Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall wird neben seinem angestammten Geschäft mit großkalibrigen Waffen, Landsystemen, Kommunikation und Software in Zukunft auch im Flugzeugbereich, Lenkflugkörpern und Satelliten mitmischen. Damit fehlt nur noch eine bedeutende Sparte zur Abrundung der eigenen Angebotspalette: Der Marinesektor.
Das könnte sich womöglich ändern, wie Rheinmetall-CEO Armin Papperger Anfang des Monats in einer Telefonkonferenz mit Analysten ausführte: „Im Bereich Marine befinden wir uns derzeit in Verhandlungen mit Partnern, und ich hoffe, dass wir Ihnen als Investoren in den nächsten fünf, sechs, vielleicht sieben Wochen einen Überblick darüber geben können, was wir tun“, sagte Papperger in der Konferenz. „Wir unterliegen in diesem Bereich der Geheimhaltung, aber wir glauben, dass wir auch im Marinebereich ein wirklich großes Geschäft aufbauen können.“ Es sei die Absicht von Rheinmetall, in den Marinebereich zu investieren, um das Produktportfolio des Konzerns zu erweitern, so der Rheinmetall-Chef weiter.
Wie hartpunkt aus gut informierten Kreisen in Berlin erfahren hat, sollen dazu Gespräche unter anderem zwischen Rheinmetall und dem zur Lürssen-Gruppe gehörenden Marineschiffbauer NVL Group mit Sitz in Bremen geführt werden. Ein Rheinmetall-Sprecher teilte auf Nachfrage mit, dass man Gerüchte zu M&A-Themen nicht kommentiere. Einer NVL-Sprecherin zufolge äußert sich das Unternehmen zu Spekulationen grundsätzlich nicht öffentlich. Weitere Auskunft dazu könne man nicht geben.
Sollten die Gespräche tatsächlich stattfinden, eine Beteiligung zum Inhalt haben und Rheinmetall am Ende den Zuschlag erhalten, könnte der Rüstungskonzern bei einem der größten Produzenten von Marineschiffen in Deutschland einsteigen, mit vier Werften in mehreren Bundesländern. Nach Angaben von NVL beschäftigt das Unternehmen aktuell gut 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit, 1.700 davon in Deutschland.
NVL-Standorte und Werften in Deutschland umfassen den NVL-Hauptsitz und NVL Services in Bremen, Blohm+Voss und die Norderwerft in Hamburg, die Peene-Werft und das KBO-Konstruktionsbüro Ost in Wolgast sowie die neue Jadewerft in Wilhelmshaven. Dazu ist NVL in den Ländern Ägypten, Bulgarien, Brunei, Kroatien und Singapur vertreten.
Es ist das erklärte Ziel von Rheinmetall-CEO Papperger, seinen Konzern in den kommenden Jahren zu einem echten Global Player mit entsprechendem Umsatz zu machen. Diese Strategie kann nicht nur mittels eines organischen Wachstums erreicht werden, sondern erfordert auch den Erwerb von Unternehmen. Damit würde ein Kauf von NVL durchaus ins Bild passen. Dem Vernehmen nach plant Rheinmetall bereits damit, seine Struktur für die neue Sparte anzupassen und eine neue Division für das Marine-Geschäft aufzustellen.
Bereits in der Vergangenheit hatte Papperger Presseberichten zufolge Interesse am Erwerb des größten deutschen Marineschiffbauers TKMS gezeigt. Eine Übernahme kam jedoch nicht zustande.
Hintergrund einer möglichen Beteiligung von Rheinmetall an NVL könnte sein, dass bei der familiengeführten Lürssen-Werft bislang kein Nachfolger für das Geschäft aus dem Familienkreis präsentiert wurde. Mittlerweile hat sich Mitgesellschafter Friedrich Lürßen, der insbesondere das militärische Geschäft der Werft über viele Jahre bestimmte, aus der aktiven Leitung zurückgezogen. 2021 war die Naval Vessels Lürssen (NVL) aus der Fr. Lürssen Werft ausgegründet worden. In der NVL wurde der Marineschiffbau zusammengefasst. Geführt wird die NVL gegenwärtig von Tim Wagner.
Bereits in der Vergangenheit, hatte Lürssen verschiedene Anläufe unternommen, um zusammen mit Partnern die Konsolidierung des deutschen Marineschiffbaus voranzubringen, die jedoch nicht von Erfolg gekrönt waren. So hatten Lürssen und die Kieler GNYK im Mai 2020 angekündigt, ihre Marinesparten in einem Gemeinschaftsunternehmen zusammenlegen zu wollen, was jedoch nicht umgesetzt wurde.
Im Mai 2021 war dann berichtet geworden, dass die damalige Marinesparte von Lürssen und TKMS (seinerzeit noch tkMS) ein Memorandum of Understanding (MoU) über den Zusammenschluss der beiden Partner unterzeichnet hatten. Vorgeschlagen wurde, dass sich auch die Bundesregierung an dem neuen nationalen Champion im Marineschiffbau beteiligen sollte. Die Regierung zeigte jedoch kein Interesse, so dass die Fusion letztendlich abgeblasen wurde. Mittlerweile hat sich der Essener thyssenkrupp-Konzern dazu entschieden, seine Marinesparte TKMS abzuspalten und an die Börse zu bringen.
In Fachkreisen gilt eine Konsolidierung der deutschen Marinewerften weiterhin als sinnvoll, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Denn die großen europäischen Konkurrenten in Italien, Frankreich oder Spanien stark vom Staat unterstützt oder sind sogar in Staatsbesitz. Während die bisherigen deutschen Player im Marineschiffbau es nicht vermocht haben, eine solche Konsolidierung umzusetzen, trauen Beobachter Rheinmetall-CEO Papperger einiges zu.
Lars Hoffmann


















