Taktische Weiterentwicklung der Drohnenkriegsführung – die proaktive Drohnenabwehr

Waldemar Geiger

Anzeige

Der Krieg in der Ukraine hat in den letzten Jahren die Drohnenkriegsführung sowohl aus taktischer als auch technischer Perspektive um zahlreiche Aspekte vorangebracht. Nun scheint sich ein neuer taktischer Trend zur systematisch angelegten proaktiven Drohnenabwehr zu manifestieren.

Der Grundgedanke einer proaktiven Bekämpfung gegnerischer Fähigkeiten ist dabei nicht neu. Bekannt ist sowas unter anderem aus der Artillerietruppe, wo dies unter der Überbegriff Artilleriebekämpfung – im Englischen Counterbattery Fire – subsumiert ist. Unter Artilleriebekämpfung versteht man die Fähigkeit, feindliche Artillerie- und Mörserstellungen und -kräfte zu orten und mittels eigenem Artilleriefeuer bekämpfen zu können. Man unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen aktiver und reaktiver Artilleriebekämpfung: Bei der reaktiven Bekämpfung wird das feindliche Feuer mittels technischer Hilfsmittel – beispielsweise Schallmesstrupps, Radar oder Aufklärungsdrohnen – geortet, zurückverfolgt und schnellstmöglich mit eigenem Feuer auf die geortete Stellung beantwortet. Bei der aktiven Artilleriebekämpfung wird versucht, die gegnerische Artillerie mittels unterschiedlicher Aufklärungsmittel wie beispielsweise Drohnen oder Aufklärungskräfte zu orten und mit eigenem Feuer zu bekämpfen, noch bevor diese die Feuerstellung erreicht und mit dem Schießen von Feuerkommandos beginnen.

Anzeige

Zur Wahrnehmung dieser Aufgaben werden dezidiert dazu befähigte Kräfte und Mittel vorgehalten. In der Prioritätenrangfolge rangiert die Artilleriebekämpfung manchmal sogar oberhalb der Feuerunterstützung der eigenen Kampftruppe. Die Idee dahinter ist leicht verständlich: Wenn es gelingt, die feindlichen Feuerunterstützungsmittel auszuschalten, hat man dem Feind zweier Möglichkeiten gleichzeitig beraubt. Erstens, die eigene Truppe mit Artilleriefeuer zu unterstützen und zweitens, die gegnerische Artillerie zu bedrohen und damit feindliches Artilleriefeuer zu unterbinden.

Anzeige

Ähnliche Grundüberlegungen scheinen nun in die Drohnenkriegsführung auf ukrainischer und russischer Seite systematisch Einzug zu erhalten. Dabei werden eigene Drohnenfähigkeiten speziell dafür vorgehalten, um feindliche Drohnenaktivitäten aufzuklären und zu bekämpfen, wie unter anderem der US-Kriegsanalyst Michael Kofman, Senior Fellow bei der Carnegie Endowment und Host des Podcast „The Russia Contingency“ in der am 14. August veröffentlichten Podcast-Folge erklärt.

Kofman zufolge setzen sowohl die Kräfte des russischen Elite-Drohnenverbandes Rubicon als auch die besseren Drohneneinheiten der ukrainischen Streitkräfte auf diese Taktik. Dabei werden eigene Systeme oberhalb des Gefechtsgeschehens platziert und feindliche Drohnenbewegungen überwacht, um so Stellungen von Drohnenpiloten bzw. Start- und Landeplätze zu finden.

Dabei werden Kofmans Aussage nach, auch mögliche Stellungen anhand von Geländeanalysen antizipiert. Dies ist ebenfalls aus der Welt der Artillerie bekannt, bei der das Gelände bereits im Vorfeld auf günstige Feuerstellungsräume des Feindes untersucht wird, um so die Aufklärung zu beschleunigen.

Bedenkt man, dass das Gros der Drohneneinsätze heute immer noch durch die Steuerung mittels menschlicher Piloten erfolgt, und die Erfolgsbilanz des Drohneneinsatzes Berichten zufolge einer direkten Abhängigkeit zum Können und zur Erfahrung des Piloten unterliegt, erkennt man schnell, welche Vorteile die Bekämpfung feindlicher Drohnenpiloten oder der für die Steuerung der Drohnen notwendiger Mittel im Gegensatz zur „einfachen“ Drohnenabwehr mit sich bringt. Insbesondere einfache und günstige Aufklärungs- und Strike-Drohnen sind schnell, günstig und einfach zu ersetzen. Erfahrene Drohnenpiloten fallen hingegen nicht vom Himmel und können auch nicht am Fließband ausgebildet werden. Die Bekämpfung eines solchen Piloten rechtfertigt auch den Umstand, dass man in Folge dieses Bekämpfungsprozesses längere Zeit auf Feuerunterstützung durch eigene, erfahrene Drohnenpiloten verzichten muss.

Alles in allem kann diese Entwicklung als weiterer Schritt im Reifeprozess der Drohnenkriegsführung angesehen werden, bei dem das derzeit zu beobachtende stetige Spiel zwischen Drohneneinsatz und Drohnenabwehr langfristig eine gewisse Balance erreicht, wie sie auch bei klassischen Waffensystemen zu beobachten war. Dabei wird das Rad auch bei der Drohnenkriegsführung nicht neu erfunden, sondern Erkenntnisse der klassischen Kriegsführung auf den Einsatz der Drohnen projiziert.

Waldemar Geiger