MBDA mit neuem Ansatz und NNbS vor nächstem Meilenstein

Der Ukrainekrieg hat die zahlreichen Ausrüstungslücken der Bundeswehr stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Es fehlen nicht nur Funkgeräte und Panzer, auch die bodengebundene Luftverteidigung gilt als schwach ausgestattet. Während für die mobilen Truppen der Landstreitkräfte nach Auflösung der Heeresflugabwehr bis auf ein paar Ozelots mit dem Flugkörper Stinger kein Begleitschutz mehr vorhanden ist, wurden die Patriot-Verbände der Luftwaffe nach Ende des Kalten Krieges von 36 auf nun zwölf Staffeln reduziert. Von diesen sind nur zehn operativ im Einsatz. Dabei zeigen die Aktivitäten der
russischen Streitkräfte, dass sie neben Kampfflugzeugen über ein breites Portfolio an ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und sogar Hyperschallwaffen verfügen.

Am Wochenende vor dem Einmarsch in die Ukraine hat Russland seine Fähigkeiten mit dem Test-Verschuss von insgesamt zehn unterschiedlichen Raketen, darunter Interkontinentalraketen und Hyperschallflugkörper, der Welt vor Augen geführt. In zahlreichen Videos lassen sich die verheerenden Wirkungen von Raketentreffern in Städten wie Charkiw oder Mariupol beobachten.

Diese Entwicklung wird auch in Fachkreisen intensiv verfolgt. Die in Kaliningrad stationierten russischen Boden-Boden-Lenkwaffen SS-26 „Iskander“ seien eine Bedrohung für Deutschland, sagt Guido Brendler, Head of Sales & Marketing bei MBDA Deutschland. „Berlin liegt in ihrer Reichweite.“ Vor dem Hintergrund dieser Bedrohung und des Zeitdrucks bei der Beschaffung will MBDA als deutscher Flugkörper- und Luftverteidigungsspezialist seine Expertise einbringen. So schlägt Brendler in einem ersten Schritt den Ausbau von Fähigkeiten der in der Bundeswehr vorhandenen Patriot-Einheiten vor, wie er im Gespräch mit „Europäische Sicherheit & Technik“ erläuterte. Seiner Einschätzung nach wäre es sinnvoll, den Bestand an Abwehrflugkörpern auszubauen. Dabei denkt er an die von Raytheon produzierten Raketen des Typs PAC-2 GEM-T und die von Lockheed Martin hergestellten PAC-3 MSE. Aber auch andere Möglichkeiten könnten je nach Forderungslage der Bundeswehr in Betracht kommen. Die PAC-Missiles waren als Effektoren für das Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS) vorgesehen, das MBDA zusammen mit Lockheed Martin auf Basis des amerikanisch-deutsch-italienischen Projektes MEADS konzipiert hatte. Letztendlich wurde das Angebot des Firmenkonsortiums für TLVS jedoch nicht mit dem Verteidigungsministerium endverhandelt und das Projekt – wohl nicht zuletzt aus Kostengründen – auf Eis gelegt.

Da für die Umsetzung von TLVS noch weitere Entwicklungsarbeiten erforderlich wären, bewertet MBDA die Patriot-Lösung kurzfristig vor dem Hintergrund der Bedrohung aus Russland als zielführender. Überdies haben sich Länder wie Polen, die Schweiz oder die Niederlande, die Interesse an TLVS gezeigt hatten, mittlerweile für Patriot entschieden.

Nach Einschätzung von MBDA-Manager Brendler könnte neben neuen und mehr Flugkörpern sowie Startgeräten auch die Radarkapazität des Patriot-Systems verbessert werden. So verfügen die gegenwärtig für Patriot genutzten Kombiradare für Suche und Feuerleitung nur über einen Abdeckungsbereich von etwa 120 Grad. Um einen Rundumschutz für eine Stadt oder eine strategische Bundeswehrliegenschaft zu realisieren, wären so drei Patriot-Staffeln erforderlich.

Das von der U.S. Army in Zukunft genutzte Patriot-Radar GhostEye von Raytheon kann dagegen das Umfeld im Radius von 360 Grad überwachen und hat laut Hersteller eine deutlich größere Reichweite. Damit dürfte auch die Lenkwaffe PAC-3 MSE, die mit ihrer Hit-to-Kill-Fähigkeit und hohen Leistungsreserven besonders für die Bekämpfung von ballistischen Raketen geeignet ist, besser geführt werden können als mit dem bisherigen Sensor.

Damit ein wirklicher Schutzschirm über dem eigenen Land und den Streitkräften aufgezogen wird, denkt Brendler noch weiter: „Für uns ist offensichtlich, dass wir über ein integriertes Luftverteidigungssystem sprechen müssen“, sagt er. Er geht davon aus, dass alle zur Luftverteidigung geeigneten Sensoren und Effektoren miteinander verbunden werden müssen. Und in Entwicklung eines dafür notwendigen Führungssystems habe sein Unternehmen, aber auch die Bundeswehr in den vergangenen Jahren erhebliche Ressourcen im Rahmen von TLVS investiert. „Wir haben gemeinsam viel Geld ausgegeben, warum sollen wir das jetzt nicht nutzen?“

Dabei geht es Brendler auch um die Abwehr von neuen Bedrohungen, zuallererst durch sogenannte Hyperschall-Flugkörper sowie manövrierfähige aeroballistische Raketen wie etwa die „Kinschal“ und Wiedereintrittskörper, bei denen Russland weltweit führend ist. „Hyperschall ist nichts Neues für uns“, betont er. Schon seit mehr als zehn Jahren beschäftige man sich am MBDA-Standort Schrobenhausen mit der Thematik.

Hyperschallwaffen, aber auch moderne aeroballistische Raketen und Wiedereintrittskörper erreichen eine Geschwindigkeit von mehr als Mach 5 und können beim Zielanflug in einem großen Höhenband beliebige Manöver ziehen, die nur sehr schwer vorauszusehen sind. Dagegen kann die Bahnkurve einer ballistischen Rakete relativ exakt vorausberechnet werden, was den effektiven Einsatz von Abfangflugkörpern möglich macht.

Laut Brendler bietet sich die von MBDA für TLVS entwickelte modellbasierte Architektur für die Luftverteidigung auch deshalb an, weil dabei auf Interoperabilität und die sogenannte Plug-and-Fight-Fähigkeit großer Wert gelegt wurde. Das heißt, dass Komponenten und Systeme ohne großen Aufwand miteinander verknüpfbar sind. So können nach MBDA-Einschätzung zukünftig notwendige Einzelkomponenten, wie etwa neu entwickelte Effektoren, direkt in einem mitwachsenden Gesamtsystem integriert werden, was Kosten spart und viele Synergien erst nutzbar macht. Nur so lasse sich ein wirklich integriertes Luftverteidigungssystem realisieren, unterstreicht der MBDA-Manager. In diesem Kontext seien auch die Fähigkeiten der Partnernationen Deutschlands zu betrachten. Um die in erdnahen Bahnen fliegenden Hyperschallflugkörper, aber auch ballistische Raketen zu bekämpfen, müssen zukünftig Weltraum-Sensoren eingebunden werden. Hierbei sieht Brendler ein Alleinstellungsmerkmal von MBDA in Deutschland.

Raytheon unterstützt MBDA-Ansatz

Der Vorschlag, Patriot zu ertüchtigen, wird auch vom Hersteller Raytheon befürwortet. Man stehe in direktem Kontakt mit dem Kunden und unterstütze gemeinsam mit MBDA alle Pläne, die derzeit vom deutschen Verteidigungsministerium geprüft werden, teilte dazu eine Sprecherin des US-Unternehmens mit. „Wir sind davon überzeugt, dass German Patriot eine tragfähige Grundlage für den künftigen Ausbau der Fähigkeiten der deutschen Luft- und Raketenabwehr sein kann“, so die Sprecherin. Ihrer Aussage zufolge sind weitere technologische Entwicklungen für das deutsche Patriot-System möglich einschließlich der künftigen Einführung des LTAMDS (Lower Tier Air and Missile Defense Sensor). Beim LTAMDS handelt es sich um das neue Radar der U.S. Army für Patriot. Es gehört zur Radar-Familie GhostEye von Raytheon.

Neue Flugkörper gegen Hyperschall-Bedrohung

Um auf Kursänderungen von Hyperschallflugkörpern reagieren zu können, sollten Boden-Luft-Abwehrraketen über große Leistungsreserven verfügen. Gegenwärtig fehlt allerdings noch ein Flugkörper, der über solche Fähigkeiten verfügt. Aus diesem Grund hat die EU bereits vor geraumer Zeit im Rahmen der Permanent Structured Cooperation (PESCO) das Projekt „Twister“ gestartet, in dessen Rahmen ein solcher neuer Flugkörper entwickelt werden soll.

Mittlerweile ist das Thema auch beim European Defence Fund angekommen, der dafür einen dreistelligen Millionenbetrag im Rahmen des aktuellen Calls mit dem Titel „Endo-atmospheric interceptor – concept phase“ einplant. „Die Studie zur Konzeptuntersuchung des Abfangflugkörpers wird den Grundstein für mögliche künftige europäische boden- und seegestützte Raketenabwehrsysteme bilden, die in der Lage sind, BMD und TBMD der NATO erheblich zu ergänzen und deren Robustheit zu verbessern“, heißt es dazu in der Angebotsaufforderung. Gegenwärtig plant die EU, rund 100 Millionen Euro als nicht rückzahlbaren Zuschuss für die Forschung auszugeben.

Beobachter gehen davon aus, dass sich ein Konsortium unter Führung von MBDA Frankreich für das Vorhaben beworben und auch gute Chancen auf den Zuschlag hat. Dabei wird in Fachkreisen spekuliert, dass MBDA Deutschland an dem Anbieterkonsortium beteiligt ist. Mit der Tochter Bayern Chemie verfügt die deutsche Sparte des europäischen MBDA-Konzerns über eine herausgehobene Expertise bei der Entwicklung von Staustrahltriebwerken, die für einen endoatmosphärischen Effektor entscheidende Vorteile bringen könnten.

Sollte also das genannte Konsortium Mitte des Jahres den Zuschlag erhalten, könnte die deutsche MBDA als Scharnier für ein Luftverteidigungssystem der Bundeswehr nach Europa fungieren, was die Abstimmung und die spätere Integration des Flugkörpers in ein deutsches System leichter macht. Gut informierten Kreisen nach hat sich auf das Vorhaben neben dem genannten Konsortium auch eine Firmengruppe unter Beteiligung von Sener aus Spanien, Diehl aus Deutschland sowie Nammo aus Norwegen beworben.

Dem Vernehmen nach hat Diehl dazu ein Konzept für einen Flugkörper zur Abwehr von Hyperschallwaffen erarbeitet, das auf dem Boden-Luft-Flugkörper IRIS-T SLM basiert. Das Konzept sieht vor, auf die IRIS-T eine zusätzliche Oberstufe mit einem hoch manövrierfähigen Kill Vehicle zu setzen. Diese Oberstufe soll offenbar mit einer Querschubsteuerung und Thrust Vector Control ausgestattet werden und eine Endgeschwindigkeit von Mach 3 bis Mach 3,5 und eine Höhe von bis zu 50 Kilometern erreichen können. Der Zielsuchkopf wird dem Konzept zufolge neben dem Infrarotsensor auch mit einer zusätzlichen Radarkomponente ausgestattet.

Wie es aus gut informierten Kreisen weiter heißt, sieht das Konsortium in diesem Konzept den Vorteil, dass es basierend auf etablierter Technologie relativ risikoarm ist und deshalb womöglich binnen fünf Jahren ein Kill Vehicle entwickelt werden könnte. Neben der Abwehr von Hyperschallflugkörpern soll die neue Abfangrakete auch für die Ballistic Missile Defence ausgelegt werden. Sollte sich der Vorschlag beim Europäischen Verteidigungsfonds nicht durchsetzen, könnte eine Weiterentwicklung womöglich auch auf nationaler Ebene erfolgen.

Nah- und Nächstbereichsschutz kommt voran

Während Details zu den zukünftigen Parametern für die bodengebundene Luftverteidigung großer Reichweite bei Redaktionsschluss noch nicht verfügbar waren, befindet sich das Teilprojekt 1 des Nah- und Nächstbereichsschutzes (NNbS) bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. So war das Bieterkonsortium aus Diehl, Hensoldt und Rheinmetall noch Ende vergangenen Jahres zur Abgabe eines Angebotes aufgefordert worden, wie aus gut informierten Kreisen zu vernehmen ist. Im Rahmen von NNbS sollen unter anderem die mobilen Heeresverbände gegen Bedrohungen aus der Luft verteidigt werden.

Die drei Unternehmen hatten Anfang vergangenen Jahres eine gemeinsame Vereinbarung zur Zusammenarbeit im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft (ARGE) für den Nah- und Nächstbereichsschutz unterzeichnet. Ziel sei es dabei, mittels marktverfügbarer Systeme und Systemkomponenten eine schnell verfügbare, nationale und risikoarme Lösung bereitzustellen, hatte Rheinmetall seinerzeit mitgeteilt. Die Systemkonzeption der ARGE NNbS greife dabei wesentlich auf erprobte Systeme und Teilsysteme zurück, unter Einbindung von sich bereits in der Nutzung durch die Bundeswehr befindlichen Komponenten. Vor dem Hintergrund des dringenden Ausrüstungsbedarfs der Bundeswehr in der Folge des Ukrainekrieges hat auch das Verteidigungsministerium bei den anstehenden Beschaffungsvorhaben Marktverfügbarkeit bekanntlich zur Priorität erklärt.

Bisher keine Kanonenlösung

Bei den für das Projekt vorgesehenen Boden-Luft-Flugkörpern war der Ansatz zuletzt, die IRIS-T SLM von Diehl zu beschaffen. Der gleiche Flugkörper war auch für das im Augenblick ausgesetzte TLVS-Programm vorgesehen. Als Lenkwaffe für die kurze Reichweite hat sich die Bundeswehr dagegen für die im eigenen Bestand befindliche IRIS-T SLS entschieden. Eigentlich handelt es sich um eine Luft-Luft-Rakete, die jedoch für den Einsatz vom Boden adaptiert wird. Dem Vernehmen nach soll das Angebot in Kürze abgegeben werden. Beobachter rechnen damit, dass der Auftragswert bei deutlich über 100 Millionen Euro liegen könnte.

Wie es heißt, war bislang für das Teilprojekt 1 von NNbS keine Lösung zur Bekämpfung von Bedrohungen wie etwa Drohnen oder Loitering Munition mit einer Kanone vorgesehen. Dabei dürften die wenigen pro Startfahrzeug verfügbaren IRIS-T SLS kaum ausreichen, um einen Angriff von mehreren Drohnen oder gar von Drohnenschwärmen abzuwehren. Aufgrund dieser Fähigkeitslücke wird deshalb von einzelnen Parlamentariern gefordert, den Flakpanzer Gepard, von dem KMW nach eigenen Angaben noch rund 50 Exemplare im Bestand hat, zu reaktivieren. Das Problem dabei ist allerdings, dass dieser Panzer auf dem Leopard-1-Fahrgestell basiert, das schon fast nicht mehr in der Bundeswehr genutzt wird. Darüber hinaus müssten vermutlich Feuerleitung und Rundsuchradar auf einen modernen Stand gebracht werden, während die beiden 35-mm-Kanonen nicht für das Verschießen moderner programmierbarer Air-Burst-Munition vorgesehen sind.

Auf lange Sicht dürfte es dagegen sinnvoller sein, Rheinmetall zu beauftragen, seinen Flakpanzer Skyranger auf Boxer-Fahrgestell fertig zu entwickeln. In einer Konfiguration mit einer leistungsstarken 35-mm-Kanone hatte das Unternehmen den Skyranger vor einigen Jahren der Öffentlichkeit im scharfen Schuss in der Schweiz vorgestellt. Allerdings muss die Sensorik noch integriert werden. Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, hat auch Ungarn Interesse an dem Konzept gefunden und will offenbar die Entwicklung eines Skyranger mit 30-mm-Turm sowie zusätzlichen Boden-Luftraketen auf der Plattform des Schützenpanzers Lynx beauftragen. Womöglich könnte sich auch die Bundeswehr an dem Projekt beteiligen und einen Anteil an den Entwicklungskosten übernehmen.
lah/28.3.2022