Chinesische U-Boot-Waffe erprobt wahrscheinlich hyperschallschnellen Seezielflugkörper

Alexander Luck

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Die chinesische Volksmarine (People’s Liberation Army Navy oder PLAN) erprobt seit mindestens einem Jahr einen neuen U-Boot-gestützten Seezielflugkörper, der womöglich ein Hyperschall-Flugprofil aufweist. Der offizielle Pressedienst der Volksbefreiungsarmee publizierte vor einigen Tagen ein Interview mit dem Kommandanten eines konventionell angetriebenen U-Bootes der Klasse 039B (US-Bezeichnung YUAN), das umgehend in chinesischen sozialen Medien die Runde machte.

Die Kommentare des U-Boot-Veteranen mit 26 Jahren Dienstzeit bei der PLAN beschränkten sich auf Umschreibungen, ohne einen Flugkörper-Typ klar zu benennen. Allerdings sprach der Offizier davon, dass seine Besatzung die Militärparade im September 2025 in Peking verfolgte und den Flugkörper erkannte, den das U-Boot in der Erprobung aus dem Torpedorohr verschoss.

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Wie hartpunkt zu jenem Zeitpunkt berichtete, zeigte die PLA im Herbst vergangenen Jahres anlässlich des Jubiläums zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Pazifik eine ganze Reihe neuartiger und zuvor teils ungesehener Flugkörpersysteme, speziell mehrere neue Lenkwaffen der YJ-Klassifizierung.

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„YJ“ (鹰击) denominiert traditionell in der PLA Seezielflugkörper, wobei allerdings in jüngerer Zeit mehrrollen-, d.h. landzielfähige Systeme mit der Bezeichnung versehen wurden.

Auch wenn das Interview den exakten Typ ungenannt lässt, dürfte es sich bei dem erprobten System mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um die YJ-19 handeln. Von den in Beijing gezeigten Systemen ist dies der einzige Entwurf, der in seinen Abmessungen erkennbar für den Verschuss aus 533mm-Torpedorohren geeignet ist. Andere Systeme, wie die YJ-15 und YJ-21 sind erkennbar oder bestätigt luftgestützte Waffen. Die YJ-17, YJ-18C sowie YJ-20 sind aufgrund ihrer Größe lediglich zum Verschuss aus Senkrechtstartanlagen wie auf den großen Lenkwaffenzerstörern des Typs 055 oder in Zukunft aus entsprechenden Zellen auf Atom-U-Booten des Typs 093B oder des Typs 095 befähigt. YJ-17 ist der Erscheinung nach ein Hyperschallgleiter. Bei YJ-18C handelt es sich wahrscheinlich um ein unterschallschnelles, signaturreduziertes System, während die ebenfalls in der Erprobung beobachtete YJ-20 eine aeroballistische See- und Landzielrakete ist.

Die PLA macht zu technischen Daten in Dienst oder Entwicklung befindlicher Waffensysteme generell keine näheren Angaben. Ungefähre Fähigkeiten lassen sich daher nur aus den erkennbaren Charakteristika des entsprechenden Entwurfs ableiten. Die YJ-19 ist ein etwa 6 Meter langer, auffallend schlanker Flugkörper. Die Zelle ist zweistufig ausgelegt, mit einem runden Feststoff-Booster, der eine aerodynamischere Oberstufe mit verkapseltem Lufteinlass und vier Steuerflächen trägt. Die Auslegung des Lufteinlasses deutet auf ein Staustrahltriebwerk (Scramjet), in der Auslegung ähnlich dem experimentellen amerikanischen X-51 „Waverider“, hin. Entsprechend lässt sich Hyperschall- oder sehr hohe Überschallfähigkeit in der Endphase des Flugprofils ableiten.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten stützte sich die chinesische U-Boot-Waffe generell auf zwei Typen von Seezielflugkörpern. Die unterschallschnelle YJ-83 ist ein chinesisches Äquivalent zu westlichen Systemen wie Harpoon oder Exocet. Basierend auf der originalen YJ-8 handelt es sich im Kern um eine chinesische Entwicklung mit möglichen westlichen Einflüssen, datierend auf die 1970er und 80er Jahre. YJ-83-Varianten sind primär auf den 13 aktiven Booten des konventionellen Typs 039 (US-Bezeichnung SONG), und zuvor auch auf älteren Booten des Typs 035B (US: MING) im Einsatz.

Die neueren konventionellen Boote der Varianten 039A/B/C hingegen verwenden primär die überschallschnelle YJ-18. Hierbei handelt es sich um eine chinesische Weiterentwicklung der russischen 3M54E, auch als „Kalibr“ bekannt. Abhängig von der Variante, 3M54E oder 3M54E1, handelt es sich um Flugkörper von mindestens 200 bis 300 km Reichweite, in der Endphase für 3M54 überschallschnell bis zu Mach 2,9. China hatte das russische Original zuvor im Rahmen des Kaufs von zehn neuen U-Booten der Kilo-Klasse (Variante 636/636M) Anfang der 2000er Jahre erworben. Die YJ-18 dürfte auch auf den nuklear angetriebenen Jagd-U-Booten des Typs 093/A/B im Einsatz sein.

Die YJ-19 stellt in dieser Hinsicht eine fundamentale Evolution und Abkopplung von den erwähnten, mittlerweile in die Tage kommenden einheimischen und ausländischen Entwürfen dar. Die Befähigung konventioneller U-Boote zum Verschuss der YJ-19 würde für potenzielle Gegner erhebliche taktische Konsequenzen haben. China hat derzeit schätzungsweise etwa vierzig moderne konventionelle U-Boote in Dienst, die durchgehend zum Verschuss von Flugkörpern entweder von YJ-83, YJ-18 oder 3M54 befähigt sind.

Das Land hat mittlerweile mindestens ein Jahrzehnt an Erfahrung in der Forschung und Entwicklung konkreter Varianten von Hyperschallwaffen vorzuweisen. Sofern die Vielfalt an Waffensystemen wie 2025 in Peking gezeigt zeitnah in einsatzreifen Fähigkeiten resultiert, dürfte die chinesische Volksmarine neue, ernstzunehmende Optionen für die Seekriegsführung, zumal durch U-Boote, erhalten.

Mehrere Staaten erproben und entwickeln derzeit hyperschallschnelle Marschflugkörper, insbesondere zum taktischen Einsatz gegen Landziele. Die Vereinigten Staaten haben wiederholt auch eine Seezielfähigkeit in dieser Kategorie angestrebt, allerdings waren in der Vergangenheit Projekte wie LRASM-B von Schwierigkeiten bei Entwicklung und Finanzierung betroffen. Sollten derzeit in Entwicklung befindliche Systeme ohne nennenswerte Verzögerungen zulaufen, ist eine nennenswerte Verbreitung vergleichbarer Flugkörper ab Beginn der 2030er Jahre zu erwarten.

Darüber hinaus sind insbesondere die US-Streitkräfte bestrebt, ihre Abfangfähigkeiten für hyperschallschnelle Bedrohungen zu verbessern und zu ergänzen. Hierzu zählen für die US-Marine der Glide Phase Interceptor (GPI) zum Abfangen von Hyperschallgleitern, eine navalisierte Patriot PAC-3 MSE sowie weitere Verbesserungen für SM-6- und SM-3-Flugkörper.

Autor: Alexander Luck ist Analyst für Rüstungspolitik mit Schwerpunkt Marine und Luftfahrt. Sein Fokus liegt auf dem indopazifischen Raum, besonders Entwicklungen in China, Ostasien und Australien.