Erste Details zum Aufbau der neuen Drohnenabwehr-Sturmgewehrpatrone der Ukraine

Kristóf Nagy

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Bereits Anfang Juli veröffentlichte der ukrainische Rüstungscluster Brave1 eine Mitteilung mit dazugehörigem Video zu einer Drohnenabwehrpatrone für Sturmgewehre. Die anfängliche Berichterstattung über die Patrone, die offenbar in den Kalibern 5,56 x 45 mm und 5,45 x 39 mm verfügbar ist, wies einige Unschärfen auf. Grund genug, das Thema nach einer tiefergehenden Recherche genauer zu beleuchten.

Die Handwaffenpatrone, die laut unterschiedlichen Quellen die truppeninterne Bezeichnung „Erbse“ erhielt, enthält keineswegs ein Sprenggeschoss, wie teilweise berichtet wurde. Dies wäre bei dem geringen Bauraum, den Geschosse im Kaliber zwischen fünf und sechs Millimetern aufweisen, wenig zielführend und gleichzeitig unverhältnismäßig komplex beziehungsweise teuer. Zudem wäre die Effizienz der Patrone bei der Bekämpfung von Drohnen unzureichend. Das von Brave1 vorgestellte Laborat ist vielmehr eine Patrone mit Mehrfachgeschoss: hartpunkt vorliegenden Informationen zufolge handelt es sich möglicherweise sogar um ein unterkalibriges, vorgelagertes Spitzgeschoss, das in einem elastischen Schlauch eingefügt ist und hinter dem Kugelprojektile geladen sind.

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Der flexible Schlauch wird durch den Abbrand der Pulvergase aufgerissen und gibt im Moment der Schussabgabe alle Projektile frei. Ob das Spitzgeschoss durch die Züge und Felder des Sturmgewehrs mehr oder weniger gasdicht geführt wird oder ob die sich bereits auflösende strukturelle Integrität des flexiblen Mantelschlauchs dafür noch ausreicht, ist derzeit nicht bekannt. Alle angesprochenen Komponenten verlassen jedoch durch die Schussabgabe das Rohr durch die Mündung. Es bleiben dem Vernehmen nach keine Rückstände zurück, die Störungen verursachen könnten. Der Impuls beziehungsweise der im Rohr entstehende Gasdruck reicht aus, um die Waffe ohne jegliche Modifikationen den Zyklus aus Ausziehen/Auswerfen und Zuführen einer neuen Patrone zuverlässig durchlaufen zu lassen.

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Kenner der Patrone heben die einfache Integration in bestehende Handwaffensysteme hervor. Demnach sei potenziell jedes Sturmgewehr im entsprechenden Kaliber ohne jegliche Modifikationen an Verschluss oder Magazin geeignet, die Patrone zu verschießen. Als Einschränkung wird jedoch angeführt, dass eine zuverlässige Nutzung mit einem Signaturreduzierer sowie mit manchen komplexeren Mündungsbremsen bzw. Mündungsfeuerdämpfern nicht möglich ist.

Weitere Einschränkungen sind das geringe Geschossgewicht und die im Vergleich zu Flinten geringe Projektilanzahl pro Schuss. Obwohl die Geschossgeschwindigkeit etwa das Doppelte einer gängigen Schrottpatrone beträgt, beträgt das Gewicht der ausgebrachten Projektile nur etwa 10 Prozent einer Postenladung und auch die Menge der ausgebrachten Geschosse ist signifikant geringer. Mit der Patrone vertraute Personen berichten gegenüber hartpunkt, dass selbst bei beherrschter Waffe und Erfahrung mit der Munition der realistische Munitionsansatz bei sechs bis zehn Schuss pro Drohne liege. Dabei ist es essenziell, dass trotz der hohen Geschossgeschwindigkeit während der gesamten Schussabgabe nachgerichtet wird, da ansonsten Fehlschüsse vorprogrammiert sind. Trotz der beschriebenen Limitierungen wurde die Patrone von den Erprobungseinheiten positiv aufgenommen, da durch die Zuteilung eines Magazins mit der entsprechenden Munition jeder Einzelschütze eine Chance zur Selbstverteidigung gegen Drohnen im Nahbereich erhält.

Die Idee, ein Mehrfachgeschoss zu laden und gegen Drohnen einzusetzen, ist indes nicht neu. Bereits Anfang des Jahres tauchten offensichtlich in Manufaktur gefertigte Patronen aus russischen Quellen auf, bei denen mehrere 4,5-mm-Kugeln in einem Schrumpfschlauch in eine 5,45-x-39-mm-Hülse geladen wurden. Im März stellte das auf Weltraum- und Rettungssysteme spezialisierte russische Unternehmen JSC NPP Zvezda dann eine 5,45-mm-Drohnenabwehrpatrone vor. Die Munition soll signaturreduziert sein und bei einem Schuss aus einer AK-12 auf 100 m eine Fragmentwolke mit 25 cm Durchmesser produzieren. Die aktuell vorgestellte ukrainische Variante könnte jedoch mit der Kombination aus Spitz- und Kugelgeschossen bei gleichzeitig relativ hoher Trefferwahrscheinlichkeit pro Schuss eine zumindest theoretisch höhere Reichweite aufweisen.

Öffentlich zugängliche Daten zur Effizienz der aktuellen ukrainischen Patrone im Vergleich zu den russischen Patronen sind quasi nicht existent, sodass eine Bewertung vorerst nicht möglich ist. Dass das Konzept keine Einbahnstraße ist, zeigte sich bereits vor genau einem Jahr, als die US-Streitkräfte unter dem Titel „Dismounted Counter Small Unmanned Aircraft Systems“ eine Informationsanfrage an die Industrie richteten. Darin wurde unter anderem eine Patrone gefordert, die mehrere Projektile im Kaliber 5,56 mm, 7,62 mm und 12,7 mm verschießt. Wenn man die mögliche Weiterentwicklung des Konzepts im Verbund mit einer leichten und einfach zu integrierenden Feuerleitlösung auf dem Sturmgewehr weiterdenkt, könnte dieser Ansatz die Drohnenabwehr aller Truppen tatsächlich in die Fläche bringen.

Kristóf Nagy