Deutsches Heer zeigt offenbar Interesse an unbemannten Artilleriesystemen

Waldemar Geiger

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Das Deutsche Heer hat jüngst mehrfach die Absicht bekundet, unbemannte Systeme in die Truppe einzuführen. Dazu hat es neben der Aufstellung des „UxS Regiment 10“, eines Drohnenverbands der 10. Panzerdivision, auch mehrere Pilotverbände zur Erprobung truppengattungsspezifischer unbemannter Systeme ausgewählt. Dem Vernehmen nach soll die Einführung unbemannter Systeme auch unabhängig von diesen Strukturen untersucht und vorangetrieben werden. Wie Kreise aus dem Heer und dem Verteidigungsministerium gegenüber hartpunkt bestätigen, interessiert sich das Heer unter anderem für unbemannte Artilleriesysteme und prüft derzeit offenbar Möglichkeiten, ein solches System auf seine Truppentauglichkeit zu testen.

Dem Vernehmen nach befindet sich das Vorhaben jedoch noch in einer frühen Phase. Beobachter gehen davon aus, dass das von KNDS Deutschland entwickelte Artillery Gun Module (AGM) im Zentrum des Interesses des Heeres steht. Das vollautomatisierte 155-mm-Geschützmodul wird derzeit auf einer gepanzerten Boxer-8×8-Plattform als Radhaubitze RCH 155 bei der Bundeswehr eingeführt.

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Trotz der vollautomatischen Waffenanlage erfordert die derzeitige Konzeption der RCH 155 eine zweiköpfige Besatzung. Neben dem Kraftfahrer findet auch ein Kommandant beziehungsweise Waffenbediener im Boxer-Fahrmodul Platz. Dem Vernehmen nach sehen Überlegungen aus der Industrie und dem Heer vor, das bemannte Fahrmodul künftig durch ein unbemanntes zu ersetzen und die Haubitze aus der Ferne zu führen. Beobachter gehen derzeit jedoch nicht davon aus, dass es sich dabei um ein unbemanntes Boxer-Fahrmodul handeln wird. Vielmehr wird die Nutzung der von KNDS Deutschland entwickelten Kettenplattform „BOXER TRACKED“ für diesen Zweck als wahrscheinlicher angesehen. Die Kombination aus AGM und Kettenplattform bezeichnet der Hersteller als „RCH 155 TRACKED“, hartpunkt berichtete.

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Die Plattform wurde vom Hersteller von Beginn an als potenziell unbemanntes System konzipiert und für die Aufnahme der dafür notwendigen Autonomiepakete, etwa Sensorik und Rechenleistung, ausgelegt. Ob das Kettenfahrzeug auch über eine Drive-by-Wire-Funktionalität verfügen wird, ist derzeit nicht bekannt. Da die Bewegungssteuerung von Kettenfahrzeugen über das Getriebe erfolgt, würde eine solche Funktionalität den autonomen oder ferngesteuerten Einsatz deutlich erleichtern.

Die Nutzung der BOXER-TRACKED-Plattform könnte dem Heer zudem den Vorteil bieten, eine Ausgangsbasis für eine schwere unbemannte Kettenplattform (Heavy UGV) zu schaffen. Diese ließe sich mit unterschiedlichen Missionsmodulen für weitere Einsatzzwecke, beispielsweise als Feuerunterstützungsfahrzeug, ausstatten.

Die mögliche Einführung der Plattform über ein unbemanntes Artilleriesystem wird in Fachkreisen durchaus als zweckmäßig angesehen, da solche Systeme grundsätzlich in einem von eigenen Kräften kontrollierten Raum eingesetzt werden. Dadurch entfallen mehrere technische Hürden, die beim Einsatz unbemannter Bodenfahrzeuge (UGV) unmittelbar an der Front oder im feindlichen Hinterland bestehen. Dazu zählen insbesondere die dauerhafte Aufrechterhaltung einer zuverlässigen Verbindung für den Datenaustausch sowie die Fähigkeit der KI, sich unter Beachtung taktischer Einsatzgrundsätze im Gelände bewegen zu können.

So könnten beispielsweise bemannte Führungselemente die unbemannten Systeme beim Beziehen neuer Räume einweisen und ihnen taktisch sinnvolle sowie sichere Bewegungskorridore für die jeweilige Auftragserfüllung zuweisen. Da diese Bewegungen mehrere Kilometer hinter der eigentlichen Front, im hinteren Bereich der sogenannten „Todeszone“ oder „Grayzone“, stattfinden würden, ließe sich eine solche Einweisung leichter und mit geringerem Risiko umsetzen als im direkten Wirkungsbereich gegnerischer Waffensysteme.

Nach Abschluss der Einweisung könnten sich die Fahrzeuge nach hinten aus dem Gefahrenbereich zurückziehen und sich so auch einem Großteil der Wirkung gegnerischer indirekter Waffen entziehen. Zur Abarbeitung der Feueraufträge würden die unbemannten Haubitzen anschließend selbstständig in den Feuerstellungsraum verlegen und dort die vorgegebenen Aufträge ausführen. Sollten Situationen auftreten, die sie nicht eigenständig bewältigen können, könnte ein menschlicher Bediener die Kontrolle über das jeweilige Fahrzeug aus der Ferne übernehmen.

Mit dem Boxer-Missionsmodul „UxV CS“ hat KNDS Deutschland erst Anfang des Jahres eine Möglichkeit gezeigt, wie ein geeignetes Führungsfahrzeug für unbemannte Artilleriesysteme aussehen könnte. Das Modul ist sowohl mit dem Rad- als auch mit dem Kettenboxer kompatibel und verfügt über fünf Bedienerstationen sowie die notwendige Kommunikationsarchitektur, um unterschiedliche unbemannte Systeme führen zu können. So könnte ein Bediener beispielsweise Aufklärungsdrohnen zur Zielaufklärung steuern, während ein anderer die Artilleriesysteme führt. Weitere Operateure könnten bei Bedarf Relaisdrohnen, Systeme zur Überwachung des Feuerstellungsraums oder Abfangdrohnen einsetzen.

Bislang ist ein solches Einsatzkonzept jedoch noch nicht erprobt worden. Ein Test im Rahmen der Experimentalserie Land dürfte daher sowohl für die Streitkräfte als auch für die Industrie wertvolle Erkenntnisse liefern.

Waldemar Geiger