Grönlandbrigade – die Herausforderung eines Militäreinsatzes in der Arktis

Waldemar Geiger

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Die aggressiv vorgetragenen und angeblich sicherheitspolitisch begründeten Grönlandansprüche der Vereinigten Staaten lassen in vielen europäischen Hauptstädten Alarmglocken erklingen. Um dem Vorwurf der sicherheitspolitischen Vernachlässigung Grönlands entgegenzuwirken, wird derzeit die Stationierung europäischer Truppen auf der arktischen Insel diskutiert.

„Die Debatte um Grönland gefährdet den Zusammenhalt der NATO. Sie ist politisch brisant, aber militärisch nicht lösbar. Die Sicherheit im Nordatlantik ist ein Kerninteresse des Bündnisses und Deutschlands. Wir dürfen uns als Bündnis nicht auseinanderdividieren lassen. Jeder Schritt in dieser Region muss daher abgestimmt, verantwortungsvoll und gemeinsam mit unseren Partnern erfolgen – einschließlich der USA“, erklärt Bastian Ernst, Grönland-Berichterstatter im Bundestags-Verteidigungsausschuss für die CDU/CSU-Fraktion, gegenüber hartpunkt.

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Neben der politischen Perspektive dürfte eine Grönland-Stationierung von Bundeswehrtruppen auch militärisch gesehen eine bis dato nie dagewesene Belastungsprobe für die Bundeswehr darstellen. Um zu verstehen, wieso das so ist, muss man die Charakteristika eines Einsatzes in der Arktis kennen, die extreme Ansprüche an Personal und Material stellt.

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Die prägenden Merkmale der Arktis im Allgemeinen und Grönlands im Speziellen sind Einsamkeit, unfassbare Leere und Weite sowie Kälte und Dunkelheit. Gleichzeitig wird die geopolitische Lage in der Arktis aufgrund mehrerer Schlüsselfaktoren als besonders anfällig für rasche Veränderungen angesehen. Das Fehlen einer großen Bevölkerung, einer robusten staatlichen Präsenz und einer bedeutenden wirtschaftlichen und militärischen Infrastruktur machen es für einen mit entsprechendem Willen ausgestatteten Gegner sehr viel einfacher, „Fakten vor Ort“ zu schaffen als dies in anderen Regionen der Welt möglich wäre. Diese Einschätzungen sind nicht neu, die US-Streitkräfte veröffentlichen sie in ihren periodisch erscheinenden Arktis-Strategien. Eine Option, den möglichen Ambitionen eines Gegners zu begegnen, ist die Schaffung einer eigenen Präsenz, die einen schnellen bzw. unbemerkten Eintritt eines Gegners verwehren könnte.

Arktische Kriegsführung, mehr als nur Winterkampf

Ein paar tausend Soldaten sowie entsprechendes Material auf NATO-Gebiet zu stationieren, dürfte manchem Beobachter nicht als Herausforderung erscheinen. Schließlich müssen diese Truppen nicht kämpfen – zumindest noch nicht –, sondern nur Präsenz vor Ort zeigen. Auf den ersten Blick erscheint es daher durchaus als eine einfache Denksportaufgabe, die die europäischen Nationen doch wohl ohne große Probleme sowie fremde Hilfe selbst schnell lösen können.

Betrachtet man die Besonderheiten der Arktis hingegen etwas genauer, merkt man schnell, dass diese Region bezogen auf die Herausforderungen mehr als nur (extreme) Kälte „bietet“.

Die Arktis ist eine Umgebung, die durch extreme Temperaturen und harsche Geländeabschnitte – inklusive Gebirgsketten und Gletschern – geprägt ist, die mehrere Probleme für den Einsatz von Streitkräften darstellt. Operationen in der Arktis werden seitens von Streitkräften daher nicht nur wegen der extremen Kälte als besonders herausfordernd angesehen.

Die extreme Kälte führt zu besonderen Ansprüchen an die Beschaffenheit der Ausrüstung. In der Arktis eingesetzte Truppen müssen mit Ausrüstung versehen werden, welche die Verbände in die Lage versetzt, auch bei extremen Temperaturen von bis zu -54 Grad Celsius mehrere Tage am Stück Aufträge erfüllen zu können. Gleichzeitig müssen diese Truppen in der Lage sein, mit den am Stationierungsort vorhandenen Gegebenheiten klarzukommen. Truppenteile, die beispielsweise Gebirgsketten oder Gletscher im eigenen Verantwortungsbereich haben, müssen in der Lage sein, sich dort im Rahmen der Auftragserfüllung auch sicher bewegen zu können.

Daneben schränken klimatische und regionale Besonderheiten der Region die Kommunikationsfähigkeiten der Truppe ein. Derzeitige Satellitenkommunikationssysteme nördlich des Polarkreises sind nur bedingt einsatzfähig, da der Winkel zum Verbindungsaufbau mit den Satelliten sehr flach ist und das Signal durch natürliche Hindernisse gestört wird. Im arktischen Winter kommt noch eine weitere Einschränkung hinzu. So kann die Aurora Boreales dafür sorgen, dass Kommunikationsverbindungen auf Basis von Hochfrequenzsystemen nur in einem sehr geringen Zeitfenster von etwa zwei Stunden am Tag möglich sind. Die Aufrechterhaltung der Verbindung mit patrouillierenden Truppenteilen ist daher nicht durchgängig möglich. Zudem muss angenommen werden, dass benötigte Unterstützung aufgrund von extrem harschen Witterungsereignissen nur eingeschränkt bis gar nicht verfügbar sein wird.

Erschwerend kommt hinzu, dass Batterien und Akkus bei arktischen Temperaturen nur etwa ein Drittel der sonst üblichen Lebensdauer aufweisen. Der Einsatz von optronischen Mitteln muss ebenfalls mit Bedacht erfolgen. Kondensierender Atem führt dazu, dass Sichtmittel, wie beispielsweise Nachtsichtbrillen, beschlagen und sofort vereisen. Ein Ad-hoc-Einsatz von Bodentruppen ist daher ohne sorgfältige Vorbereitung und Ausbildung nicht möglich. Ähnliches gilt für die Nutzung von unbemannten Systemen, die in der arktischen Umgebung ebenfalls nur einen Bruchteil ihrer Leistungsfähigkeit oder Stehzeit aufweisen bzw. für einen solchen Einsatz gänzlich ungeeignet sind.

Weitere Herausforderungen für den Menschen erwachsen durch den arktischen Polartag sowie die Polarnacht. Während der Polarnacht, die in Grönland über vier Monate lang andauert, ist die Sonne dauerhaft unter dem Horizont verschwunden. Eine Phase die so mancher Psyche arg zusetzen kann.

Neben der Temperatur und der Dunkelheit müssen zudem weitere „praktische“ Herausforderungen gemeistert werden, bevor eine dauerhafte Stationierung von Truppenverbänden – egal ob es sich dabei um 50, 500 oder 5.000 Soldaten handelt – möglich wird. Gemeint ist die Logistik.

Viele westliche Streitkräfte haben in den letzten drei Jahrzehnten große Teile der Logistik auf externe Firmen ausgelagert oder sich auf die Infrastruktur Verbündeter abgestützt, beginnend bei der Versorgung mit Verpflegung sowie Verbrauchsgütern, über die Instandsetzung und Wartung von Wehrmaterial, bis hin zum Betrieb einzelner Systeme. Das alles wäre in Grönland unmöglich, weil nichts davon in einem möglichen Einsatzgebiet vorhanden ist. Die komplette Versorgung der Truppe, inklusive der sanitätsdienstlichen Versorgung, müsste daher ebenfalls mitgebracht und dauerhaft vor Ort aufrechterhalten werden. Selbst die Stromerzeugung in der Arktis stellt aufgrund der großen Entfernungen, der extremen Temperaturen und der unzureichenden Infrastruktur eine große Herausforderung dar.

Der Aufbau und Betrieb von Stützpunkten, Vorposten oder sonstigen Einrichtungen lässt sich daher nur mit deutlich größerem Aufwand bewerkstelligen, als dies beispielsweise in Litauen der Fall ist. Die Stationierung einer „Grönlandbrigade“ nach Blaupause der „Litauenbrigade“ wäre daher bereits aus rein militärischen Gesichtspunkten zum Scheitern verurteilt.

Schlussendlich sind auch personalpolitische Aspekte als problematisch anzusehen. Das Fehlen von jeglicher Zivilisation verbunden mit den harschen Umweltbedingungen erschwert insbesondere in westlichen Gesellschaften die Personalgestellung deutlich. Für eine dauerhafte Präsenz solcher Verbände müssten daher neben den Bedürfnissen der Soldaten auch die Bedürfnisse der Familien in puncto Lebensqualität mit bedacht werden – wenn die „Mitnahmen“ von Familien nach Grönland überhaupt in Frage kommen kann.

Arktisexpertise in der Bundeswehr

Auch wenn die aufgeführten Punkte für viele Deutsche neu sein mögen, sind sie für die deutschen Streitkräfte nicht unbekannt. Insbesondere die Marine, aber auch das Heer haben außerhalb von Spezialkräften Wissens- und Erfahrungsträger in ihren Reihen, die sich im Rahmen von Übungen und Lehrgängen über die vergangenen Jahre einen beträchtlichen Erfahrungsschatz aufgebaut haben. Mit der Gebirgsjägerbrigade 23 verfügt das Heer zudem über einen Großverband, der sich explizit auf Gebirgs-, Winterkampf und den Einsatz in Polarregionen spezialisiert hat und entsprechend ausgerüstet und ausgebildet wird. Gleichwohl ist nicht alles, was auf dem Papier existiert, automatisch auch in der Praxis vorhanden. Die kleinste Flotte aller Zeiten ist mit den aktuellen Einsatzgestellungen sowie Übungsverpflichtungen bekannterweise seit Langem am Limit. Und auch die Gebirgsjäger müssen neben den oben aufgeführten Themenschwerpunkten auch andere militärische Baustellen bedienen – wie beispielsweise den Dschungelkampf.

Summa summarum scheint es unwahrscheinlich, dass die aktuelle Flottenstärke sowie eine einzige für den Polareinsatz befähigte Gebirgsjägerbrigade zahlenmäßig ausreichen wird, um dauerhaft substanzielle Truppengestellungen für eine potenzielle Stationierung in Grönland leisten zu können. Ein Fachautor aus dem Amt für Heeresentwicklung machte auf dieses Defizit bereits vor einem halben Jahrzehnt aufmerksam. „Die politische Dynamik in den Polargebieten wächst derzeit kontinuierlich und damit das Erfordernis, für diese Regionen einsatzbereite Kräfte vorzuhalten. Geopolitische Auseinandersetzungen zwischen den Anrainerstaaten, Ansprüche auf Bodenschätze und Kontrolle von Seewegen, die durch den Klimawandel zugänglich werden, werden in naher Zukunft die verbündeten Streitkräfte mehr denn je fordern“, schrieb Oberstabsfeldwebel Markus Schubert, Heeresbergführer und im Amt für Heeresentwicklung zuständig für zuständig für alle Gebirgslehrgänge sowie der materiellen Weiterentwicklung der Gebirgsausrüstung, in dem Ende 2021 erschienenen Beitrag „Ausbildung und Übung im Winterkampf“. Den Beitrag beendete der Autor mit den folgenden vier Sätzen, die sich aus der heutigen Perspektive geradezu als prophetisch erweisen könnten: „Ausrüstung und Ausbildung müssen daher schnell an die neuen Herausforderungen angepasst werden. Übungen müssen auch außerhalb von Nordnorwegen stattfinden, um das Überleben und Kämpfen in Polargebieten zu trainieren. Eine Spezialisierung nur einer Truppengattung wird nicht zielführend sein. Marine und Luftwaffe sind in die Winterkampfausbildung (Polarregionen) zu integrieren. Nur gemeinsam kann eine Bündnisverpflichtung erfüllt werden.“

Fazit

Operationen in der Arktis – selbst, wenn sie nur wenige Tage andauern – führen zu extremer Beanspruchung bei Personal und Material. Bei längerer Stationierungsdauer kommen zudem weitere Herausforderungen dazu. Neben dem Aufbau und der Aufrechterhaltung robuster Logistikketten, die auch bei extremer Witterung nicht versagen dürfen, müsste das in Grönland stationierte Personal mit der Problematik des Routinedienstes in der Öde zurechtkommen.

Waldemar Geiger