blackned will den TacticalCore weiter ausbauen

Die Führungs- und Funkausstattung der deutschen Landstreitkräfte gilt im Vergleich mit anderen NATO-Partnern als stark veraltet. Um dieses Manko zu beseitigen, hat die Bundeswehr bereits vor einigen Jahren das Programm „Digitalisierung landbasierter Operationen (D-LBO)“ gestartet. In dessen Rahmen soll unter anderem digitale Funktechnik und moderne Führungs- und Steuerungssoftware beschafft werden. Der Vorteil digitaler Funktechnik besteht darin, dass sowohl Sprache als auch Daten digital übertragen werden können. Die Datenübertragung ist unabdingbar, wenn ein aktuelles Lagebild dargestellt sowie Aufklärungs-Wirkungsketten realisiert werden sollen.

Bei den in der Bundeswehr eingeführten SEM-Funkgeräten ist dagegen dies noch nicht möglich. Um für die VJTF 2023 ein modernes Battle Management System (BMS) nutzen zu können, wurden die analogen SEM-Funkgeräte mit Kommunikationsservern zur Datenübertragung ergänzt. Die Leistungsfähigkeit dieser Lösung bei der Datenübertragung soll dem Vernehmen nach jedoch äußerst beschränkt sein.

Bei der für D-LBO vorgesehenen Software kommt dem so genannten TacticalCore, der von der Firma blackned entwickelt wird, eine Schlüsselfunktion zu. Das Unternehmen hat kürzlich den Auftrag erhalten, diese auch als Middleware bezeichnete Software in den kommenden Jahren weiter zu verbessern. Bis 2024 soll die Zulassung für den Einsatz im Einstufungsgrad „Nur für den Dienstgebrauch (NfD)“ erfolgen. Die Zulassung in der aktuellen Version der Software ist bereits in diesem Jahr erfolgt. Parallel dazu sollen ab 2023 operative Test- und Validierungsschritte durchgeführt werden, um die Nutzung des TacticalCore für anstehende Einsatzverpflichtungen der Bundeswehr sicherzustellen.

blackned-Gründer Timo Haas will sich in den kommenden Jahren auf den TacticalCore konzentrieren. Foto: blackned

Der TacticalCore ist vor allem für die Service-Bereitstellung, wie die Speicherung, Verteilung und Verschlüsselung von Daten und Sprache, das Routing sowie das Netzmanagement zuständig. Schließlich basiert die Übertragungsschicht von D-LBO auf einem mobilen, heterogenen Netzwerk, mit unterschiedlichen Geräteklassen und Fähigkeiten (unter anderem Taktischer Funk, SatCom und  zellulare Netze).

Bei der sowohl auf den Handheld-Geräten der Soldaten als auch allen anderen Datenknoten aufgespielten TacticalCore-Software handelt es sich quasi um das „Betriebssystem“ von D-LBO. Dies ist erforderlich, damit andere Programme, wie zum Beispiel ein BMS, im Gesamtnetz und unter Einbehaltung der Informationssicherheit genutzt werden können. Dabei fungieren die eingebundenen Fahrzeuge – so genannte Mobile Tactical Nodes – als Sende- und Empfangs-Knoten, über die Informationen weitergeben und für die Nutzer bereitgestellt werden.

Die Architektur des Systems soll es ermöglichen, dass die Software ohne Zutun der Endnutzer automatisch entscheidet, über welche Knoten eine Nachricht weitergeleitet wird – ähnlich dem Internet. So könnte eine Textnachricht oder ein Sprachbefehl je nach zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln basisverschlüsselt etwa über die Kette UHF-, VHF-Funk, Satellitenkommunikation und LTE-Verbindung weitergeleitet werden. Der TacticalCore managt dabei nicht nur den Übertragungsweg, sondern „übersetzt“ die Information auch so, dass sie bruchfrei durch die verschiedenen Übertragungskanäle laufen.

Die Beschränkungen, wie sie heute aufgrund der getrennten Funkkreise, wo beispielsweise ein VHF-Funker nur mit einem anderen VHF-Funker sprechen kann, würden damit aufgehoben. „Digitalisierung funktioniert als große Klammer“, beschreibt blackned-Firmengründer und CEO Timo Haas die Vorteile des Ansatzes.

Regelmäßige Releases vorgesehen

Die Firma blackned hat – angefangen von den ersten Studien für das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) bis zur Programmierung der jüngsten Software-Releases – exklusiv im Auftrag der Bundeswehr an der Entwicklung des TacticalCore gearbeitet. Nach Angaben des Unternehmens sind viele Funktionen dieser Software bereits in verschiedenen Projekten der Bundeswehr seit vielen Jahren in der Nutzung. Geplant sei in Zukunft, regelmäßig Releases des TacticalCore mit neuen Funktionen zur Verfügung zu stellen.  Diese Software-Releases sollen kontinuierlich die Fähigkeiten erweitern, neue Technologien integrieren und die Robustheit, IT- und Cybersicherheit während des Lebenszyklus aufrecht halten.

Aufgrund der herausgehobenen Rolle des TacticalCore für die Digitalisierung der Landstreitkräfte hat sich der Bund Rechte an dem Produkt gesichert, wie Firmenchef Haas erläutert. Neben den nicht ausschließlichen Nutzungsrechten am Softwaresystem sei darin auch der Einblick und Validierung des Source Codes enthalten. Für den Fall des Firmenverkaufs mit einhergehendem Kontrollwechsel stünden dem Bund sogar Source-Code-Rechte zu. Ein Verkauf steht laut Firmengründer Haas für das in Familienbesitz befindliche Unternehmen mit rund 150 Mitarbeitern jedoch nicht zur Diskussion. Nur so behalte man seine Unabhängigkeit. „Wir wollen wert- und herstellerneutral bleiben“, sagt Haas.  „Die Weiterentwicklung der Software erfolgt in parallelen Schritten“, beschreibt er das Vorgehen seines Unternehmens.

Zukünftige Funktionen werden bereits frühzeitig parallel zur Produktentwicklung prototypisch umgesetzt. Dabei würden diese neuen Fähigkeiten ständig mit dem Auftraggeber und der Truppe validiert. „Das frühe Feedback von Nutzern gekoppelt mit einer offenen Kommunikationskultur ist unser Markenzeichen.“ So erhalte der Kunde Bundeswehr etwa alle drei Monate ein neues Update.

Die Software-Architektur hat blackned so ausgelegt, dass einem Nutzer, je nachdem wie seine militärische Rolle definiert ist, immer bestimmte Funktionen zur Verfügung stehen. Das heißt zum Beispiel, ein Kompaniechef muss nicht mehr zwangsläufig auf dem Fahrzeug sitzen, das über die wesentlichen Funkgeräte für die Kommunikation nach oben und unten verfügt. Seine Rolle als höchster Offizier der Kompanie ist vielmehr auf einem Datenendgerät, dem „Combat Client“, hinterlegt, welches die Verbindung zum nächsten Datenknoten herstellt. „Die militärische Rolle legt die Funktionen des Geräts fest“, beschreibt Haas die Logik. Das dafür erforderliche Umdenken sei eine Herausforderung, räumt er jedoch ein.

Beim Combat Client handelt es sich im Prinzip um ein Smart-Phone. Ein entsprechendes Gerät mit spezieller Firmware wurde durch Samsung realisiert, um dies mit anderen Softwarekomponenten der blackned für die aktuelle Zulassung beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu verwenden. Neben dem Combat Client soll in Zukunft ein an D-LBO angebundener Soldat überdies über einen variablen Sprechsatz und ein Headset verfügen, welches über einen so genannten Body Hub mit den weiteren Systemanteilen verbunden wird.

Interesse an weiteren Partnern

„D-LBO ist für blackned die zentrale Referenz“, betont Firmengründer Haas. Auf die Umsetzung dieses Vorhabens, mit dem die Bundeswehr eine echte vernetzte Digitalstruktur erhalte, werde man sich in den kommenden Jahren konzentrieren. Dabei sei sein Unternehmen trotzdem offen für die Zusammenarbeit mit weiteren Partnern. Entsprechende Ansätze würden etwa in anderen europäischen Ländern oder auch den USA verfolgt. In den USA nehme blackned beispielsweise mit Hilfe eines Partners an einer längerfristigen Testkampagne der US Coast Guard teil, bei der es um die Vernetzung von Boarding Teams gehe.

Offenbar hat der Bund grundsätzlich Interesse daran, dass auch Partnernationen den TacticalCore nutzen. „Wir sind gehalten, die Software zu vermarkten“, erläutert der Manager. Denn, sollten andere Länder die Software einführen, würde der Bund einen Teil des für die Entwicklung ausgegebenen Geldes zurückerhalten.  Da sich Deutschland als Rahmennation und Anlehnungspartner für andere EU- und NATO-Nationen sieht, bieten sich hier womöglich Chancen.

Der TacticalCore stellt nicht nur für die Führungs- und Soldatenfunkgeräte die Middleware dar. Auch die anderen Komponenten von D-LBO werden darüber verknüpft. „Überall liegt der TacticalCore als Middleware drin“, erläutert Haas. Dazu gehören etwa die zellulären Netze verlegefähig und zellulare Netze mobil. Für letztere hat blackned eine Technik entwickelt, mit der kommerzielle LTE-Stacks auf Fahrzeugen eingesetzt werden können und so als Basisstation fungieren. Eine Herausforderung sei die Konfiguration des Netzwerks, so dass unterschiedliche Übertragungsmittel miteinander funktionieren. Dabei müsse immer ein qualifizierter Basisanschluss gemäß den Standards „Nur für den Dienstgebrauch (NfD)“ beziehungsweise „NATO RESTRICTED“ sichergestellt sein.

Keine BSI-Zertifizierung erforderlich

Die Middleware bietet bei der Anbindung von unterschiedlichen Transmissionsmedien den Vorteil, dass diese selbst nicht NfD-zertifiziert sein müssen. Da die qualifizierte Verschlüsselung im Core realisiert ist, kann die Bundeswehr Geräte mehrerer Hersteller einsetzen, ohne dass eine Zertifizierung durch das BSI erforderlich wird.   Der Core muss dabei so variabel sein, dass er für die Basisverwaltung auch bei Veränderungen am BMS weiter einsetzbar bleibt.

Das Prinzip der Middleware lässt sich darüber hinaus – ohne den militärischen Krypto-Anteil – auch für die zivile Wirtschaft nutzen. So beteiligt sich blackned eigenen Angaben zufolge bei den Konzernen Daimler und BASF an deren Firmenstandorten am Aufbau eines so genannten Campus-Netzes mit 5G-Technik. Dabei würden unteren anderem Patente von blackned im Bereich des „Mesh Flow“ genutzt. Dabei handelt es sich um eine Technologie, die das unterbrechungsfreie Wechseln mit Latenzen im Millisekunden-Bereich von einem Kommunikationsnetz in ein anderes ermöglicht.

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Heimertingen nördlich von Memmingen sieht sich in erster Linie als Anbieter von Software-Lösungen. Hardware wird in der Regel vom Markt zugekauft. „Wenn wir Funkgeräte bauen würden, würde das die Integrationsfähigkeit einschränken“, begründet Haas den Ansatz. Und auch bei der Software konzentriert sich blackned auf die Middleware. „Die BMS-Auswahl ist uns egal“, beschreibt der Firmengründer die Vorteile. Der Kunde Bundeswehr könne dagegen den Core nutzen, um verschiedene Systeme zu vergleichen. Haas ist sich bewusst, dass seine Firma damit Geschäftsmodelle von einigen Rüstungsunternehmen konterkariert. Denn diese seien oftmals daran interessiert, „Stovepipes“ mit der eigenen Technologie zu schaffen. „Digitalisierung braucht jedoch eine gemeinsame Plattform“, ist Haas überzeugt.

Lediglich da, wo Hardware-Angebote nicht verfügbar sind, sucht blackned nach Lösungen. Dies ist der Fall bei einem 4G- und 5G-Modulen für den Rucksack, dem Personal Body Hub oder einem Adapter zur Anbindung analoger Bestandssysteme.

D-LBO basic

Ein Problem bei der schnellen Umsetzung der D-LBO ist die aufwändige Integration der Funktechnik in die Fahrzeuge. Die so genannte Musterintegration eines neuen Funkgerätes und weiterer Komponenten nimmt pro Fahrzeugmuster viele Monate in Anspruch und kostet mehrere Millionen Euro. Bei der Vielzahl der genutzten Panzer- und Fahrzeugmodelle handelt es sich um eine Herkulesaufgabe. Während für Neufahrzeuge die Anforderungen für Standard-Racks, die Funktechnik aufnehmen, die als Technische Lieferbedingung (TL A-0200) im vergangenen Jahr offiziell etabliert wurde, müssten Bestandsfahrzeuge weiter aufwändig angepasst werden. Aus der Problematik wurde offenbar das Konzept von D-LBO basic geboren. Dieses sieht vor, die vorhandenen SEM-Funkgeräte zu entfernen und auf den vorhandenen Grundplatten neue digitale Funkgeräte zu montieren, die – wo erforderlich – mittels Adaptern die vorhandenen Kabel- und Antennenverbindungen nutzen. Nach Angaben von blackned wurde hierzu bereits eine so genannte Stellprobe erfolgreich durchgeführt. Nach vorliegenden Informationen wird die Umsetzung dieses D-LBO-basic-Ansatzes gerade konkret. Es wird wohl mit Hochdruck an der Hinterlegung mit Haushaltsmitteln gearbeitet.

Fortschritte gibt es offenbar auch auf der untersten Ebene von D-LBO, den Soldatensystemen. Hier erwartete blackned bei Redaktionsschluss einen Auftrag, ein solches Soldatensystem mit speziellem Endgerät, Services und Sicherheitskomponenten als Demonstrator umzusetzen. Insgesamt vier Demonstratoren sollen dafür gebaut werden.
lah/29.4.2022