Mit der heute verkündeten Übernahme von Naval Vessels Lürssen (NVL) will der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall seinen Footprint im Marine-Sektor massiv vergrößern. Vorstandschef Armin Papperger sieht eine hohes Wachstumspotenzial für das Geschäft und kann sich vorstellen, dass der im laufenden Jahr erwartete Umsatz von NVL von etwa 1,3 Milliarden Euro nach Eingliederung in den Rheinmetall-Konzern bis 2030 auf etwa 5 Milliarden Euro steigen könnte. Wie er heute bei einer Telefonkonferenz mit Analysten ausführte, könnten davon rund 3 Milliarden Euro auf den deutschen Markt und der Rest auf zusätzliches internationales Geschäft entfallen. Den Auftragsbestand von NVL bezifferte Papperger auf etwa 5 Milliarden Euro, überwiegend mit dem deutschen Kunden.
Mit der Integration von NVL in Rheinmetall entsteht nach Vorstellung des Düsseldorfer Konzerns ein maritimes Powerhouse für Überwasserschiffe. Papperger will dabei nicht nur das klassische Werftgeschäft weiterführen, sondern auch in die Segmente Führungssysteme und Kommunikation, Raketen und Launcher sowie Sensoren und Radare einsteigen. Dabei werde man mit Partnern zusammenarbeiten und mitunter Joint Ventures gründen, sagte Papperger.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Berichterstatter für die Marine Bastian Ernst begrüßte die Übernahme: „Dieser Zusammenschluss ist eine gute Nachricht für beide Unternehmen, für die Arbeitnehmer und für den Rüstungsstandort Deutschland. Rheinmetall und NVL sind in ihren jeweiligen Bereichen schon jetzt führende Unternehmen der Verteidigungsindustrie. Durch den Zusammenschluss entstehen Synergieeffekte und es wird ein Verteidigungspowerhaus entstehen, dass sowohl unsere Bundeswehr als auch die Armeen unserer Partnerländer mit dringend benötigten Rüstungsgütern versorgen kann.“ Der CDU-Politiker erwartet, dass der Zusammenschluss bestehende Arbeitsplätze sichert und neue schafft, nicht zuletzt in der Wesermarsch.
Auch der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) begrüßt die angekündigte Übernahme der NVL durch Rheinmetall. Die Bündelung der Systemkompetenzen für die maritime Domäne unter dem Dach eines Domänen-übergreifenden Systemhauses könne die Schlagkraft des Überwasser-Marineschiffbaus in Deutschland weiter stärken, heißt es in einem Statement des VSM. Auch für die Mitarbeiter der NVL bringe dieser Schritt langfristige Stabilität und sehr gute Entwicklungsperspektiven.
Durch die Übernahme einer der renommiertesten Adressen im deutschen Marineschiffbau könne Rheinmetall als starker deutscher Akteur künftig auch im europäischen Kontext die notwendige Konsolidierung im Marineschiffbau aktiv mitgestalten, schreibt der VSM. „Ein guter Tag für die deutsche Schiffbauindustrie“, so Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbandes.
„Der Einstieg von Rheinmetall in den Überwasserbereich des maritimen Sektors und die Übernahme von NVL unterstreichen die strategische Bedeutung und das große Potenzial des gesamten maritimen Verteidigungssektors“, kommentierte TKMS, der größte deutsche Marineschiffbauer, der nach eigener Aussage als einziges Unternehmen in Europa, die Segmente Unterwasser, Überwasser, Elektroniksysteme und Software unter einem Dach vereint.
Der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Daniel Friederich, ist dagegen mit seiner Stellungnahme zur angekündigten Übernahme deutlich zurückhaltender: „Nun gibt es Klarheit über das gemeinsame Ziel von Rheinmetall und Lürssen. Es bleiben für die Beschäftigten und Arbeitnehmervertretungen viele Fragen offen. Beispielsweise fehlen das industriepolitische Konzept und die konkret geplanten Synergien, von denen bei Rheinmetall die Rede ist“, so Friederich.
Aufgrund der guten Auftragslage sieht er kurzfristig keine Gefahr für die Beschäftigten. „Ohne Sicherheit von Standort und Beschäftigung sowie guter Tarifverträge wird eine neue Struktur unter Rheinmetall nicht funktionieren“, mahnt der Gewerkschafter. „Rheinmetall und Lürssen sind gefordert, schnellstmöglich für Transparenz zu sorgen und den Beschäftigten an den norddeutschen Standorten die bestehende Unsicherheit zu nehmen.“
Bei der heutigen Analysten-Konferenz hatte Papperger jedoch bereits Hinweise auf die angestrebten Synergien gegeben. So können seinen Worten zufolge die Werften neben Schiffen auch Chassis von Militärfahrzeugen – von denen Tausende bestellt werden – produzieren. Denn die Werften seien in der Lage, Stahl zu schneiden, zu beschichten und zu schweißen, teilweise mit modernen Robotern. Auch die Herstellung von Leitungen sei für andere Bereiche interessant, etwa beim Bau von Pulverfabriken. Dadurch spare Rheinmetall hohe Investitionssummen für den Aufbau von Fertigungskapazitäten. Papperger lobte die hohe Qualifikation der NVL-Mitarbeiter und das professionelle Management. Womöglich könne auch ein Teil der jährlich über 8 Milliarden Euro an Aufträgen, die Rheinmetall in die Supply Chain gebe, in den Werftverbund fließen.
Neben diesen Vorteilen für die NVL-Standorte sieht Papperger im Aufbau eines „Navy Hub“ einen zweiten strategischen Ansatz, um die Wertschöpfung zu steigern. Dabei soll NVL um bereits im Rheinmetall-Portfolio enthaltene Produkte und Partner-Netzwerke erweitert werden. Potenzial für eine neues Systemhaus bestehe etwa bei Marinegeschützen, Raketenabwehr, Sensoren, Battle Management Systems und elektronischen Komponenten.
Darüber hinaus verfügt Rheinmetall über eine weltweit aktives Vertriebsnetz, das für die Marinesparte genutzt und ausgebaut werden soll. In Europa sieht das Unternehmen neben Deutschland vor allem Marktchancen in Italien, Griechenland und der Türkei. Papperger zufolge gibt es neben weiteren Geschäftschancen im Mittleren Osten auch eine hohe Nachfrage in ostasiatischen Ländern wie Indonesien, Singapur und Neuseeland. In den USA fehle es an Werften, was womöglich gemeinsam mit Partnern Geschäftschancen eröffne.
Dem CEO zufolge besteht ein erhebliches Wachstumspotenzial bei Munition für die Marine. So sind nach Angaben von Rheinmetall im Bundeshaushalt bis 2029 für Marinewaffen und -munition rund 9 Milliarden Euro vorgesehen und bis 2035 sogar rund 18 Milliarden Euro. Für dieses Segment will Papperger mit Partnern möglichst eine eigene Flugkörperproduktion aufziehen. Sein Unternehmen arbeite gerade am Aufbau einer Herstellungslinie von Raketenmotoren, diese könnte man auf eine Endfertigungslinie mit Flugkörpern ausweiten. Der Rheinmetall-CEO schaut dabei offensichtlich insbesondere auf Partner in den USA, die bislang die wichtigsten Lieferanten solcher Waffen für die Bundeswehr sind.
Lars Hoffmann


















