Das von Diehl Defence entwickelte und produzierte Luftverteidigungssystem mittlerer Reichweite Iris-T SLM leistet seit dem ersten Jahr der russischen Vollinvasion in die Ukraine einen wichtigen Beitrag zum Schutz ukrainischer Truppen und Bevölkerung, dabei wurden offenbar auch ballistische Raketen erfolgreich abgewehrt, wie Oleksii Makeiev, ukrainischer Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, in einem am 28. Juli erschienen Interview mit der European Pravda öffentlich gemacht hat.
Mit Verweis auf den weiterhin hohen Bedarf an dem für die Abwehr ballistischer Raketen optimierten Luftverteidigungssystem Patriot wies Makeiev in dem Interview darauf hin, dass ihm ukrainische Soldaten von Fällen berichtet hätten, in denen das eigentlich für einen anderen Zweck ausgelegte Luftverteidigungssystem Iris-T eine ballistische Rakete abschießen konnte. Welche Raketen genau mit Iris-T SLM abgewehrt werden konnten und unter welchen Voraussetzungen die Erfolge erzielt werden konnten geht aus dem Interview nicht hervor.
Auch der Hersteller Diehl Defence wollte sich auf Nachfrage nicht zu den konkreten Fällen äußern. Ein Sprecher wies bezüglich Performance von IRIS-T SLM in der Ukraine lediglich darauf hin, dass sich der „Kunde wiederholt sehr zufrieden mit einer Trefferquote von 100 Prozent geäußert hat“. Hier dürfte es sich jedoch um Angaben handeln, die das Luftverteidigungssystem gegen Langstrecken-Angriffsdrohnen und Marschflugkörper erzielt hat.
Abwehr von ballistischen Raketen
Die Fähigkeit von Iris-T SLM ballistische Bedrohungen abwehren zu können ist per se nicht neu, es kommt hier jedoch sehr genau auf Art der Bedrohung an. So beschreibt beispielsweise die Bundeswehr, dass das System in der Lage ist ballistische Kurzstreckenraketen abzuwehren. „Das System IRIS-T SLM von Diehl Defence gilt als modernstes, kampferprobtes und modulares Flugabwehrraketensystem zur Abwehr von Angriffen aus der Luft. Es ermöglicht einen 360-Grad-Rundumschutz vom Nächstbereich bis auf mittlere Entfernungen (effektive Längenreichweite 40 Kilometer) und bekämpft feindliche Flugzeuge, Hubschrauber, Marschflugkörper und Lenkwaffen einschließlich ballistischer Kurzstreckenraketen“, heißt es in dem Iris-T-SLM-Steckbrief auf der offiziellen Bundeswehr-Webseite.
Ohne weitere Angaben ist es jedoch unmöglich zu erahnen, um welche konkreten ballistischen Raketen es sich bei den vom Botschafter angesprochenen Abfangerfolgen in der Ukraine handelt. Gut informierten Kreisen zufolge soll ein Grund für die hohe Trefferquote des Luftverteidigungssystem das Hensoldt-Radar mit seiner hohen Präzision sein. Dies ermöglicht es offenbar, einen Iris-T-Flugkörper bis nahe ans Ziel zu führen und dieses zu bekämpfen. Mittels eines integrierten Datenaustausches mit Weitbereichssensoren, die der Voreinweisung von Iris-T SLM dient, dürfte das System in der Lage sein, eine große Bandbreite an ballistischen Bedrohungen zu detektieren und zu verfolgen. In Kombination mit einer ausreichend guten Bedrohungsdatenbank könnten daraus theoretisch auch Feuerleitlösungen für die ballistischen Bedrohungen errechnet und die Flugkörper – zumindest in seinem optimalen Abwehrbereich – zum Ziel dirigiert werden.
Das solche Lösungen nicht ausschließlich der theoretischen Diskussion entspringen, zeigt die Performance israelischer Luftverteidigungssystem im sogenannten 12 Tage Krieg mit dem Iran. Bilder aus dem Krieg bestätigen, dass die in David’s Sling eingesetzten Stunner-Abfangraketen erfolgreich anfliegende ballistische Mittelstreckenraketen abgeschossen haben. Dies ist bemerkenswert, da Stunner für die Abwehr von Bedrohungen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern optimiert und nominell ausgelegt ist. In diesem Sinne hat das System seine bekannten Spezifikationen übertroffen.
Noch überraschender ist, dass Videoaufnahmen aufgetaucht sind, die zeigen, wie Tamir-Abfangraketen – die im Iron-Dome-System auf der untersten Stufe eingesetzt werden – einen offenbar ballistischen Mittelstreckenraketensprengkopf in einer geschätzten Höhe von fünf bis sieben Kilometern abfangen. Nominell sind Tamir-Abfangraketen nicht dafür ausgelegt, solche Bedrohungen abzufangen, geschweige denn erfolgreich zu sein. Dass sie dies dennoch geschafft haben, spricht für die Stärke der israelischen Verteidigungsindustrie und die Iron-Dome-Bediener. Es deutet auch darauf hin, dass einige Abfangversuche unter Bedingungen erheblicher Dringlichkeit unternommen wurden.
Ähnliche „Überraschungen“ ließen sich unter Umständen auch mit Iris-T SLM erzielen. Grundvoraussetzung ist jedoch die frühzeitige und genau Aufklärung sowie Klassifizierung der ballistischen Bedrohung, um den Abfangflugkörper entsprechend zum Einsatz bringen zu können. Ein solches System wäre zwar immer noch kein adäquater Ersatz für auf die Abwehr von ballistischen Flugkörpern spezialisierte Luftverteidigungssysteme, könnte diese jedoch entlasten oder ergänzen.
Reichweitenbegrenzungen
Ein zentrales Problem beim Einsatz der Iris-T SLM für die Abwehr ballistischer Raketen ist ihre begrenzte Höhenreichweite. Die Iris-T-SLM-Abfangrakete ist für das Abfangen bodennah fliegender Ziele optimiert. Ihre maximale Reichweite und Flughöhe liegen laut Hersteller bei jeweils rund 40 bzw. 20 Kilometern. Damit kann sie ballistische Flugkörper nur in der terminalen Phase abfangen – und selbst dann nur in äußerst geringer Höhe im Vergleich zum vorhergehenden Verlauf der ballistischen Flugbahn. Gleichzeitig muss ein erheblicher Teil der kinetischen Energie der Abfangrakete aufgewendet werden, um die nötige Höhe zu erreichen, was die Einsatzreichweite weiter einschränkt, insbesondere im Vergleich zu Abfangmissionen gegen bodennah fliegende Bedrohungen wie Marschflugkörper oder Langstreckendrohnen.
Die Folge ist ein stark begrenzter Wirkungsbereich gegen ballistische Bedrohungen. Iris-T wäre daher in dieser Rolle eher als Punktverteidigungssystem zu gebrauchen. Für den Schutz größerer Flächen vor ballistischen Bedrohungen wäre es voraussichtlich nicht geeignet.
Diehl Defence arbeitet derzeit jedoch an der in Entwicklung befindlichen Iris-T SLX, einer reichweitengesteigerten und auf die ballistische Flugabwehr optimierte Abfangrakete für Iris-T SLM. Laut Hersteller soll die Iris-T SLX eine größere Reichweite bis 80 km und eine Höhenabdeckung von bis zu 30 km erreichen, was den Wirkungsbereich gegen ballistische Ziele deutlich erhöhen wird. Erfahrungen aus der Ukraine mit Iris-T SLM, vor allem die Erhebung relevanter Daten zu erfolgreichen und nicht erfolgreichen Abfangvorgängen sowie das Aufbauen einer ballistischen Bedrohungsdatenbank könnten dem Entwicklungsvorhaben zu Gute kommen.
Steckbrief Iris-T SLM in der Ukraine
Nach Aussage des ukrainischen Botschafters in dem Interview setzt sich ein Iris-T-Luftverteidigungssystem in der Ukraine aus insgesamt drei Iris-T-SLM-Startgeräten und zwei Iris-T-SLS-Startgeräten zusammen.
Darüber hinaus dürfte das System auch über ein TRML-4D-Radar von Hensoldt mit einer Erfassungsreichweite von bis zu 250 km sowie ein Gefechtsstandfahrzeug verfügen. Damit dürfte ein System in der Kampfbeladung über bis zu 24 Iris-T-SLM-Flugkörper zur Bekämpfung von Bedrohungen in einer Entfernung von bis zu 40 km und acht Iris-T-SLS-Flugkörper zur Bekämpfung von Bedrohungen in einer Entfernung von bis zu 12 km verfügen. Insgesamt hat die Ukraine Makeiev zufolge sieben von 18 bestellten Iris-T-Feuereinheiten erhalten.
Waldemar Geiger und Fabian Hoffmann
















