Einbruch oder Durchbruch? – die Sickertaktik der russischen Infanterie

Waldemar Geiger

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Die teilweise mehrere Kilometer tiefe Penetration der ukrainischen Stellungssysteme im Frontabschnitt zwischen Pokrowsk und Kostiantyniwka in den vergangenen Tagen durch russische Truppen ist derzeit Gegenstand reger Diskussionen. Eine der offenen Fragen lautet, wie so etwas auf einem „gläsernen Gefechtsfeld“ passieren konnte. Eine weitere Frage ist, ob es sich bei dem Vorstoß nur um einen Einbruch handelt oder ob gar ein Durchbruch der ukrainischen Verteidigungsstellungen erzielt wurde.

Jüngst in einem Interview geäußerte Aussagen des stellvertretenden Leiters der Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums der Ukraine (Militärgeheimdienst HUR), Generalmajor Vadym Skibitsky, liefert Antworten auf die erste Frage, während die zweite Frage wohl nur durch die Zeit beantwortet werden wird.

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Um zu verstehen, wie es zu der Penetration der ukrainischen Stellungen, OSINT-Daten deuten auf eine Tiefe von rund 10 km hin, kommen konnte, muss man zuerst verstehen, wie die Verteidigungslinien derzeit aufgebaut sind. Vielen Frontberichten zufolge bestehen die Verteidigungslinien der Ukraine nicht aus durchgehenden und in der Tiefe gestaffelte Stellungssystemen, sondern eher vielen einzelnen Stellungen, die mehr oder weniger weit voneinander entfernt liegen. Hauptgrund dafür ist die unzureichende Personalstärke der ukrainischen Kampftruppen, die keine dichteren Verteidigungslinien zulässt.

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Sickern statt Vorstoßen

Den russischen Streitkräften gelingt es offenbar immer wieder, Lücken in diesen „Linien“ zu finden und diese für die eigenen Vorstöße auszunutzen. Wie das derzeit typischerweise aussieht, beschreibt Skibitsky in einem am 12. August erschienenen Interview mit dem ukrainischen Medium Suspilne, in dem der General neben der russischen Raketen- und Drohnenkampagne auch auf die aktuelle Infanterietaktiken der russischen Streitkräfte eingeht.

Skibitskys Ausführungen zufolge setzen sich russische Sturmtrupps aktuell nur noch aus zwei bis drei Soldaten zusammen. „Alle unsere Einheiten bestätigen: Diese Soldaten legen Strecken von drei bis fünf Kilometern zurück, gelangen so in unseren rückwärtigen Raum, beziehen dort irgendwo eine Stellung und warten auf den Rest der Truppe. So dringen sie einzeln oder in kleinen Gruppen in unsere Gebiete ein und warten auf den richtigen Moment, um Kampfhandlungen zu beginnen“, berichtet der ukrainische General. Dies wurde seiner Aussage nach in der Region Pokrowsk beobachtet und derzeit in ähnlicher Art und Weise in der Region Dnipropetrowsk versucht. „Viele russische Kriegsgefangene fangen wir heute genau bei solchen Bewegungen ab“, wird Skibitsky in dem Interview zitiert. „Diese Personen haben einen klaren Auftrag. Sie haben eine vorgegebene Route, bestimmte Orientierungspunkte, die sie erreichen müssen, und einen Endpunkt, an dem sie zwei, drei Tage oder sogar eine Woche warten sollen. Dann stoßen etwa 15 weitere Soldaten zu ihnen – und sie warten gemeinsam auf den Moment, in dem die Hauptkräfte ankommen“, erklärt er weiter.

Anstatt die Stellungen anzugreifen, sickert die russische Infanterie also durch die ukrainischen Verteidigungslinien und führt die Angriffe erst dann durch, wenn genügend Kräfte im rückwärtigen Raum der ukrainischen Stellungen gesammelt wurden. Der Grund dafür wird aller Voraussicht nach darin liegen, dass einzelne Trupps trotz der Drohnenaufklärung einfacher unerkannt durch die Stellungen gelangen können, als dies größeren Gruppen möglich wäre. Gleichzeitig werden so die Verluste begrenzt, wenn die Trupps doch durch die ukrainischen Streitkräfte erkannt werden. Ist eine Lücke jedoch erkannt und bestätigt, können peu à  peu Kräfte nachgezogen werden, bis die notwendige Truppenstärke für einen Angriff erreicht ist. Der Nachteil einer solchen Taktik liegt in der sehr niedrigen Geschwindigkeit, da die Umsetzung eines solchen Vorgehens selbst für kleine Geländegewinne sehr viel Zeit in Anspruch nicht. Wie den Aussagen des ukrainischen Geheimdienstgenerals entnommen werden kann, brauchen Angriffe in Zugstärke auf diese Weise mehrere Tage bis gar eine Woche.

Einbruch oder Durchbruch

Genau dieser Umstand erschwert auch die Beurteilung der aktuellen Lage im Frontabschnitt Pokrowsk und Kostiantyniwka von außen. So wurden zwar in den letzten Tagen russische Kräfte tief hinter den ukrainischen Verteidigungslinien gemeldet, jedoch mit dem Verweis, dass es sich (noch) nicht um größere Kräftegruppierungen handelt. Streng genommen kann so – zumindest auf Basis von öffentlich zugänglichen Informationen – noch nicht einmal vom Einbruch, geschweige denn vom Durchbruch gesprochen werden. Im militärischen Sprachgebrauch sprich man typischerweise vom Einbruch, wenn größere Kampftruppengruppierungen – die Größe kann hier jedoch entsprechend der Frontabschnittsgröße variieren – in die Feindstellungen vordringen und so eine Möglichkeit für das weitere Vorgehen gegen den sich zur Verteidigung eingerichteten Feind schaffen. Idealerweise wird eine solche Einbruchstelle systematisch ausgeweitet, um dann Folgekräften einen tieferen Vorstoß in den vom Feind kontrollierten Raum zu ermöglichen. Erst wenn dies erfolgt ist, und die angreifenden Kräfte auch die hinteren Verteidigungslinien passiert haben, spricht man von einem Durchbruch. Dabei wird der Raum zwischen den Spitzen und den vormaligen Verteidigungsstellungen des Feindes durch den Angreifer kontrolliert.

Die personellen und materiellen Verluste des nunmehr seit rund 3,5 Jahren mit hoher Intensität tobenden Krieges hat auf beiden Seiten dazu geführt, dass größere für Angriffe vorbestimmte Kräftegruppierungen in Brigadestärke aufwärts nur noch vereinzelt zusammengezogen werden. Ganz zu schweigen von noch größeren Reserven, die für das Ausnutzen von Durchbrüchen notwendig sind. Insbesondere die russischen Vorstöße werden seit Monaten durch Kleingruppentaktiken dominiert. Dies muss jedoch nicht heißen, dass auf russischer Seite keine ausreichend starken Kräfte zum Ausnutzen der aktuellen Penetration zusammengezogen werden können. Denn den Aussagen des ukrainischen Geheimdienstgenerals in dem Interview zufolge, verfügt Russland über genügend operative Reserven, um russische Fronttruppen regelmäßig rotieren zu können. Diese Reserven können folglich auch für die Zwecke eines Durchbruchs genutzt werden.

Jedoch könnte sicherlich auch die Ukraine die entstandenen Lücken mittels Truppenverlagerungen in den Raum schließen und den derzeit noch als zahlenmäßig gering berichteten russischen Vorstoß abwehren. Da die Frontstellungen jedoch heute schon arg ausgedünnt sind und das Land über kaum operative Reserven für Truppenrotationen verfügt, müssten die derzeitigen Stellungen noch weiter ausgedünnt werden.

Welche der beiden theoretischen Möglichkeiten tatsächlich eintreten wird, lässt sich ohne Zugang zu aktuellen Lageinformationen auf beiden Seiten nicht seriös voraussagen. So dass schlussendlich doch noch einige Zeit abgewartet werden muss, bis sich der „Kriegsnebel“ lichtet und man mit größerer Gewissheit sagen kann, ob es zu einem Durchbruch ukrainischer Verteidigungslinien gekommen ist oder nicht.

Waldemar Geiger