Aktuelle Entwicklung der Drohnenkriegsführung im Ukraine-Krieg

Waldemar Geiger

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Drohnen unterschiedlicher Funktion und Ausprägung sind seit geraumer Zeit das prägende Element der Kriegsführung in der Ukraine. Ein vor wenigen Tagen auf The Kyiv Independent veröffentlichtes Interview mit dem Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, General Oleksandr Syrskyj, gibt interessante Einblicke in den aktuellen Stand der Drohnenkriegsführung im Ukraine-Krieg. Von besonderem Interesse sind seine Aussagen zu Drohneneinsätzen in einer Tiefe von 20 bis 250 km sowie Bestrebungen der russischen Streitkräfte zum Aufbau zusätzlicher Drohnenabwehrverbände.

Die Drohnenkriegsführung in der Ukraine kann räumlich grob in drei Zonen unterteilt werden:

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Der oftmals als „Todeszone“ oder „Grayzone“ bezeichnete Abschnitt  bildet dabei die erste Zone mit einer Tiefe von 10 bis 20 Kilometern, ausgehend vom vordersten Verlauf der eigenen Frontstellungen. Diese Zone zeichnet sich bereits seit rund zwei Jahren dadurch aus, dass sie auf beiden Seiten maßgeblich durch die „Klein- und Kleinstdrohnenkriegsführung“ dominiert wird. In dieser Zone operierende Kräfte und Gefechtsfahrzeuge sind einer permanenten Bedrohung der Aufklärung durch Drohnen mit anschließender Bekämpfung – ebenfalls durch Drohnen oder Artillerie – ausgesetzt. Die Kriegsführung in dieser Zone wurde in den vergangenen Jahren bereits ausgiebig beschrieben und wird daher an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt.

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Drohnenkampf in der Tiefe

Nach Aussage von Syrskyj in dem Interview führten die ukrainischen Streitkräfte im April insgesamt fast 357.000 Kampfeinsätze mit Drohnen durch und trafen dabei mehr als 160.700 bestätigte Ziele, was ihm zufolge einem Anstieg von zwei Prozent gegenüber dem März darstellt. Im Entfernungsband 20 bis 250 km – nach Verständnis von NATO-Streitkräften im Verantwortungsbereich der Brigade-, Divisions,- und Korpsebene liegend – wurden gemäß Syrskyj im April dagegen nur 424 russische Ziele angegriffen.

Diese Aussage ist in doppelter Hinsicht interessant:

  1. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums haben sich die Drohnenangriffe gegen russische Ziele in dem 20 bis 150 km reichenden Entfernungsband im April gegenüber Februar vervierfacht. Bei 424 Angriffen im April (20 bis 250 km) dürften zu Beginn des Jahres somit etwa 100 Angriffe in dem für logistische Einrichtungen sowie Führungsstellen wichtigen Raum erfolgt sein.
  2. Bei 160.700 bestätigten Angriffserfolgen im April, entfallen mit den 424 nur etwa 0,25 Prozent auf das Entfernungsband 20 bis 250 km.

Die Zahlen – soweit man davon ausgehen kann, dass diese zutreffend sind und weder das ukrainische Verteidigungsministerium noch Syrskyj bewusst oder unbewusst falsche Aussagen gemacht haben – deuten also weiterhin darauf hin, dass der Drohnenkampf in der Tiefe relativ gesehen am Anfang steht. Sollte sich die zwischen Februar und April zu beobachtende Entwicklung – zunehmende Anzahl von monatlich bekämpften Zielen – jedoch verstätigen, dürfte sich der Effekt des Drohnenkampfes in der Tiefe auf den Kriegsverlauf signifikant auswirken.

Auf die Gründe des geringen Anteiles des Drohnenkampfes in der Tiefe an der Gesamt-Drohnenkriegsführung geht Syrskyj in seinem Interview nicht ein. An fehlenden Wirkmitteln dürfte es eigentlich nicht liegen. So hat der ukrainische Hersteller Deviro mit der Bulava bereits 2024 eine Loitering Munition mit einer Reichweite von bis zu 80 km vorgestellt. Zudem hat der deutsche Hersteller Helsing seit 2024 mehrere Tausend Loitering-Munition-Systeme vom Typ HF-1 und seit Ende 2025 vom Typ HX-2 an die Ukraine geliefert, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Als Erklärung dürfte deshalb die im Vergleich zur Todeszone fehlende Aufklärungsdichte maßgeblich sein, so dass deutlich weniger Ziele aufgeklärt und dementsprechend bekämpft werden können. Der Grund dafür könnte sowohl in der Quantität als auch der Qualität der verfügbaren Aufklärungsdrohnen liegen.

So erfordert der Aufbau des sogenannten transparenten oder gläsernen Gefechtsfeldes eine große Anzahl an Aufklärungsdrohnen. Um die „Transparenz“ dauerhaft aufrechterhalten zu können und gleichzeitig durch Verschleiß, technische Mängel oder Abschuss ausfallende Drohnen ersetzen zu können, bedarf es einer sehr großen Anzahl an Systemen. Die Masse dieser Systeme sind kleine Aufklärungsdrohnen, die nicht über entsprechende Reichweiten verfügen, um jenseits der Grayzone zu operieren. Selbst Aufklärungsdrohnen der 10kg-Klasse dürften mit Entfernungen jenseits der 20 km schnell an ihre Grenzen kommen. Um sicher operieren zu können, müssen die Systeme selbst aus einer sicheren Tiefe – also außerhalb der Masse der feindlichen Bekämpfungsreichweite – gestartet und gesteuert werden. Die Eindringtiefe der Systeme jenseits der Grayzone dürfte daher nur wenige Kilometer betragen, selbst wenn die Kommunikationsreichweite der Datenlinks 60 oder 80 Kilometer beträgt. Zudem kann auch die Flugzeit der Systeme nicht außer Acht gelassen werden. Im Gegensatz zu Strike-Drohnen sollen Aufklärungsdrohnen schließlich auch sicher zurückkehren können.

Größere Systeme, die andere Kommunikationsmittel tragen können und eine deutlich größere Stehzeit verfügen, sind hingegen deutlich teurer und dementsprechend nicht in vergleichbaren Stückzahlen wie kleinere Aufklärungsdrohnen verfügbar. Zudem muss im Entfernungsband 20 bis 250 km ein um ein Vielfaches größerer Raum durch weniger Systeme „bearbeitet“ werden, als es in der Grayzone der Fall ist. Nicht zu vernachlässigen ist zudem der Umstand, dass größere Systeme aufgrund der Größe einfacher aufzuklären sind. Der Einsatz solcher Drohnen ist daher mit einem größeren Ausfallrisiko verbunden.

Da es der Ukraine in den letzten Monaten jedoch gelungen ist, eine Vielzahl russischer Flugabwehrsysteme zu zerstören, dürfte sich auch das Risiko zunehmend verringern. Dies wäre auch ein Erklärungsansatz, wieso sich die Zahl der erfolgreichen Angriffe vom Februar auf den April vervierfacht hat.

Russische Drohnenabwehr

Abseits der ukrainischen Drohnenangriffe auf Distanzen von bis zu 250 km, haben in den vergangenen Wochen und Monaten insbesondere ukrainische Drohnenschläge gegen russische Öl-Infrastruktur und Rüstungsbetriebe Schlagzeilen gemacht. So wurden nach offiziellen Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums allein im April 14 Öl-Raffinerien angegriffen, teilweise in einer Entfernung von mehr als 1.000 km. Auch diese Angriffe in der „tiefen“ Tiefe nehmen in den letzten Monaten konstant zu, so dass offenbar auch die russischen Streitkräfte erhebliche Anstrengungen zur Abwehr solcher Angriffe unternehmen.

In dem angesprochenen Interview mit The Kyiv Independent gibt Syrskyj an, dass die russischen Streitkräfte vier weitere Regimenter, 24 Bataillone und 162 Batterien aufstellen, um effektiver gegen die ukrainischen Drohnenangriffe wirken zu können. Zudem wird Syrskyj zufolge die aus mehreren Schichten bestehende Luftverteidigung rund um Moskau und der Region Krasnodar verstärkt.

Es bleibt abzuwarten, ob es Russland gelingt, ein mit der Ukraine vergleichbares Drohnenabwehr-Ökosystem aufzubauen und zum Einsatz zu bringen. Ein Erfolg dürfte erhebliche Auswirkungen auf die drohnengestützte Fähigkeit der Ukraine zur Bekämpfung von Zielen in der Tiefe haben.

Auch an dem grundsätzlichen Einsatzwert von Einweg-Langstreckendrohnen dürfte eine solche Entwicklung nicht spurlos vorübergehen. So gibt die Ukraine offiziell an, im April 5.861 von insgesamt 6.583 aufgeklärten Drohnen abgewehrt zu haben, was 89 Prozent entspricht. Im Mai wurden sogar Abschusszahlen von 94 Prozent erzielt, als innerhalb von 38 Stunden 1.473 von 1.567 angreifenden Drohnen erfolgreich bekämpft werden konnten.

Air Defence Resultate der Ukraine im April
Luftverteidigungserfolge der Ukraine im April 2026. (Bild: MoD Ukraine)

Sollte nun auch Russland entsprechende „Gegenmittel“ gegen Langstreckendrohnen finden, dürfte das Wirkmittel allgemein an Effektivität und Effizienz verlieren und Kosten-Nutzen-Vorteile gegenüber klassischen weitreichenden Waffensystemen, wie beispielsweise Marschflugkörper und ballistischen Raketen, abnehmen.  

Die beschriebenen Indikatoren deuten insgesamt auf weitere Entwicklungen in der Drohnenkriegsführung hin, die es intensiv zu beobachten gilt.

Waldemar Geiger