsequenzen. Sie bedeutet, dass das, was heute gemeinhin als „Langstrecken-Drohne“ bezeichnet wird, eindeutig in die Kategorie der Missiles fällt: ein selbstangetriebenes Luftfahrzeug, das einen Gefechtskopf auf gesteuertem Weg zu einem Ziel befördert. Die Bezeichnung „Drohne“ fügt in diesem Zusammenhang definitorisch nichts hinzu, was „Missile“ nicht bereits erfasst.

Die jüngere Tendenz, etablierte Missile-Typen — allen voran Marschflugkörper — als Drohnen umzukategorisieren, verkehrt das Verhältnis in sein Gegenteil. „Missile“ ist die übergeordnete Kategorie mit tiefen historischen und institutionellen Wurzeln. Die Langstrecken-Drohne etablierte sich als gebräuchliches Kriegsmittel erst Jahrzehnte nachdem diese Kategorie und ihre Definitionen fest verankert waren. Was nach jeder bekannten Definition als Missile gilt, als Drohne umzubezeichnen, bedeutet, dass unscharfer Sprachgebrauch sich zur Konvention verfestigt. Diesem Muster sollte man entgegenwirken, bevor es Analyse und Politik verzerrt — etwa im Bereich der Exportkontrollregime.

Typen von Missile-Systemen

Langstrecken-Drohnen wie die Shahed-136 und die Geran-2 sind demnach im Wesentlichen Missiles, unterscheiden sich jedoch bedeutsam von dem, was wir traditionell unter Marschflugkörpern verstehen. Um diese Unterschiede zu klären, bedarf es einem kurzen Exkurs in die Klassifizierungslehre der Missile-Systeme.

Missiles lassen sich grundsätzlich in zwei antriebsbasierte Kategorien unterteilen: luftatmende und nicht-luftatmende Designs. Zur letzteren Kategorie gehören ballistische und quasi-ballistische Raketen, Raketenartillerie, Hyperschall-Gleitflugkörper (HGV), die meisten Luft-Luft-Flugkörper sowie einige Luft-Boden-Flugkörper, etwa raketengetriebene Anti-Radar-Flugkörper. Die Antriebseinheit dieser Missile-Systeme führt das Oxidationsmittel an Bord mit und ist daher unabhängig von der umgebenden Luft. Luftatmende Missiles hingegen nutzen die Umgebungsluft als Oxidationsmittel und müssen während ihres gesamten Fluges in der Atmosphäre verbleiben. In diese letztere Kategorie fallen sowohl Marschflugkörper als auch Langstrecken-Drohnen, die sich dem Grad nach, nicht der Art nach unterscheiden.

Marschflugkörper sind auf höhere Letalität und Überlebensfähigkeit ausgelegt: Sie integrieren fortschrittliche Lenksysteme für die Mittelstrecken- und Endphasenführung, führen schwerere und technisch ausgefeiltere Gefechtsköpfe mit und nutzen Triebwerke, die für hohe Unterschall- bis Überschallgeschwindigkeiten optimiert sind. Langstrecken-Drohnen tauschen Fähigkeit gegen Kosten. Einfachere Antriebe, weniger ausgefeilte Navigation und kleinere Gefechtsköpfe reduzieren Letalität und Überlebensfähigkeit erheblich, doch die daraus resultierende Entbehrlichkeit und Massenproduktionsfähigkeit machen sie gut geeignet für Sättigungsangriffe. Die geringere Drohnengeschwindigkeit erfordert zudem größere aerodynamische Oberflächen, was zu einem breiteren, weniger stromlinienförmigen Design führt als bei Marschflugkörpern.

Dennoch ist die Grenze zwischen einer hochwertigen Langstrecken-Drohne und einem niederschwelligen Marschflugkörper unscharf. Der Einbau eines Turbostrahltriebwerks, die Integration eines Endphasennavigationssystems und die Erhöhung der Gefechtskopfkapazität — Schritte, die Russland bei einigen seiner Langstrecken-Drohnenvarianten unternommen hat — verschieben das Fähigkeitsprofil schrittweise in Richtung eines Marschflugkörpers.

Dennoch gibt es gute Gründe, die Unterscheidung zwischen Marschflugkörpern und Langstrecken-Drohnen als eigenständige Designkategorien beizubehalten. Wer darauf besteht, beide zu einer einzigen Kategorie zusammenzufassen, sollte taxonomisch konsequent sein und Langstrecken-Drohnen als eine Art kostengünstiger Marschflugkörper behandeln, und nicht umgekehrt Marschflugkörper als hochwertige Drohnen. Die Marschflugkörper-Kategorie ist jahrzehnteälter als die Langstrecken-Drohne und trägt ein gut etabliertes definitorisches Gewicht.

Missile-Drohnen?

In den vergangenen zwei Jahren haben Analysten und Beobachter des Ukrainekriegs eine weitere Verwirrungsschicht hinzugefügt, indem sie bestimmte Waffensysteme als „Missile-Drohnen“ bezeichnet haben — die Palianytsia und die Peklo sind die prominentesten Beispiele.

Diese Bezeichnung ist jedoch wenig hilfreich. Beide Systeme nutzen Turbostrahltriebwerke, erreichen Geschwindigkeiten oberhalb des für Langstrecken-Drohnen üblichen Bereichs, führen vergleichsweise größere Gefechtsköpfe mit (zumindest im ukrainischen Kontext) und weisen ein optisches Design auf, das eher einem Marschflugkörper als einer Drohne ähnelt. Ihre Einsatzprofile folgen demselben Muster. Es handelt sich um Mini-Marschflugkörper, und sie sollten als solche bezeichnet werden.

Natürlich ist es nicht sinnvoll, sich zu sehr in derartige taxonomische Debatten zu verstricken. Dennoch: Da Missiles von einem immer breiteren Publikum diskutiert werden, ist sprachliche Präzision in der Missile-Terminologie sowohl hilfreich als auch notwendig. Wer sich tatsächlich für Missile-Definitionen begeistert, dem sei ein weitaus umfassenderer Beitrag zu diesem Thema empfohlen, der für eine EU-finanzierte Lerneinheit zu Missiles verfasst habe. Dieser ist hier zugänglich.

Autor: Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 26. April 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.