Modularität beim Boxer neu denkbar

Waldemar Geiger

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Der 8×8-Radpanzer Boxer wurde mit dem Modularitätsgedanken entwickelt, wonach Fahrmodule und Missionsmodule für den jeweiligen Einsatzbedarf kombiniert und ins Feld gebracht werden können. Eine der ursprünglichen Ideen bestand darin, mehr Missions- als Fahrmodule einzuführen. Dies hätte der Truppe die Fähigkeit verliehen, die Fahrzeugflotte flexibler an den spezifischen Einsatz anpassen zu können. Wenn sich die einsatzbedingte operative Forderungslage über die Jahre geändert hätte – etwa mehr Einsatzunterstützung und weniger Kampftruppe – hätte nur das Missionsmodul neu beschafft bzw. entwickelt werden müssen.

Ein weiterer Vorteil der Trennung von Missionsmodul und Fahrmodul ergibt sich daraus, dass die Instandsetzung unabhängig voneinander betrieben werden kann. Aus einer Flotte von mehreren hundert Fahrmodulen und Missionsmodulen hätten so jeweils einsatzfähige Fahrzeuge kombiniert werden können. Auch der Lufttransport ist mit der Möglichkeit, Fahr- und Missionsmodul voneinander zu trennen, einfacher umsetzbar, da so Gewichtsbeschränkungen der Transportflugzeuge teilweise umgangen werden können.

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Operationalisiert haben sich diese Modularitätsvorteile nur zum Teil. Insbesondere aufgrund von Budgetbegrenzungen wurden nicht, wie ursprünglich angenommen, mehr Missionsmodule als Fahrmodule beschafft. Auch der interne Austausch von Fahr- und Missionsmodulen in der Truppe wird praktisch nicht umgesetzt, da nie genügend Fahrzeuge für eine Vollausstattung beschafft wurden.

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Was hingegen bleibt, sind die Nachteile der Modularität. Die Trennung aus Fahr- und Missionsmodul erfordert eine Schnittstelle, die beide Systemteile zusammenführen kann. Beobachter gehen davon aus, dass eine solche Schnittstelle rund 10 bis 20 Prozent Nutzlastkapazität kostet, weil sowohl das Fahrmodul als auch das Missionsmodul über einen Boden und Wände verfügen müssen, von denen ein Teil wegfallen würde, wenn das Fahrzeug von Beginn an auf eine bestimmte Variante hin entwickelt worden wäre. Kenner der Materie gehen beispielsweise davon aus, dass die Schweißnähte im Boxer rund 40 Prozent länger sind, als dies bei einer vergleichbaren Variante des Radpanzers Piranha der Fall ist. All das schlägt sich auch in einem höheren Produktionspreis nieder.

Kurz gesagt: Modularität bietet Flexibilität, der Preis dafür sind jedoch höhere Kosten und ein höheres Gewicht. Dieser Umstand an sich ist nicht problematisch, da die Vorteile der Modularität in der Nutzung die höheren Kosten in der Beschaffung rechtfertigen können. Schwierig wird die Sache dann, wenn die Vorteile der Modularität in der Nutzung nicht oder nur teilweise ausgespielt werden können, dann bleibt man de facto nur auf den Nachteilen sitzen.

Mit der Vorstellung der „BOXER TRACKED“-Plattform vor fast vier Jahren – auch bekannt als Kettenboxer – hat der Münchener Panzerbauer KNDS Deutschland ein weiteres Element in das Boxer-Ökosystem eingeführt, welches den Modularitätsgedanken der Boxer-Plattform um eine neue, bislang nicht vorhandene Ebene ergänzen kann und Potenzial für zusätzliche taktische sowie logistische Vorteile bietet.

Zusätzliche Mobilität

Während der bisherige Modularitätsansatz beim Boxer auf die Entwicklung unterschiedlicher Missionsmodule fokussiert ist, von denen es mittelweile über 20 unterschiedliche fertigentwickelte Module gibt, bietet die nach KNDS-Aussagen nunmehr marktreife Plattform BOXER TRACKED erstmals eine zusätzliche Variante des Fahrmoduls, die der Boxer-Nutzung eine gänzlich neue Fähigkeit offeriert, nämlich die Mobilität schwierigem Gelände.

Rein mathematisch betrachtet steigt die Variantenvielfalt in einem Rechenbeispiel mit 20 unterschiedlichen Missionsmodulen durch die Einführung eines zweiten Fahrmoduls von 20 auf 40. Taktisch betrachtet sieht die Welt gänzlich anders aus. Taktisch gesehen bedeutet der Umstieg von Rad auf Kette nicht, dass man denselben Weg nun auf eine andere Art und Weise zurücklegen kann, sondern dass man nun „Wege“ nutzen kann, die einem vorher verschlossen waren.

Gefechtsfahrzeuge mit Radantrieb bieten eine hohe strategische Mobilität. Radfahrzeuge spielen ihre Überlegenheit auf Straßen und befestigten Wegen aus. Abseits von Wegen kommen aber selbst 8×8-Fahrzeuge mit modernsten Antriebssystemen nicht an die Geländegängigkeit von Kettenfahrzeugen heran. Besonders deutlich wird dies in Situationen, wo viele Fahrzeuge hintereinander bei schlechter Bodenbeschaffenheit dieselbe Wegstrecke nutzen müssen. In einem solchen Fall wühlen die vorherigen Fahrzeuge den Boden zusätzlich auf, so dass Folgefahrzeuge in den Fahrspuren steckenbleiben können.

Überlegene Mobilität in schwierigem Gelände ist dagegen eines der wesentlichen Merkmale von Gefechtsfahrzeugen mit Kettenantrieb. Fahrzeuge mit Kettenantrieb bieten somit eine hohe taktische Mobilität und ermöglichen eine Geländemobilität unabhängig von Straßen und Wegen. Die unterschiedlichen Mobilitätsgrade zwischen Rad- und Kettenfahrzeugen führen zu dem militärischen Grundsatz, dass üblicherweise Rad Rad und Kette Kette unterstützt. In Gefechtssituationen, wie beispielsweise Angriffen durch eine geöffnete Minensperre, die die Durchfahrt zahlreicher Fahrzeuge hintereinander erfordern, können Mobilitätsunterschiede sonst ganze Angriffe zum Erliegen bringen.

Wieso ist das wichtig?

An dieser Stelle ist es durchaus berechtigt, sich die Frage zu stellen, wieso ist diese zusätzliche Mobilitätsmöglichkeit wichtig? Die Antwort darauf liefert die aktuelle Bedrohungslage.

Mit dem aktuellen Fokus Deutschlands, der NATO und seinen Verbündeten, schnell zusätzlich Verteidigungsfähigkeiten an der NATO-Ostflanke bereitstellen zu können, bietet die Einführung einer Boxer-Kettenplattform mehrere Vorteile.

Zum einen hat sie den logistischen Vorteil, dass die gleichen Missionsmodultypen für die mittlere und die schwere Kräftekategorie genutzt werden könnten. Auch industriepolitisch böte diese Möglichkeit den Vorteil, dass die Beschaffung einer höheren Stückzahl von gleichen Systemen und Ersatzteilen in der Schaffung zusätzlicher Produktionskapazitäten mündet und schlussendlich die Versorgungssicherheit erleichtert bei gleichzeitig günstigeren Beschaffungspreisen. Da der Kettenboxer an sich zudem viele bereits in Bundeswehrfahrzeugen in Nutzung befindliche Bauteile – insbesondere im Antriebsstrang (Kette, Antrieb, Stütz- und Laufrollen, …) nutzt, ergeben sich weitere logistische Vorteile im Betrieb.

Ein weiteres Plus ist der Faktor Zeit. Derzeit sind in der Bundeswehr folgende Boxervarianten qualifiziert und in Nutzung: Führungsfahrzeug, Gruppentransportfahrzeug, schweres geschütztes Sanitätskraftfahrzeug und Fahrschulfahrzeug. In der Qualifikation und Einführung befinden sich zudem weitere vier Varianten: Schwerer Waffenträger Infanterie, Flugabwehrsystem Skyranger, Radschützenpanzer Schakal sowie die Radhaubitze RCH 155. Weiterhin werden folgende Varianten für die Bundeswehr entwickelt: Joint Fire Support und Flugabwehrraketensystem Iris-T SLS. In Summe also zehn Varianten. Durch die Einführung und Qualifizierung einer weiteren Träger-Plattform, könnten die oben aufgeführten Missionsvarianten ohne großen zusätzlichen Aufwand kettenbeweglich gemacht werden und so schneller für die Unterstützung der Schweren Kräfte bereitgestellt werden – entweder durch Umnutzung bereits in Nutzung befindlicher Module oder zusätzlicher Beschaffung in Produktion befindlicher Systeme. Die Vollausstattung der Landstreitkräfte mit allen zusätzlichen Systemen sowie Fähigkeiten würde so vermutlich mehrere Jahre früher gelingen. Am einfachsten verständlich wird dies am Beispiel eines Rohrartilleriesystems oder eines Flugabwehrkanonenpanzers.

Anstatt eine Radhaubitze sowie einen Flugabwehrpanzer auf Rad für die radbeweglichen Truppenteile zu entwickeln und parallel eine Panzerhaubitze sowie einen klassischen Flugabwehrkanonenpanzer zur Unterstützung der Panzer- und Panzergrenadiertruppe, kann nun ein und dasselbe System für beide „Welten“ beschafft werden, ohne dass Kompromisse in der Mobilität hingenommen werden müssen. Gleiches gilt für die bereits in Nutzung befindliche Sanitätsvariante, die quasi über Nacht auch den Panzer- und Panzergrenadierbrigaden zur Verfügung gestellt werden könnte. Derzeit verfügt die Bundeswehr über kein geschütztes Sanitätsfahrzeug, welches gepanzerte Verbände auch im schwierigsten Gelände bis in die vordersten Stellungen unterstützen kann.

Schlussendlich bietet der Ansatz auch einen weiteren taktischen Vorteil. In einem hypothetischen Fall, in dem „einfach“ nur mehrere hundert Ketten-Fahrmodule beschafft würden, wäre die Bundeswehr im Handumdrehen in der Lage, Mittlere Kräfte vollständig kettenbeweglich zu machen. Die Voraussetzung dafür wäre eine parallele Schulung der Kraftfahrer sowie des Instandsetzungspersonals, um sowohl das Rad- als auch das Ketten-Fahrmodul fahren und instandsetzen zu können.

Fazit

Die Einführung eines zusätzlichen Fahrmoduls mit neuen Fähigkeiten böte das Potenzial, sowohl die Modularität des Boxer-Ökosystems zu verbessern, als auch die Reaktionsfähigkeit der Streitkräfte sowie die Geschwindigkeit der Nachrüstung zu erhöhen.

Die zeitnahe Qualifizierung sowie die anfängliche Beschaffung einer geringen Anzahl an Boxer-TRACKED-Plattformen würde es den Streitkräften zudem bei vergleichsweise überschaubaren Kosten und Risiken ermöglichen, die oben aufgeschriebene Theorie in der Praxis einsatznah zu erproben. Sollten sich das aufgeführte Potenzial tatsächlich heben lassen, hätte man alle Voraussetzung für eine schnelle und breite Einführung der Systeme in die Truppe.

Waldemar Geiger