Bei ihrer in dieser Woche auf der Eurosatory in Paris angekündigten Zusammenarbeit im Bereich Luftverteidigung wollen die beiden Partner LIG Defense & Aerospace (D&A) aus Südkorea und der deutsche Rheinmetall-Konzern einen neuen Flugkörper entwickeln, der insbesondere gegen Gleitbomben eingesetzt werden kann. Der als C-PGM/ESHORAD bezeichnete Flugkörper soll eine Reichweite von 20 Kilometern aufweisen und neben den Gleitbomben auch klassische Luftziele wie Flugzeuge oder Hubschrauber bekämpfen können, wie ein Vertreter von LIG auf der Messe im Gespräch mit hartpunkt erläuterte.
Seinen Worten zufolge, soll der Flugkörper in maximal drei Jahren fertigentwickelt werden, idealerweise jedoch in zwei. Es sei noch nicht festgelegt, welcher Suchkopf zum Einsatz komme. Allerdings könne es sich durchaus um einen RF-Seeker handeln. Die maximale Höhe, die die Waffe erreichen kann, wird mit etwa sechs bis sieben Kilometern angegeben, wobei der eigentliche Bekämpfungsvorgang wohl in einem niedrigeren Höhenband erfolgen soll. Gezeigt wurde in Paris überdies das Modell eines auf einem Lkw verlasteten Werfers für den neuen Interceptor mit insgesamt 16 Zellen.
Die Rakete wird den augenblicklichen Planungen zufolge in das Luftverteidigungssystem Skynex von Rheinmetall eingebunden, in das bislang insbesondere Flugabwehrkanonen eingebunden sind. Der Rheinmetall-Konzern blickt bei Kanonenlösungen auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurück. Maßgebend dabei ist die im Züricher Stadtteil Oerlikon beheimatete Luftverteidigungssparte.
Rheinmetall wird im Rahmen der Kooperation bei der Lenkwaffe unter anderem für die Feuerleitung und die Integration in Skynex verantwortlich sein. Nach Angaben von LIG wird der neue Effektor auf Basis der koreanischen SAAM entwickelt. Offenbar wird darüber nachgedacht, den Flugkörper perspektivisch in Deutschland zu fertigen. Rheinmetall könnte beispielsweise den Gefechtskopf sowie den Raketenmotor beisteuern.
Wie es in einer Pressmitteilung von Rheinmetall heißt, wollen die beiden Unternehmen kurzfristig ein Joint Venture gründen, an dem Rheinmetall die Mehrheitsanteile halten werde. Im Rahmen der Partnerschaft wollen die Unternehmen die Luftverteidigungs-Raketensysteme mittlerer und großer Reichweite (MRAD / LRAD) von LIG D&A in Europa lokalisieren, weiterentwickeln und vermarkten. Dies geschehe in enger Verbindung mit der Nahbereichs-Luftverteidigung (VSHORAD) von Rheinmetall. Dabei dürfen die beiden Partner im Augenblick auf die Schweiz blicken, wo ein entsprechendes Programm läuft.
Als führender Systemintegrator und Hauptauftragnehmer für mehrschichtige Luftverteidigungssysteme hat LIG der Mitteilung zufolge die Entwicklung zahlreicher hochmoderner Abfangsysteme angeführt. Dazu gehören laut Mitteilung L-SAM (ein Luftverteidigungs-Raketensystem großer Reichweite), M-SAM-II (ein Luftverteidigungs-Raketensystem mittlerer Reichweite) und CHIRON (ein tragbares Kurzstrecken-Flugabwehrraketen-System). Mit der kürzlichen Eröffnung seiner europäischen Repräsentanz in München baue der Konzern seine Präsenz auf dem europäischen Verteidigungsmarkt strategisch aus, heißt es weiter.
Interessant wird in diesem Zusammenhang, wie sich der andere große südkoreanische Rüstungskonzern mit Fokus auf Flugkörper und Luftverteidigung, Hanwha Aerospace, in die Gleichung einbringen wird. Denn dem Vernehmen nach hat Hanwha einen Arbeitsanteil von bis zu 90 Prozent an der Anti-Ballistic Missile des L-SAM-Systems, das in einem Höhenband oberhalb des Luftverteidigungssystems Patriot wirken soll.
Die südkoreanische Luftverteidigungssysteme M-SAM und L-SAM sind öffentlich verfügbaren Informationen zufolge im Auftrag des Verteidigungsministeriums gemeinsam von Hanwha und LIG entwickelt worden. So liefert Hanwha unter anderem Radare für das M-SAM- sowie L-SAM-System.
Beim gesamten L-SAM-System soll die Wertschöpfung dem Vernehmen nach überwiegend auf Hanwha entfallen, während bei M-SAM der Großteil von LIG beigesteuert wird. LIG ist offenbar bei beiden Systemen für das Battle Management System zuständig.
Typischerweise liegen in Südkorea die intellektuellen Eigentumsrechte für Rüstungsprodukte bei der Regierung, die über eine staatliche Agentur auch für die Integration von Luftverteidigungssystemen verantwortlich ist, weshalb offenbar sowohl LIG D&A als auch Hanwha beim Export etwa des L-SAM-Systems als Hauptauftragnehmer fungieren können. Vorausgesetzt, die Regierung befürwortet dies.
So gehen Beobachter davon aus, dass die beiden koreanischen Player im Rahmen des Schweizer Vorhabens Bodluv GR 2, bei dem gegenwärtig Alternativsysteme zu Patriot betrachtet werden, mindestens für ein System separate Angebote abgegeben haben. Hintergrund der Initiative im Nachbarland sind die jahrelangen Verzögerungen bei der Lieferung des Patriot-Systems, weshalb die schweizerische Rüstungsbehörde armasuisse weitere Optionen evaluiert. Die Schweiz will entweder ein europäisches System beschaffen oder ein außereuropäisches, das in Europa hergestellt wird.

Koreanischen Medienberichten zufolge arbeiten LIG und Hanwha zwar in vielen Rüstungsprojekten zusammen, befinden sich jedoch in anderen Feldern in einem harten Wettbewerb. Etwa bei der Nutzung Künstlicher Intelligenz oder Sensorik für Kampfpanzer.
Überdies soll es beim Export von Luftverteidigungssystemen in der Vergangenheit zu Konflikten gekommen sein. So hatte LIG D&A laut koreanischen Presseberichten einen Vertrag zur Lieferung des Luftverteidigungssystems Cheongung-II an den Irak ohne vorherige Konsultation mit Hanwha geschlossen. Der daraus resultierende Disput über Preise und Lieferzeiten von Hanwha-Komponenten soll später nach intensiven Verhandlungen beigelegt worden sein. Womöglich haben die Ankündigungen von LIG und Rheinmetall in Paris erneut für eine Überraschung bei Hanwha gesorgt.
Lars Hoffmann

















