Das auf KI spezialisierte Verteidigungsunternehmen Helsing soll offenbar einen Großauftrag der Bundeswehr für die Entwicklung eines sogenannten Missionssystems erhalten, mit dem unbemannte Kampfflugzeuge und sogenannte Remote Carrier miteinander kommunizieren, sich vernetzen und gemeinsam Operationen ausführen können. In das über 220 Millionen Euro brutto schwere Forschungs-und-Technologievorhaben sollen noch weitere industrielle Player aus Deutschland eingebunden werden, wie zu vernehmen ist. Gut informierten Kreisen zufolge soll eine sogenannte 25-Millionen-Euro-Vorlage dazu noch vor der Sommerpause des Bundestags behandelt werden.
Die Vorarbeiten für die als Combat Fighter System of Systems Nucleus (CFSN) bezeichnete Entwicklungsumgebung sind bereits vor längerer Zeit im Rahmen des nationalen Anteils am Future Combat Air System (FCAS) gemacht worden. Hierbei wurden vom trilateralen FCAS-Projekt nicht abgedeckte Themenbereiche in nationaler Hoheit und Finanzierung bearbeitet.
Bei CFSN handelt es sich somit um ein komplementär zum FCAS-Programm Next Generation Weapon System (NGWS), das aus dem Fighter und unbemannten Begleitflugzeugen bestand, vorangetriebenes Vorhaben. Dass sich Frankreich und Deutschland mittlerweile entschieden haben, kein gemeinsames Kampfflugzeug zu bauen und damit auch kein NGWS, dürfte somit zunächst keine Auswirkungen auf CFSN haben. Allerdings müsste sichergestellt werden, dass eine Integration des CFSN in eine zukünftige FCAS-Combat-Cloud – wenn diese denn wirklich kommen sollte – möglich wird.
Dem Vernehmen nach ist offenbar vorgesehen, dass die Eigentumsrechte am CFSN in nationalem Eigentum verbleiben. Träfe dies zu, würde Helsing als Dienstleister auftreten, der für die Entwicklung und Software-Programmierung zuständig ist. Mit einem solchen souveränen und offenen Missionssystem soll offenbar eine Referenzarchitektur geschaffen werden, mit der verschiedene Hersteller ihre Drohnen ausstatten können und die dann damit untereinander kommunizieren. In Fachkreisen wird vermutet, dass so beispielsweise auch Jagdbomberdrohnen unterschiedlicher Anbieter miteinander vernetzt werden könnten. Schon bei einem denkbaren Auswahlwettbewerb für Jagdbomberdrohnen könnten diese womöglich das neue Missionssystem nutzen, was die Vergleichbarkeit erleichtert. Weder das BMVg noch Helsing wollten sich auf Nachfrage zu dem Vorhaben äußern.
Bei verschiednen Veranstaltungen hatten Vertreter des Bundeswehr-Beschaffungsamtes BAAINBw in der Vergangenheit einen Ansatz vorgestellt, bei dem neben Drohnen- und Drohnenschwärmen auch sogenannte Remote Carrier – dabei kann es sich auch um Marschflugkörper handelt – mit den CFSN geführt werden sollen. So ist offensichtlich der bei MBDA Deutschland in Entwicklung befindliche Flugkörper RCM² als Testbed vorgesehen. RCM² steht für Remote Carrier Multidomain Multirole Effector und ist ein universeller Konzept-Lenkflugkörper, der die Eigenschaften von Marschflugkörpern und unbemannten Drohnen für den Einsatz in allen Teilstreitkräften kombiniert. Dieser RCM² kann mit verschiedenen Nutzlasten, etwa IR-Sensorik, ESM-Sensorik oder einem Gewichtsdummy anstelle eines letalen Effektors ausgestattet werden.
Dem Vernehmen nach sollen auch Experimentalplattformen für Unmanned Combat Aerial Vehicles (UCAV) im Rahmen des Vorhabens entwickelt werden. Offenbar soll mit ihnen der CFSN getestet und weiterentwickelt werden. Genauere Details zu diesen Plattformen sind öffentlich nicht verfügbar.
Da das F&T-Projekt wesentliche deutsche Sicherheitsinteressen betrifft, wurde die Direktvergabe gewählt. Andernfalls besteht die Gedfahr, dass womöglich sensible Informationen abfließen. Dem Vernehmen nach soll Helsing als einziger deutscher Anbieter bei einer Marktsichtung alle geforderten Kriterien für die Entwicklung des CFSN erfüllt haben.
Lars Hoffmann


















