Europas Oreshnik-Problem: Technische Einschränkungen, Opportunitätskosten und ungelöste Abschreckungsdefizite

Fabian Hoffmann

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In der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 2026 startete Russland den zweiten bestätigten Oreshnik-Raketenangriff gegen die Ukraine. Der Start bestätigt zwar die operativen Einschränkungen des Raketensystems, aber der Angriff verdeutlicht auch das Dilemma, das die Rakete für die europäische Verteidigung darstellt.

Leistungsprofil

Bei der Oreshnik handelt es sich offenbar um eine ballistische Mittelstreckenrakete mit einer geschätzten maximalen Reichweite von etwa 3.000 bis 5.500 Kilometern. Sie ist Berichten zufolge mit bis zu sechs MIRV-Gefechtsköpfen ausgestattet, die unabhängig voneinander in die Atmosphäre widereintreten, um separate Ziele anzugreifen. Jeder Gefechtskopf soll bis zu sechs Submunitionen tragen, die in der Endphase des Fluges abgeworfen werden und so eine Flächenwirkung um das beabsichtigte Ziel herum erzielen.

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Der operative Einsatz lässt vermuten, dass die Rakete eine inerte Nutzlast trägt, d.h. dass sie nicht mit hochexplosivem Sprengstoff ausgestattet war. Ihre tödliche Wirkung beruht vielmehr auf der Masse und Geschwindigkeit der Submunitionen beim Aufprall. Angesichts der hohen Endgeschwindigkeit der Nutzlast (die von einigen russischen und ukrainischen Quellen auf Mach 10-11 geschätzt wird, wobei dies wahrscheinlich eine Obergrenze darstellt) können selbst relativ leichte Submunitionen eine beträchtliche kinetische Energie auf ein Ziel übertragen, die ausreicht, um oberirdische Betonkonstruktionen schwer zu beschädigen.

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Der „Stammbaum“ der Rakete lässt sich bis zur RS-26 Rubezh zurückverfolgen, die zwischen 2008 und 2018 entwickelt wurde, aber vor Erreichen der vollen Einsatzfähigkeit stillgelegt wurde. Die RS-26 wurde als nukleares Trägersystem konzipiert, getestet und öffentlich vorgestellt. Daher ist die Oreshnik sehr wahrscheinlich doppelt einsetzbar, d. h. sie kann sowohl nicht-nukleare als auch nukleare Nutzlasten transportieren. Es bleibt unklar, ob Russland die Oreshnik bereits für den nuklearen Einsatz zertifiziert hat, obwohl dies technisch vergleichsweise unkompliziert sein dürfte und vermutlich nur begrenzte Anpassungen erfordern würde, etwa eine Neugewichtung der Rakete, um Veränderungen in der Gewichtsverteilung Rechnung zu tragen.

Operative Einschränkungen

Der Einsatz der Rakete sowohl im November 2024, als sie zum ersten Mal zum Einsatz kam, als auch beim jüngsten Angriff auf Lwiw deutet auf eine begrenzte Treffgenauigkeit hin. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass die Wiedereintrittskörper nicht einzeln gesteuert werden, sondern nach der Trennung von der Post-Boost-Stufe einem schwerkraftgesteuerten Abstieg folgen.

Infolgedessen ist die Oreshnik gegen die meisten Punktziele, darunter einzelne Gebäude, Flugabwehrstellungen oder feindliche Abschussvorrichtungen, nur sehr begrenzt einsetzbar. Allerdings kann die Rakete gegen bestimmte Flächenziele, darunter Wohngebiete sowie größere Industrieanlagen, eine gewisse Wirksamkeit entfalten.

Einige Analysten vermuten darüber hinaus, dass gruppierte Oreshnik-Angriffe mit mehreren Raketen und Hunderten von Submunitionen große NATO-Luftwaffenstützpunkte wie Ramstein ernsthaft bedrohen könnten. Diese Einschätzung ist nicht falsch. Angesichts der hohen Kosten jeder Oreshnik-Rakete, die zwar nicht bekannt sind, aber vermutlich deutlich über dem Preis der gängigeren ballistischen Kurzstreckenraketen im russischen Arsenal liegen, wäre eine solche Art von Angriff sehr kostspielig. Sofern er keine Schäden verursacht, die nicht schnell behoben werden können, wäre ein entsprechender Einsatz möglicherweise nicht besonders kosteneffizient.

Angesichts eines CEP von mehreren hundert Metern pro Submunition sowie des Fehlens von Sprengstoff in Kombination mit vorfragmentierten Sprengkopfgehäusen, die überlappende Fragmentwolken erzeugen könnten, gibt es derzeit offenbar nur wenige konventionelle Anwendungsfälle für die Rakete. Entsprechend eignet sich die Oreshnik vor allem für Angriffe auf große und weiche Flächenziele sowie als Instrument der Eskalationskontrolle, indem sie Russlands vermeintliche Fähigkeit zur Eskalation im Flugkörperbereich signalisiert.

Opportunitätskosten

Eine zweite Einschränkung der Rakete sind die damit verbundenen Opportunitätskosten. Der russische Raketensektor ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen, dürfte aber mittlerweile seine maximale Kapazität erreicht haben oder nahe daran sein. Jede weitere Expansion würde zusätzliche Industrieanlagen und mehr Arbeitskräfte erfordern, beides Faktoren, die in Russlands überbeschäftigter und finanziell eingeschränkter Wirtschaft nur begrenzt verfügbar sind.

Hinzu kommen materielle Einschränkungen. Ähnlich wie viele andere Länder dürfte auch Russland mit einem Mangel an energetischen Ausgangsstoffen wie Nitrocellulose oder Ammoniumperchlorat konfrontiert sein, die für die Herstellung von Festtreibstoffen und Sprengstoffen benötigt werden. Dies bedeutet, dass die für die Oreshnik-Produktion bereitgestellten Ressourcen nicht für andere Programme zur Verfügung stehen, darunter zusätzliche ballistische Raketen vom Typ 9M723 und Kh-47M2 Kinzhal sowie für die Aufrechterhaltung der feststoffgetriebenen nuklearen ICBM-Streitkräfte.

Sofern Russland keine erheblichen Vorteile durch den großflächigen Einsatz von Oreshnik-Raketen sieht, die hier nicht ersichtlich sind, wird das System wahrscheinlich eine Nischenfähigkeit bleiben, die in begrenzter Stückzahl produziert und eingesetzt wird. Russland könnte zwar einige Dutzend Oreshnik-Raketen pro Jahr bauen, aber dies würde immer noch weit unter den mehreren hundert anderen konventionellen Raketen liegen, die es jährlich herstellt und die sowohl im Kontext des Krieges in der Ukraine als auch darüber hinaus wohl einen zuverlässigeren Nutzen bieten.

Das Oreshnik-Dilemma

Oreshnik stellt dennoch ein Dilemma für europäische Entscheidungsträger dar. Dieses Dilemma ergibt sich weniger aus den technischen Eigenschaften der Rakete als vielmehr aus den politischen Herausforderungen, die sie mit sich bringt.

Erstens erscheint aus militärischer Sicht angesichts der begrenzten Wirksamkeit konventionell bewaffneter Oreshnik-Raketen gegen die meisten relevanten Ziele, kombiniert mit der geringen verfügbaren Stückzahl sowohl absolut als auch im Verhältnis zu höher priorisierten Raketen im russischen Arsenal, eine zurückhaltende Reaktion auf die Oreshnik-Bedrohung am umsichtigsten. Es gibt sogar Argumente dafür, das System weitgehend zu ignorieren und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, die moderaten Schäden zu beheben, die es an Flächenzielen verursachen könnte, während man das marginale Risiko akzeptiert, dass eine Submunition zufällig eine zivile oder militärische Anlage höherer Priorität zerstört oder schwer beschädigt.

Aus politischer Sicht dürfte dieses Argument jedoch schwer zu verkaufen sein. Würde beispielsweise die deutsche Öffentlichkeit diese Erklärung akzeptieren, wenn Deutschland zum Ziel eines Oreshnik-Angriffs würde, und würde sie zustimmen, dass die wenigen Arrow-3-Abfangraketen für Ziele mit höherer Priorität reserviert werden sollten (z. B. die Variante der 9M723 mit erweiterter Reichweite, die Berichten zufolge in Dienst gestellt werden soll)? Die Antwort ist nicht offensichtlich, aber es ist plausibel, dass die politische Führung in einem solchen Szenario von der militärischen Argumentation abweichen könnte.

Zweitens bedeutet die doppelte Einsatzfähigkeit von Oreshnik, dass Entscheidungsträger zumindest grundsätzlich davon ausgehen müssten, dass jedes ankommende Projektil mit einem Nukleargefechtskopf bestückt sein könnte. In der Praxis geben kontextbezogene Hinweise auf den Stand des Konflikts Aufschluss darüber, ob es sich bei der Nutzlast wahrscheinlich um eine nukleare oder nicht-nukleare handelt. Dennoch besteht bis zum Aufprall keine Gewissheit. Infolgedessen könnte es erneut eine politische Notwendigkeit geben, zu versuchen, jeden anfliegenden Oreshnik-Sprengkopf abzufangen, wodurch die begrenzten Vorräte an Abfangraketen schnell aufgebraucht würden.

Lösung des Dilemmas

Die Lösung dieses Dilemmas ist konzeptionell einfach, für die europäischen Staaten jedoch derzeit schwer umsetzbar, insbesondere ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten.

Nicht-nukleare Oreshnik-Angriffe lassen sich am besten durch eine glaubwürdige nicht-nukleare Gegenschlagfähigkeit gegenüber Russland verhindern. Nukleare Oreshnik-Angriffe lassen sich am besten durch die eigenen Nuklearstreitkräfte der NATO abschrecken, die im Idealfall eine nukleare „Tit-for-Tat“ und letztlich eine Countervalue-Fähigkeit bieten sollten, um sowohl den begrenzten als auch den groß angelegten Einsatz russischer Nuklearwaffen abzuschrecken. Europäische Raketenabwehrsysteme, darunter Arrow 3 in Deutschland oder Aegis Ashore in Polen, sind letztlich nicht ausreichend, um russische nicht-strategische oder strategische Nuklearangriffe abzuwehren, unabhängig davon, welches Raketensystem eingesetzt wird.

Leider sehen sich die europäischen Staaten derzeit mit einer erheblichen Lücke in ihren Fähigkeiten im Bereich der Deep-Strike-Waffen konfrontiert, darunter ballistische Raketensysteme mittlerer bis intermediärer Reichweite, die mit Oreshnik vergleichbar sind. Diese Fähigkeiten werden zwar schrittweise entwickelt und eingesetzt, doch dürfte es noch mehrere Jahre dauern, bis Europa über die erforderlichen Typen und Mengen an entsprechenden Waffensystemen verfügt.

Darüber hinaus sind die nuklearen Fähigkeiten Europas ohne die Vereinigten Staaten sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht begrenzt und reichen nicht aus, um Russlands großes und vielfältiges Atomwaffenarsenal, einschließlich seines ausgeprägten Vorteils bei nicht-strategischen Atomwaffen, glaubwürdig zu bekämpfen. In einem Konflikt mit der NATO, insbesondere in einem Konflikt, an dem die Vereinigten Staaten nicht beteiligt sind, würde Russland daher weiterhin über erhebliche Druckmittel im nuklearen Bereich verfügen.

Insgesamt stellt Oreshnik eine Herausforderung für die europäische Sicherheit dar. Diese Herausforderung ergibt sich weniger aus den technischen Eigenschaften der Rakete, die nach wie vor überbewertet werden, als vielmehr aus der Art und Weise, wie sie bestehende Lücken in den europäischen Fähigkeiten aufzeigt und verstärkt, die dringend angegangen werden müssen.

Autor: Fabian Hoffmann ist Doktorand am Oslo Nuclear Project an der Universität Oslo. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der aktualisierte Beitrag erschien erstmalig am 11. Januar 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.