Die in der vergangenen Woche abgeschlossenen Systemtests im Rahmen des Projektes „Digitalisierung Landbasierter Operationen“ (D-LBO) haben erhebliche Defizite bei der Umsetzung zu Tage gefördert. „Es gibt Fortschritte, aber es hakt auch noch deutlich an leider zu vielen Stellen“, sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius heute auf einer Pressekonferenz im Anschluss an ein Spitzengespräch mit Industrievertretern, die an D-LBO beteilgt sind. Als positiv bewertete Pistorius, dass viele Mängel beim Führungsfunkgerät abgestellt werden konnten. Dazu zählte er Softwarefehler, die zu einer langen Übertragungsdauer geführt hatten. Die Verschlüsselungstechnik sei „State of the Art“, so der Minister.
Vieles klappe aber noch nicht, räumte er ein. „Wesentliche Probleme bei der Datenübertragung und bei hoher Systemauslastung konnten bislang nicht beseitigt werden“, sagte Pistorius. Beim Zusammenspiel einzelner Softwarekomponenten hake es. „Unbefriedigend waren auch die Reichweite-Tests und sie blieben zum Teil deutlich hinter den Erwartungen zurück.“ Die Industrie konnte dem Minister zufolge noch nicht genug Musterintegrationen der rund 200 verschiedenen umzurüstenden Fahrzeugplattformen zeitgerecht abschließen. „Damit verschiebt sich natürlich logischerweise auch der Zeitplan für die Serienintegration.“
Aus diesem Grund wird nun laut Pistorius umgesteuert und bei der Serienintegration neue Wege gegangen. So werden zunächst die Fahrzeuge umgerüstet, die für die Einsatzbereitschaft nicht die allergrößte Bedeutung haben. Dies gebe der Bundeswehr und vor allem der Industrie Zeit, Probleme für die einsatzrelevanten Fahrzeuge zu lösen. Die reguläre Serienintegration solle aber Anfang 26 starten. Nach Aussage vom Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, soll nach dieser Zwischenphase ab Sommer kommenden Jahres die verbandsweise Umrüstung, die ursprünglich von Beginn an vorgesehen war, aufgenommen werden.
Die Bundeswehr muss sich aufgrund des Verzugs bei der Serienintegration auf mehr „Mischbetrieb“ einstellen. Dieser beschreibt die Kommunikation zwischen Fahrzeugen mit digitalen und den alten analogen Funkgeräten. „Dieser Mischbetrieb war ohnehin vorgesehen. Das leuchtet, glaube ich, jedem ein, weil bei der Umrüstung von mehr als 10.000 Fahrzeugen über Jahre hinweg ohne Mischbetrieb eine vernünftige Kommunikation nicht möglich gewesen wäre“, unterstrich der Minister. Durch die neue Reihenfolge bei der Umrüstung werde der Mischbetrieb noch mal an Bedeutung gewinnen und habe absolute Priorität. „Auch da hakt es aber im Moment noch“, räumte Pistorius ein. „Derzeit klappt zwar die Sprachübertragung sehr gut, aber bei der Datenübertragung stehen wir seitens der Industrie noch vor Problemen.“ Nach Aussage des Ministers wollen die beteiligten Unternehmen „mit maximalem Personalaufwand“ darangehen, die Probleme schnell zu lösen.
„Um Monitoringberichterstattung und Überblick über einzelne Schritte zu verbessern, richten wir im BMVg eine Stabsstelle im Leitungsbereich ein, die sich ausschließlich um die Koordinierung des Projekts kümmert. Sie wird beim Generalinspekteur und bei Staatssekretär Plötner angebunden sein“, kündigte Pistorius an. Dieses Stabselement werde das Projekt koordinieren, eng begleiten und Fortschritte kontrollieren. Die zuständige Person werde das Haus in kurzen Abständen nicht nur regelmäßig über den Sachstand aufklären, sie werde auch den jeweiligen Handlungsbedarf herausstellen.
Außerdem werde die Projektkontrolle im Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw gestärkt. „Sie wissen, dass wir im BAAINBw ohnehin einen Reorganisationsprozess planen und dieser Teil wird quasi vorgezogen. Dabei geht es um bessere Kontrolle und besseres Monitoring und Begleitung des Projekts. Aus diesem Grund werden wir zusätzlich dauerhaft einen Koordinator vor Ort in Munster haben. Auch das ist mit der Industrie besprochen.“
Nach dem Gespräch mit den Unternehmensvertretern halten alle Beteiligen an der digitalen Ausrüstung der Division bis 2027 als Ziel fest. Um dies zu erreichen, soll die Testaktivität deutlich ausgebaut werden. „Nicht nur diesen großen System-Nachweistest wie jetzt im November. Die bleiben bestehen, aber es wird fortlaufend im laufenden Prozess Tests geben und entsprechende Rückmeldungen“, so Pistorius. Kontinuierlich müssten die noch immer bestehenden Probleme eines nach dem anderen gelöst werden. Das passiere in noch engerer gemeinsamer Abstimmung zwischen allen beteiligten Unternehmen. „Und von der Truppe vor Ort muss diese Lösung unverzüglich, also auch im Prozess getestet werden und für einsatztauglich befunden werden.“ Auch das werde das Projekt noch einmal beschleunigen und erleichtern.
„Alle wissen, dass dieses Projekt für die Landstreitkräfte, für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands, aber auch für die für das Ansehen der Industrie eine große Rolle spielt. Und deswegen bin ich sehr froh über ein selbstverständliches, aber noch einmal verstärktes Commitment und ein klares Bekenntnis auch dazu, die Bemühungen noch weiter zu intensivieren“, sagte Pistorius. „Es gibt zur Digitalisierung der Landstreitkräfte keine verantwortbare Alternative. D-LBO bedeutet einen Technologiesprung von 40 Jahren. Den schafft man nicht in ein paar Monaten. Nur so werden unsere Landstreitkräfte sicher und interoperabel untereinander, aber eben auch mit unseren Verbündeten kommunizieren können.“
Rheinmetall-CEO Armin Papperger wies in der Presskonferenz darauf hin, dass es sich bei D-LBO um eines der weltweit anspruchsvollsten Modernisierungsvorhaben der Funkkommunikation im militärischen Bereich handelt. „Es gibt nichts Vergleichbares im Augenblick weltweit.“ Die Industrie müsse das Problem lösen und werde dies auch tun. „Bis Ende 2027 wollen wir die erste Heeresdivision umgerüstet haben. Und um das zu machen, müssen wir 6.000 Fahrzeuge umrüsten.“ Die Industrie werde die Kapazität verdoppeln.
„Schon bis Mitte 2026 werden wir über 1.000 Fahrzeuge digital umgerüstet haben. Das sind zu 80 Prozent militärische LKWs.“ Erstens könne man diese schneller umrüsten und zweitens werde etwas Zeit für die hochkomplexen Geräte gewonnen. Papperger zufolge werden zu den umgerüsteten Fahrzeugen auch die Unterstüzungpanzer Büffel und Dachs gehören sowie Transportpanzer Fuchs. „Noch bis Ende 2025 werden wir über 200 Fahrzeuge umgerüstet haben. Ab der zweiten Jahreshälfte 2026 werden wir zunehmend dann die Gefechtsfahrzeuge umrüsten“, kündigte er an. Der Rheinmetall-Chef wies darauf hin, dass sich aufgrund der Digitalisierung auch der Strombedarf der Fahrzeuge erhöht. „Es müssen Stromgeneratoren, es müssen Motoren verändert werden etcetera. Das heißt, die Fahrzeuge werden komplett umgebaut. Wir wissen das. Wir sind vorbereitet darauf.“
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